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21.01.2022 - ALTERTUM

Raetsel um das Orakel von Delphi

Ekstase oder Betrug, gelebte Religion und politische Instrumentalisierung

Josef Tutsch

 
 

König Aigeus vor der Pythia, um 430 v. Chr. (Antikensammlung Berlin) – Bild: Zde/Wikipedia


„Das Orakel war high". So oder so ähnlich lauteten die Schlagzeilen, als vor 20 Jahren die Meldung um die Welt ging, das Geheimnis des antiken Heiligtums von Delphi sei endlich gelüftet. Eine interdisziplinäre Forschergruppe war zu dem Schluss gekommen, bei dem göttlichen Hauch, unter dessen Einwirkung die Pythia ihre Weissagungen verkündete, habe es sich um Äthylen gehandelt. Unter dem Apollontempel hatte der amerikanische Geologe Jelle de Boer zwei Erdverwerfungen gefunden, die einander kreuzten. Dadurch hätten unterirdische Dämpfe in den Tempel aufsteigen und das Medium in Trance versetzen können.

Einige Jahre später variierten italienische Geologen de Boers Ansatz. Verantwortlich sei statt Äthylen eher eine Konzentration von Kohlendioxid, die zu Sauerstoffmangel führte. Oder auch die Freisetzung von Schwefelgasen. Das würde sogar zur antiken Mythologie passen. Unter dem Heiligtum, erzählte man sich, liege der Drache Python, den Apollon, der Gott des delphischen Orakels, einst getötet habe. Sein Leichnam verbreite weiterhin Geruch.

Offen bleibt allerdings in diesen naturwissenschaftlichen Erklärungen, kommentiert die Göttinger Althistorikerin Dorit Engster, warum nur die Pythia von den Dämpfen berauscht wurde, nicht aber die Priester in ihrem Umkreis. Kamen die Orakelsprüche von Delphi wirklich durch „psychoaktive" Substanzen zustande? Die Ekstase der Pythia bildet auch nur eines der vielen Geheimnisse, die sich bis heute rund um Delphi ranken. Die Archäologin Balbina Bäbler von der Universität Bern und der Philologe Heinz-Günther Nesselrath von der Universität Göttingen haben jetzt einen umfangreichen Sammelband mit Beiträgen zur aktuellen Forschung über das Orakel des Apollon, dieses berühmteste aller Heiligtümer der antiken Welt, herausgegeben.

Bereits die Figur der Pythia gibt Rätsel auf. Eine erwachsene, vielleicht auch ältere Frau, heißt es in den Quellen. Und zwar die einzige weibliche Person im gesamten heiligen Bezirk - ansonsten war nur Männern der Zutritt gestattet. Die Frau, die als Sprachrohr des Gottes fungierte, musste sexuell enthaltsam leben, da Geschlechtsverkehr als kultisch verunreinigend galt. Ob man das als Jungfräulichkeit verstehen soll, wie ein Großteil der modernen Interpreten es als selbstverständlich ansieht, erklärt die Göttinger Historikerin Tanja S. Scheer für sehr zweifelhaft. Mädchen wurden durchweg „in sehr jugendlichem Alter" verheiratet. Für Junggesellinnen (und übrigens auch für Junggesellen) gab es in der griechischen Polis gar kein Rollenbild. Man wird, meint Scheer, eher an eine Witwe denken müssen.

Die Klienten, berichtet der Heidelberger Historiker Kai Trampedach, redeten die Pythia mit „Gott" oder „Herr" an, in der männlichen Wortform, richteten sich eigentlich also direkt an Apollon. Umgekehrt benutzte „der Gott" so sahen es jedenfalls alle antiken Quellen, bei den Antworten die Pythia als seinen Mund. Der Intention nach war das Medium als eigene Person gar nicht anwesend. Das stellt moderne Historiker, die nicht an einen Gott Apollon glauben, schreibt Trampedach, vor ein sehr grundsätzliches Problem: Wer ist als Urheber der Sprüche anzunehmen? Die Pythia selbst? Dem Schriftsteller Plutarch zufolge, der um 100 n. Chr. in Delphi als Priester amtierte, wurde sie aus einer Familie ausgewählt, von der nicht zu befürchten war, sie könnte das Orakel für eigene Interessen nutzen. Eine besondere Bildung ist da eher unwahrscheinlich.

