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27.01.2022 - ALTERSFORSCHUNG

Heitere Resignation und die groesste Krankheit von allen

Perspektiven auf das Alter und das Altern

Josef Tutsch

 
 

Albrecht Dürer: Kohlezeichnung der Mutter, 1514 – Bild: Wikipedia


„Bedeutet Ruhe nicht Glück in meinem Alter?", sinniert die Contessa Gina Pietranera zu Beginn von Stendhals Roman „Die Kartause von Parma". Bevor der Leser lange überlegt, wie alt die schöne Gina wohl sein mag, klärt der Erzähler ihn auf: Da die Contessa „31 Jahre zählte, glaubte sie, sich jetzt von der Welt zurückziehen zu müssen."

Im Roman kommt dann alles ganz anders. Aber als Stendhal 1839 die „Kartause" veröffentlichte, werden große Teile seines Publikums es tatsächlich so gesehen haben: Mit 30 war das Leben vorbei, zumindest für Frauen. Für Männer nicht unbedingt: Giacomo Casanova zählte bereits 60, als er sich nach seinen amourösen Reisen durch Europa 1785 als Bibliothekar auf ein Schloss in Böhmen zurück zog.

Und heute werden Männer wie Frauen bis etwa Mitte 70 gern als „junge Alte" bezeichnet - vorausgesetzt, die Beschwerden, die mit dem Alterungsprozess nun einmal einhergehen, halten sich in Grenzen. Die Zahl der Jahre, die der Ausweis verzeichnet, ist offenbar nicht alles. Wissenschaft und Ratgeberliteratur kennen daneben ein biologisches oder medizinisches Alter, ein psychologisches oder intellektuelles usw. usf.

Der Philosoph Michael Fuchs von der Katholischen Privat-Universität Linz hat ein interdisziplinäres Handbuch mit fast 50 natur- wie sozialwissenschaftlichen, medizinischen wie philosophischen Artikeln zum Thema „Alter und Altern" zusammengestellt. Das Spektrum der Themen reicht vom Lebensprozess der Pflanzen und Tiere bis zum demographischen Wandel in den westlichen Gesellschaften der Gegenwart, von den Patriarchen in der Bibel bis zur Anti-Ageing-Medizin unserer Tage - aber auch bis zu Ansätzen einer „Kunst des Alterns".

„Wenn die 60 Jahre vorbei sind, dann ist alles vorbei", heißt es im altägyptischen „Papyrus Insinger", 1. Jahrhundert v. Chr. Ähnlich im biblischen Buch Leviticus: Leistungsfähig seien, ist dort vorausgesetzt, Menschen vor allem zwischen 20 und 60. Kriterium war also die Arbeitskraft, erläutert die Münchner Theologin Kathrin Liess.

Im Alten Orient dürften allerdings nur sehr wenige Menschen dieses Alter überhaupt erreicht haben. Für Israel, berichtet Liess, lässt sich aufgrund der chronologischen Angaben in den Geschichtsbüchern für die Könige eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 45 Jahren errechnen. Menschen, die mit schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen zu Recht kommen mussten, werden viel weniger Jahre erreicht haben. Nur in raren Ausnahmefällen könnte die Grenze, die ein Psalmvers nennt, tatsächlich erreicht worden sein: „Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig".

In einem mesopotamischen Text heißt es, wünschenswert sei es, ein so hohes Alter zu erreichen, dass man „noch die grauen Haare in den Bärten der eigenen Enkel sehen" könne. „Alt und lebenssatt" ist eine immer wiederkehrende Formulierung in der Bibel, wenn es um ein Sterben in Frieden geht. Präzise Altersangaben für einzelne Individuen sind jedoch bis ins späte Mittelalter selten: „Erst durch die Einrichtung von Taufregistern und Kirchenbüchern seit dem 14. Jahrhundert und durch die Dokumentation staatlicher Standesämter seit dem 19. Jahrhundert wurde die kalendarische Altersbestimmung objektiver und sicherer."

