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- ALTERTUM
Raetsel um das Orakel von Delphi
Ekstase oder Betrug, gelebte Religion und politische Instrumentalisierung
Josef Tutsch
 | | König Aigeus vor der Pythia, um 430 v. Chr. (Antikensammlung Berlin) – Bild: Zde/Wikipedia
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„Das Orakel war high". So oder so ähnlich
lauteten die Schlagzeilen, als vor 20 Jahren die Meldung um die Welt ging, das
Geheimnis des antiken Heiligtums von Delphi sei endlich gelüftet. Eine
interdisziplinäre Forschergruppe war zu dem Schluss gekommen, bei dem
göttlichen Hauch, unter dessen Einwirkung die Pythia ihre Weissagungen
verkündete, habe es sich um Äthylen gehandelt. Unter dem Apollontempel hatte
der amerikanische Geologe Jelle de Boer zwei Erdverwerfungen gefunden, die
einander kreuzten. Dadurch hätten unterirdische Dämpfe in den Tempel aufsteigen
und das Medium in Trance versetzen können.
Einige Jahre später variierten italienische Geologen de Boers Ansatz.
Verantwortlich sei statt Äthylen eher eine Konzentration von Kohlendioxid, die
zu Sauerstoffmangel führte. Oder auch die Freisetzung von Schwefelgasen. Das
würde sogar zur antiken Mythologie passen. Unter dem Heiligtum, erzählte man
sich, liege der Drache Python, den Apollon, der Gott des delphischen Orakels,
einst getötet habe. Sein Leichnam verbreite weiterhin Geruch.
Offen bleibt allerdings in diesen naturwissenschaftlichen Erklärungen,
kommentiert die Göttinger Althistorikerin Dorit Engster, warum nur die Pythia von
den Dämpfen berauscht wurde, nicht aber die Priester in ihrem Umkreis. Kamen
die Orakelsprüche von Delphi wirklich durch „psychoaktive" Substanzen zustande?
Die Ekstase der Pythia bildet auch nur eines der vielen Geheimnisse, die sich
bis heute rund um Delphi ranken. Die Archäologin Balbina Bäbler von der
Universität Bern und der Philologe Heinz-Günther Nesselrath von der Universität
Göttingen haben jetzt einen umfangreichen Sammelband mit Beiträgen zur
aktuellen Forschung über das Orakel des Apollon, dieses berühmteste aller
Heiligtümer der antiken Welt, herausgegeben.
Bereits die Figur der Pythia gibt Rätsel auf. Eine erwachsene, vielleicht auch
ältere Frau, heißt es in den Quellen. Und zwar die einzige weibliche Person im
gesamten heiligen Bezirk - ansonsten war nur Männern der Zutritt gestattet. Die
Frau, die als Sprachrohr des Gottes fungierte, musste sexuell enthaltsam leben,
da Geschlechtsverkehr als kultisch verunreinigend galt. Ob man das als
Jungfräulichkeit verstehen soll, wie ein Großteil der modernen Interpreten es
als selbstverständlich ansieht, erklärt die Göttinger Historikerin Tanja S.
Scheer für sehr zweifelhaft. Mädchen wurden durchweg „in sehr jugendlichem
Alter" verheiratet. Für Junggesellinnen (und übrigens auch für Junggesellen) gab
es in der griechischen Polis gar kein Rollenbild. Man wird, meint Scheer, eher
an eine Witwe denken müssen.
Die Klienten, berichtet der Heidelberger Historiker Kai Trampedach, redeten die
Pythia mit „Gott" oder „Herr" an, in der männlichen Wortform, richteten sich
eigentlich also direkt an Apollon. Umgekehrt benutzte „der Gott" so sahen es
jedenfalls alle antiken Quellen, bei den Antworten die Pythia als seinen Mund.
Der Intention nach war das Medium als eigene Person gar nicht anwesend. Das
stellt moderne Historiker, die nicht an einen Gott Apollon glauben, schreibt
Trampedach, vor ein sehr grundsätzliches Problem: Wer ist als Urheber der
Sprüche anzunehmen? Die Pythia selbst? Dem Schriftsteller Plutarch zufolge, der
um 100 n. Chr. in Delphi als Priester amtierte, wurde sie aus einer Familie
ausgewählt, von der nicht zu befürchten war, sie könnte das Orakel für eigene
Interessen nutzen. Eine besondere Bildung ist da eher unwahrscheinlich.