Viele der überlieferten Orakel sind in Versen formuliert. Wurde die Pythia dazu ausgebildet, sich halb und halb poetisch zu äußern? In modernen Darstellungen ist oft zu lesen, erst die Priester hätten das Lallen der Pythia in verständliche Sätze übertragen. Sogar von einer „delphischen Politik" ist die Rede, vor allem im Zusammenhang der Perserkriege. Damals warnte der „der Gott" die Griechen bis kurz vor der Schlacht von Salamis, jeder Widerstand gegen den Großkönig sei aussichtslos. Aber, so Trampedach: „Kein einziger antiker Text legt auch nur nahe, dass irgendjemand anders als die Pythia die Orakelantworten erteilte". Bis hinein in die römische Kaiserzeit werden die Priester nicht einmal erwähnt.

Natürlich ist der Gedanke an eine steuernde Tätigkeit der Priester schwer von der Hand zu weisen. Aber man sollte sich klarmachen, betont Trampedach, dass er auf die Unterstellung hinausläuft, über Jahrhunderte hinweg wären die Funktionäre des Tempels allesamt Betrüger gewesen und ihre Klienten allesamt Dummköpfe. Hand aufs Herz: Welche Narrative der Gegenwart, die für uns selbstverständliche Gewissheiten sind, werden spätere Historiker vielleicht als naiv belächeln?

In der gesamten Antike war unbestritten, dass Betrug und Bestechung gar nicht so selten vorkamen. Herodot berichtet von einem Fall, dass 492 v. Chr. eine Pythia abgesetzt wurde, weil sie dem Spartanerkönig Kleomenes für Geld das gewünschte Orakel erteilt hatte. Der Schriftsteller Plutarch, der um 100 n. Chr in Delphi als Priester amtierte, berichtete aufgebracht von einem Eklat, den sein älterer Kollege Nikander hervorgerufen hatte. Ein Opfertier wehrte sich gegen seine Tötung. Das hätte nach den Vorschriften ein Orakel unmöglich gemacht, auch die Pythia wollte einen Spruch verweigern. Doch Nikander ließ die Befragung durchführen: „Wenn eine wichtige Delegation um Orakel bat, standen die Verantwortlichen unter erheblichem Erwartungsdruck", erläutert der Berner Religionshistoriker Rainer Hirsch-Luipold.

Es gab auch Gewalt. 334 v. Chr. schleifte Alexander der Große die Pythia, die nicht sofort auf seine Frage antworten wollte, an den Haaren in den Tempel. Ihren erschreckten Ausruf „du bist unüberwindbar, junger Mann" konnte er dann in seinem Sinn interpretieren. Viermal, schreibt der Historiker Pierre Sánchez von der Universität Genf, wurde um die Kontrolle über das Heiligtum sogar Krieg geführt.

Und immer wieder waren Einseitigkeiten und Voreingenommenheiten unübersehbar. Das „defaitistische" Orakel von 480 v. Chr. wird von vielen Historikern so gedeutet, dass den Priestern eine persische Herrschaft über Griechenland gar nicht so ungelegen gekommen wäre. Kurz darauf soll sich Delphi in einem zweiten Spruch korrigiert haben: Die Athener könnten hinter hölzernen Mauern finden. Sogar die Insel Salamis wurde genannt, wo der Feldherr Themistokles dann tatsächlich die Entscheidung in einer Seeschlacht suchte.

Hatte Themistokles, wie viele Historiker glauben, die Priester bestochen? Oder wurde dieser zweite Spruch, wie andere meinen, erst nachträglich erfunden, um die Reputation des Orakels aufrecht zu erhalten? Dieselbe Frage wäre zu der Erzählung zu stellen, die Perser hätten bei ihrem Marsch durch Mittelgriechenland auch die Orakelstätte selbst angegriffen und seien auf wundersame Weise zurückgeschlagen worden. Wahrscheinlich, meint Nesselrath, wollte die Priesterschaft sich damit vom Ruch der Kollaboration mit dem Feind befreien.

Wie es scheint, nahm die griechische Öffentlichkeit - „wohl jeder gläubige Hellene", konstatiert der Tübinger Archäologe Werner Gauer - diese „Rechtfertigungslegende" „für bare Münze". So ist denn auch bis ins 1. Jahrhundert v. Chr., betont Trampedach, kein einziger Text bekannt, der die Autorität des delphischen Apollon grundsätzlich in Frage gestellt hätte. Kritische Fragen gab es aber durchaus, am prominentesten beim Tragödiendichter Euripides. In der „Orestie" des Aischylos erteilt Apollon dem Sohn des Agamemnon den Auftrag, aus Rache für die Ermordung seines Vaters seine Mutter Klytaimestra zu töten. Als Euripides ein halbes Jahrhundert später diese Geschichte neu bearbeitete, legte er Orestes heftige Klagen über die fragwürdige Gerechtigkeitsvorstellung des Gottes in den Mund.