Für Deutschland rückte mit der Rentenversicherung an die Stelle eines allmählichen Altwerdens ein abruptes Datum als Kriterium des Altseins. Eine Festlegung, die heute, so Schäfer, „angesichts zunehmender Lebenserwartung und insgesamt besseren Gesundheitszustandes" zunehmend als anachronistisch angesehen wird. Und, fügt Schäfer hinzu, „auf Grund pluralistischer Lebensentwürfe alter Menschen". Das kalendarisch feststellbare objektive Alter und unser subjektives Empfinden fallen oft auseinander.

Es sind vor allem die kleinen oder großen gesundheitlichen Beschwerden, die uns daran gemahnen, dass Alter und Altern eben nicht nur „soziale Konstrukte" sind, sondern biologisch vorgegebene Unvermeidlichkeiten. Nur dass Ernährung und Hygiene und Medizin es heute vielen von uns erlauben, diese „Krankheit" lange aufzuschieben oder doch zu mildern. Wie alt mag jener „Greis" gewesen sein, der um 2.400 v. Chr. in der ägyptischen „Lehre des Ptahhotep" klagte: „Gebrechlichkeit ist über mich gekommen", „die Knochen schmerzen", „die Augen sind schwach, die Ohren auch"? Ähnlich in der sumerischen Erzählung „Der Greis und das junge Mädchen": „Jugendliche Vitalität hat meine Lenden verlassen wie ein erschöpfter Esel".

Ein griechischer Mythos erzählt, dass Eos, die Göttin der Morgenröte, von Zeus für ihren Geliebten Tithonos Unsterblichkeit erbat. Leider vergaß sie, auch um ewige Jugend zu bitten. Die moderne Medizin belässt es da nicht beim Träumen. Die Medizinethiker Mark Schweda und Silke Schicktanz berichten im Sammelband von Versuchen, alten Menschen die Keimdrüsen von jungen Affen einzupflanzen. Ganz neu sind solche Anti-Ageing-Programme allerdings nicht. Im 17. Jahrhundert soll die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory im Blut junger Mädchen gebadet haben, um ihre Haut frisch zu erhalten - behauptet jedenfalls die Legende.

1516 erzählte Thomas Morus, auf der Insel Utopia würden sich alte Menschen, die für ihre Gesellschaft keine nützliche Arbeit verrichten könnten, freiwillig zu Tode fasten. Keine bloß poetische Phantasie: Auch moderne Ethnologen haben reichlich Beispiele gefunden, dass bei Völkern, die unter kargen Bedingungen leben mussten, „Altentötung" gang und gäbe war.

Der Kölner Philosoph Holger Nielen berichtet in seinem Beitrag vom Bemühen der großen Religionen, für alte oder alternde Menschen einen Platz im Sozialverband zu definieren. „Du sollst Vater und Mutter ehren", lautet eines der Zehn Gebote in der Bibel. Andere Stellen im Alten Testament, erläutert Nielen, legen die Interpretation nahe, dass „die Ehrfurcht nicht dem biologischen Alter an sich galt, sondern der damit verbundenen Weisheit und dem Wissen". Eine Parallele hat die Düsseldorfer Literaturwissenschaftlerin Henriette Herwig in der römischen Kultur gefunden: Cicero lobte das Alter wegen seiner Geisteskraft und der Freiheit von Leidenschaften. Der Fortbestand des politischen Systems beruht auf der Tradition, die vom „Senat", eben der Versammlung der „Alten", verkörpert wurde.

Mit den Priestern sowie den Mönchen und Nonnen fanden vor allem das katholische Christentum und der Buddhismus soziale Rollen auch für Menschen, die unverheiratet blieben und somit im Alter aus jeder sozialen Sicherung herausgefallen wären. Alter und Weisheit, das gehört seit Urzeiten beinahe sprichwörtlich zusammen, wie die Berliner Kulturwissenschaftlerin Charlotte Bretschneider vermerkt. Aber kaum weniger alt ist die Skepsis, ob es damit seine Richtigkeit hat. Die angebliche Weisheit sei bloß eine Erfindung der Alten, um den Verlust der Jugend zu kompensieren und über Defizite hinwegzutäuschen, meinte Jean-Jacques Rousseau einmal.