Viele der überlieferten Orakel sind in Versen formuliert. Wurde die Pythia dazu
ausgebildet, sich halb und halb poetisch zu äußern? In modernen Darstellungen
ist oft zu lesen, erst die Priester hätten das Lallen der Pythia in
verständliche Sätze übertragen. Sogar von einer „delphischen Politik" ist die
Rede, vor allem im Zusammenhang der Perserkriege. Damals warnte der „der Gott"
die Griechen bis kurz vor der Schlacht von Salamis, jeder Widerstand gegen den
Großkönig sei aussichtslos. Aber, so Trampedach: „Kein einziger antiker Text
legt auch nur nahe, dass irgendjemand anders als die Pythia die Orakelantworten
erteilte". Bis hinein in die römische Kaiserzeit werden die Priester nicht
einmal erwähnt.
Natürlich ist der Gedanke an eine steuernde Tätigkeit der Priester schwer von
der Hand zu weisen. Aber man sollte sich klarmachen, betont Trampedach, dass er
auf die Unterstellung hinausläuft, über Jahrhunderte hinweg wären die
Funktionäre des Tempels allesamt Betrüger gewesen und ihre Klienten allesamt
Dummköpfe. Hand aufs Herz: Welche Narrative der Gegenwart, die für uns
selbstverständliche Gewissheiten sind, werden spätere Historiker vielleicht als
naiv belächeln?
In der gesamten Antike war unbestritten, dass Betrug und Bestechung gar nicht
so selten vorkamen. Herodot berichtet von einem Fall, dass 492 v. Chr. eine
Pythia abgesetzt wurde, weil sie dem Spartanerkönig Kleomenes für Geld das
gewünschte Orakel erteilt hatte. Der Schriftsteller Plutarch, der um 100 n. Chr
in Delphi als Priester amtierte, berichtete aufgebracht von einem Eklat, den
sein älterer Kollege Nikander hervorgerufen hatte. Ein Opfertier wehrte sich
gegen seine Tötung. Das hätte nach den Vorschriften ein Orakel unmöglich
gemacht, auch die Pythia wollte einen Spruch verweigern. Doch Nikander ließ die
Befragung durchführen: „Wenn eine wichtige Delegation um Orakel bat, standen
die Verantwortlichen unter erheblichem Erwartungsdruck", erläutert der Berner
Religionshistoriker Rainer Hirsch-Luipold.
Es gab auch Gewalt. 334 v. Chr. schleifte Alexander der Große die Pythia, die
nicht sofort auf seine Frage antworten wollte, an den Haaren in den Tempel.
Ihren erschreckten Ausruf „du bist unüberwindbar, junger Mann" konnte er dann
in seinem Sinn interpretieren. Viermal, schreibt der Historiker Pierre Sánchez
von der Universität Genf, wurde um die Kontrolle über das Heiligtum sogar Krieg
geführt.
Und immer wieder waren Einseitigkeiten und Voreingenommenheiten unübersehbar.
Das „defaitistische" Orakel von 480 v. Chr. wird von vielen Historikern so gedeutet,
dass den Priestern eine persische Herrschaft über Griechenland gar nicht so
ungelegen gekommen wäre. Kurz darauf soll sich Delphi in einem zweiten Spruch
korrigiert haben: Die Athener könnten hinter hölzernen Mauern finden. Sogar die
Insel Salamis wurde genannt, wo der Feldherr Themistokles dann tatsächlich die
Entscheidung in einer Seeschlacht suchte.
Hatte Themistokles, wie viele Historiker glauben, die Priester bestochen? Oder
wurde dieser zweite Spruch, wie andere meinen, erst nachträglich erfunden, um
die Reputation des Orakels aufrecht zu erhalten? Dieselbe Frage wäre zu der
Erzählung zu stellen, die Perser hätten bei ihrem Marsch durch
Mittelgriechenland auch die Orakelstätte selbst angegriffen und seien auf
wundersame Weise zurückgeschlagen worden. Wahrscheinlich, meint Nesselrath,
wollte die Priesterschaft sich damit vom Ruch der Kollaboration mit dem Feind
befreien.
Wie es scheint, nahm die griechische Öffentlichkeit - „wohl jeder gläubige
Hellene", konstatiert der Tübinger Archäologe Werner Gauer - diese
„Rechtfertigungslegende" „für bare Münze". So ist denn auch bis ins 1.
Jahrhundert v. Chr., betont Trampedach, kein einziger Text bekannt, der die
Autorität des delphischen Apollon grundsätzlich in Frage gestellt hätte.
Kritische Fragen gab es aber durchaus, am prominentesten beim Tragödiendichter
Euripides. In der „Orestie" des Aischylos erteilt Apollon dem Sohn des
Agamemnon den Auftrag, aus Rache für die Ermordung seines Vaters seine Mutter
Klytaimestra zu töten. Als Euripides ein halbes Jahrhundert später diese
Geschichte neu bearbeitete, legte er Orestes heftige Klagen über die
fragwürdige Gerechtigkeitsvorstellung des Gottes in den Mund.
Ob man darin eine Stellungnahme des Dichters sehen darf, bleibt offen.