Ob man darin eine Stellungnahme des Dichters sehen darf, bleibt offen. Jedenfalls, stellt Nesselrath fest, konnte auf der attischen Bühne eine Figur ganz offen die Sinnhaftigkeit der Orakelsprüche in Zweifel ziehen. Doch erst in der römischen Kaiserzeit, berichtet der Kölner Philologe Jürgen Hammerstaedt, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zwischen den philosophischen Schulen über den Wert von Orakeln. Während Vertreter der Stoa meinten, durch göttliche Eingebung könne Einblick in die schicksalhafte Verkettung der Ereignisse gewonnen werden, erklärte etwa der Kyniker Oinomaos im 2. Jahrhundert, die Sprüche aus Delphi seien aus Eigennutz und politischem Kalkül geboren.

Was aus moderner Perspektive überrascht: Die „natürliche" Erklärung für die Ekstase der Pythia, die in unserer Gegenwart so viel Furore gemacht hat, spielte in der spätantiken Polemik gegen das Orakel gar keine Rolle. Zwar ist immer wieder davon die Rede, die Pythia sitze über einer Erdspalte oder begebe sich in eine Höhle und werde durch das Einatmen von Ausdünstungen inspiriert. Aber nach damaliger Sicht, so Engster, „musste die Annahme natürlicher Vorgänge im Erdinneren nicht unbedingt im Widerspruch zu religiösen Vorstellungen stehen". So diskutierte auch der Priester Plutarch in einer seiner Schriften ausführlich über die besondere Qualität des Ortes Delphi, etwa über das Aufsteigen von Dämpfen infolge der Erwärmung und über die angeblich besonders angenehme und süßliche Luft. Diese Eigenschaften, referiert Engster, würden die „Sehkraft" der menschlichen Seele stärken, eben ihre Fähigkeit zur Weissagung.

Mehr noch als für solche Erklärungen interessierte sich Plutarch jedoch für die spekulative Ausdeutung des Orakels. Im Zentrum seiner Überlegungen stand das geheimnisvolle Schild mit einem Epsilon-förmigen Zeichen, dass vor dem Tempeleingang aufgehängt war. Sein Kollege Nikander deutete diesen Buchstaben im Sinne der griechischen Fragepartikel „ei", übersetzt „ob", mithin als Abbreviatur der Frage an das Orakel, ob man dieses oder jenes tun solle. Plutarch dagegen glaubte, in diesem „E" die Verbform „ei" zu erkennen, „du bist". Wenn der Besucher beim Eintritt in das Heiligtum diese Formel sprach, setzte er sich selbst, wie der Berner Forscher resümiert, als „nichtigen Menschen" zum „seienden Gott" in Beziehung. Durch die Inschrift auf einer Säule in der Vorhalle des Tempels konnte sich Plutarch bestätigt sehen: Dort war der Spruch „Erkenne dich selbst!" zu lesen.

Zu Plutarchs Zeit war Delphi jedoch bereits an Bedeutung verloren, es war nur noch eine Orakelstätte unter vielen anderen. Aber natürlich war der Wunsch, von der Zukunft Kenntnis zu erlangen, so lebendig wie eh und je. In der Sicht der frühen Christen, so der Mainzer Kirchenhistoriker Ulrich Volp, waren die Orakel eine „Konkurrenz zur Herrschaft Christi". Zum Beispiel der Kirchenvater Origenes im 3. Jahrhundert „gestand zu, dass die Antworten der Pythia keine Menschenerfindungen seien, aber sie seien eben nicht göttlicher, sondern dämonischer Herkunft".

Eine Aussage des Kaisers Julian, der im 4. Jahrhundert nochmals versuchte, die vollständige Christianisierung des Römischen Reiches abzuwenden, lässt darauf schließen, dass die „Heiden" dem wenig entgegenzusetzen hatten. Die Orakel „scheinen verstummt zu sein", meinte Julian mit resignierendem Unterton, „im Hinblick auf den Kreislauf der Zeiten". Eine christliche Legende erzählte, im Jahre 362 n. Chr. habe das Orakel gegenüber diesem letzten „heidnischen" Kaiser selbst seine Abdankung verkündet: „Die schöngefügte Halle ist gefallen, Phoibos Apollon besitzt kein Haus mehr, keinen prophetischen Lorbeer. Keine Quelle redet mehr, verstummt ist auch das redende Wasser."


Neu auf dem Büchermarkt:

Delphi. Apollons Orakel in der Welt der Antike, herausgegeben von Balbina Bäbler und Heinz-Günther Nesselrath, Mohr Siebeck, Tübingen 2021, 611 S. mit vielen, z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-16-157570-9, 154,00 €

 

 

 

 

 

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