So waren zänkische alte Weiber und lüsterne Greise auf dem Theater denn auch Jahrhunderte lang die komischsten aller komischen Figuren. 1605 schuf William Shakespeare mit seinem „König Lear" zum Bild eines misslingenden Alterns eine tragische Variante. Herwig: Lear „erträgt die Wahrheit nicht", er „verkennt, dass er machtlos geworden ist", er „ist alt geworden, ohne weise zu sein". Ist statt der erhofften Weisheit womöglich Realitätsverkennung das Schicksal der Alten? In „Faust II" trieb Goethe diese Frage auf die Spitze. Der alt und blind gewordene Titelheld gibt sich dem Hochgefühl hin, der Menschheit einen Dienst zu erweisen: Das „Geklirr der Spaten", das er hört, missdeutet er als Arbeit an dem Deich, der dem Meer neues Land abgewinnen soll. Doch in Wirklichkeit sind es die Lemuren, die ihm sein Grab graben.

Heute, angesichts einer immer weiter wachsenden Lebenserwartung, werden wir von dem Gedanken geplagt, Demenz könnte das prägende Krankheitsbild der Zukunft werden. Bei den über 100-jährigen, meint der Kölner Psychiater Frank Jessen, dürfte mehr als die Hälfte von „neurodegenerativen" Symptomen betroffen sein. Aber die Jahrzehnte zuvor, die zu erleben in früheren Jahrhunderten dem größeren Teil der Menschen gar nicht vergönnt gewesen war, werden eben auch als Bereicherung empfunden.

Und es „gibt keine Evidenz", dass Ältere generell „weniger produktiv wären als Jüngere", schreiben die Demographen Isabella Buber-Ennsen und Thomas Fent: „Die Produktivität im Alter sinkt, wenn es um die Bereiche Problemlösung, Lernen und Geschwindigkeit geht, während ältere Menschen ein relativ hohes Produktionsniveau bei Aufgaben aufweisen, wo Erfahrung und sprachliche Fähigkeiten eine größere Rolle spielen."

Was die Frage aufwirft, wie der Arbeitsmarkt mit dieser Unterscheidung umgehen könnte. Seit Sokrates gehört die Kunst zu sterben, die „ars moriendi", zu den zentralen Gegenständen der Philosophie. Eine „ars senescendi" wurde eher selten ausdrücklich thematisiert. Dabei bildet das Altern ebenso einen Gegenstand der Angst wie der Tod: „nicht mehr Herr sein über die bisher als selbstverständlich genommenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten", „nicht mehr frei sprechen, sich schlechter erinnern, nicht mehr so ordentlich essen zu können oder die Körperausscheidungen nicht im Griff zu haben", vermerkt der Linzer Philosoph Lukas Kaelin.

Und das irreversible Verrinnen der Zeit, ergänzt die Kieler Medizinhistorikerin Claudia Bozzaro, „verdeutlicht die Bedeutung jener Zeitfenster, in denen sich vorübergehend Möglichkeiten eröffnen". Oder vorübergehend eröffnet haben, da sie zur Verzweiflung des Alternden niemals mehr wiederkehren. In der Ideengeschichte, so die Berner Philosophin Eva Birkenstock, hat sich vor allem Hegel darum bemüht, die „Weisheit" des Alters zu würdigen: Die „Reife des Urteils" sei nicht nur aus Interesselosigkeit bedingt, die sich auch das Schlechte gefallen lasse, sie gehe vielmehr auf eine „tiefere Belehrung" zurück, auf die Einsicht in den „Ernst des Lebens", des „ganzen" Lebens.

Hegels Zeitgenosse Arthur Schopenhauer wertete den Anflug von Weltverachtung, in dem frühere Denker gern ein Moment von Altersnarrheit gesehen hatten, zum „Zeichen der Einsicht" um, „einer heiteren, weitgehend gelassenen Resignation", wie Michael Fuchs es formuliert. Aber ob solche Erwägungen der Angst und der Verzweiflung wirklich standhalten? Den medizinischen Befund hat der Londoner Biogerontologe David Gems in aller Drastik formuliert: „Wir müssen Altern als das betrachten, was es ist: in all seinen Schrecken die größte Krankheit von allen"


Neu auf dem Büchermarkt:
Handbuch Alter und Altern. Anthropologie - Kultur - Ethik, herausgegeben von Michael Fuchs, J. B. Metzler Verlag, Berlin 2021, 446 S. mit z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-476-02482-4, 99,99 €

 

 

 

 

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