Jedenfalls, stellt Nesselrath fest, konnte auf der attischen Bühne eine Figur
ganz offen die Sinnhaftigkeit der Orakelsprüche in Zweifel ziehen. Doch erst in
der römischen Kaiserzeit, berichtet der Kölner Philologe Jürgen Hammerstaedt,
entwickelte sich eine lebhafte Diskussion zwischen den philosophischen Schulen
über den Wert von Orakeln. Während Vertreter der Stoa meinten, durch göttliche
Eingebung könne Einblick in die schicksalhafte Verkettung der Ereignisse
gewonnen werden, erklärte etwa der Kyniker Oinomaos im 2. Jahrhundert, die
Sprüche aus Delphi seien aus Eigennutz und politischem Kalkül geboren.
Was aus moderner Perspektive überrascht: Die „natürliche" Erklärung für die
Ekstase der Pythia, die in unserer Gegenwart so viel Furore gemacht hat,
spielte in der spätantiken Polemik gegen das Orakel gar keine Rolle. Zwar ist
immer wieder davon die Rede, die Pythia sitze über einer Erdspalte oder begebe
sich in eine Höhle und werde durch das Einatmen von Ausdünstungen inspiriert.
Aber nach damaliger Sicht, so Engster, „musste die Annahme natürlicher Vorgänge
im Erdinneren nicht unbedingt im Widerspruch zu religiösen Vorstellungen
stehen". So diskutierte auch der Priester Plutarch in einer seiner Schriften
ausführlich über die besondere Qualität des Ortes Delphi, etwa über das Aufsteigen
von Dämpfen infolge der Erwärmung und über die angeblich besonders angenehme
und süßliche Luft. Diese Eigenschaften, referiert Engster, würden die
„Sehkraft" der menschlichen Seele stärken, eben ihre Fähigkeit zur Weissagung.
Mehr noch als für solche Erklärungen interessierte sich Plutarch jedoch für die
spekulative Ausdeutung des Orakels. Im Zentrum seiner Überlegungen stand das
geheimnisvolle Schild mit einem Epsilon-förmigen Zeichen, dass vor dem
Tempeleingang aufgehängt war. Sein Kollege Nikander deutete diesen Buchstaben
im Sinne der griechischen Fragepartikel „ei", übersetzt „ob", mithin als
Abbreviatur der Frage an das Orakel, ob man dieses oder jenes tun solle.
Plutarch dagegen glaubte, in diesem „E" die Verbform „ei" zu erkennen, „du
bist". Wenn der Besucher beim Eintritt in das Heiligtum diese Formel sprach,
setzte er sich selbst, wie der Berner Forscher resümiert, als „nichtigen
Menschen" zum „seienden Gott" in Beziehung. Durch die Inschrift auf einer Säule
in der Vorhalle des Tempels konnte sich Plutarch bestätigt sehen: Dort war der
Spruch „Erkenne dich selbst!" zu lesen.
Zu Plutarchs Zeit war Delphi jedoch bereits an Bedeutung verloren, es war nur
noch eine Orakelstätte unter vielen anderen. Aber natürlich war der Wunsch, von
der Zukunft Kenntnis zu erlangen, so lebendig wie eh und je. In der Sicht der
frühen Christen, so der Mainzer Kirchenhistoriker Ulrich Volp, waren die Orakel
eine „Konkurrenz zur Herrschaft Christi". Zum Beispiel der Kirchenvater
Origenes im 3. Jahrhundert „gestand zu, dass die Antworten der Pythia keine
Menschenerfindungen seien, aber sie seien eben nicht göttlicher, sondern
dämonischer Herkunft".
Eine Aussage des Kaisers Julian, der im 4. Jahrhundert nochmals versuchte, die
vollständige Christianisierung des Römischen Reiches abzuwenden, lässt darauf
schließen, dass die „Heiden" dem wenig entgegenzusetzen hatten. Die Orakel
„scheinen verstummt zu sein", meinte Julian mit resignierendem Unterton, „im
Hinblick auf den Kreislauf der Zeiten". Eine christliche Legende erzählte, im
Jahre 362 n. Chr. habe das Orakel gegenüber diesem letzten „heidnischen" Kaiser
selbst seine Abdankung verkündet: „Die schöngefügte Halle ist gefallen, Phoibos
Apollon besitzt kein Haus mehr, keinen prophetischen Lorbeer. Keine Quelle
redet mehr, verstummt ist auch das redende Wasser."
Neu auf dem Büchermarkt:
Delphi. Apollons Orakel in der Welt der Antike, herausgegeben von Balbina
Bäbler und Heinz-Günther Nesselrath, Mohr Siebeck, Tübingen 2021, 611 S. mit
vielen, z.T. farb. Abb., ISBN , 154,00 €
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