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Kultur

31.12.2021 - KULTURGESCHICHTE

Drei - zwei - eins - Prosit Neujahr!

Aus der Kulturgeschichte der Uhr

von Josef Tutsch

 
 

Kuckucksuhr in Minneapolis
Bild: PunkToad from Oakland/Wikipedia

Es war „in der letzten Stunde des Säkulums“, ließ der Schriftsteller August Klingemann 1804 in seinem Roman „Nachtwachen“ seinen „Helden“ erzählen. Also an Silvester des Jahres 1799, kurz vor Mitternacht. Eigentlich hätte der Nachtwächter um zwölf Uhr den neuen Tag und das neue Jahrhundert ankündigen sollen. Doch er erlaubte sich eine Tollheit, die ihn dann beinahe um sein Amt brachte: „statt der Zeit die Ewigkeit auszurufen“. Den Jüngsten Tag mit dem Jüngsten Gericht – „worüber viele geistliche und weltliche Herren erschrocken aus ihren Federn fuhren und in Verlegenheit kamen, weil sie so unerwartet nicht darauf vorbereitet waren“.

„Aus ihren Federn?“ Klingemanns Satire könnte leicht verdecken, wie sehr sich die Gewohnheiten in den letzten zwei Jahrhunderten verändert haben. Heute wäre es kaum vorstellbar, dass eine ganze Stadtbevölkerung, wie Klingemann offenbar als selbstverständlich voraussetzte, die Nacht von Silvester auf Neujahr schlafend verbringt. Es wäre auch viel zu laut zum Schlafen, wenngleich es dieses Jahr wegen der Coronamaßnahmen vermutlich nicht so laut wird wie sonst. Damals war die Mitternachtsstunde kein Anlass aufzubleiben, auch dann nicht, wenn ein neues Jahr oder ein neues Jahrhundert anstand.

Die meisten Menschen bekamen die Mitternacht auch gar nicht mit, wenn sie nicht in Hörweite zu Kirchturmglocken wohnten – oder eben zum Ruf eines Nachtwächters. Uhren waren Luxusgegenstände, die sich längst nicht jeder Haushalt leisten konnte. Nachts hätte man sie auch nicht ablesen können, wenn man nicht ein Kerzenlicht bereithielt. Man lebte, bevor sich im 19. Jahrhundert die künstliche Beleuchtung verbreitete, mit dem Sonnenlicht.

Und die Sonne spendete nicht nur Licht, sie gab auch den Tagesrhythmus vor. In Ägypten und Mesopotamien kamen Sonnenuhren bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. auf. Ein Problem war allerdings die korrekte Anwendung. Noch im 14. Jahrhundert hatten die arabischen Gelehrten Schwierigkeiten damit, ihre Sonnenuhren präzise gleich lange Stunden anzeigen zu lassen. Je nach Längengrad musste die Uhrzeit auch verschieden eingestellt werden. 262 v. Chr. erbeuteten die Römer im Ersten Punischen Krieg eine Sonnenuhr aus Karthago und stellten sie auf dem Quirinalshügel auf. Erst hundert Jahre später fiel auf, dass sie weiterhin die Zeit von Karthago anzeigte und nicht die von Rom.

Und in der Nacht standen die Sonnenuhren gar nicht zur Verfügung. Als Alternative wurde im 16. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten die Wasseruhr erfunden, einige Jahrhunderte später auch in China. Um 425 v. Chr. wurde sie in Griechenland bekannt. Jahrhunderte lang setzte man sie bei Gerichtsverhandlungen ein, um die Redezeiten zu begrenzen. Der Philosoph Platon erfand zur Wasseruhr einen Wecker: Durch den Wasserdruck aus einer Zisterne stieg ein mit Bleikugeln gefülltes Gefäß an einer Säule auf. Morgens kippte das Gefäß um, die Bleikugeln fielen auf eine Kupferplatte und weckten die Studenten der Akademie.

Gleichmäßig arbeiteten aber auch die Wasseruhren nicht. Je nach Druck und Temperatur floss das Wasser mehr oder weniger schnell. Wie Platons Erfindung zeigt, war in der Praxis aber nicht nur die präzise Messung der Zeit wichtig, sondern vor allem eine verlässliche Signalfunktion. 807 ließ der Kalif Harun-al-Rashid Kaiser Karl dem Großen „eine mit bewunderungswürdiger Kunst hergestellte Uhr“ überbringen. Am fränkischen Hof erregte sie Erstaunen wie ein Weltwunder: „Sie funktioniert mit Wasser und zeigt die Stunden mit Bronzekugeln an, die in ein Messingbecken fallen. Um zwölf Uhr mittags treten zwölf Ritter aus zwölf kleinen Fensterchen heraus, die sich dann hinter ihnen wieder schließen.“

Bei Frost allerdings versagten die Wasseruhren vollständig. Im 13. Jahrhundert ist aus Spanien eine Uhr bezeugt, in der das Wasser durch Quecksilber ersetzt war. Einige Jahrzehnte später kam in Italien die Sanduhr auf – bis heute gebräuchlich, um kurze Zeitabschnitte zu bemessen, und ein beliebtes Symbol der Vergänglichkeit. Die Sanduhr erfordert allerdings, um zu funktionieren, einen sehr fein gekörnten „Sand“, zum Beispiel aus Marmorstaub oder aus gemahlenen Eierschalen. Und ein Behältnis, das keine Feuchtigkeit durchlässt, damit die Partikel nicht verkleben.

Auch mit Feuer lässt sich Zeit messen. In China waren Kerzenuhren bereits im 6. Jahrhundert geläufig, die je nach Zeit und Größe einen bestimmten Zeitabschnitt anzeigten. Alternativ wurden Räucherstäbchen eingesetzt. Im 9. Jahrhundert kamen Kerzenuhren auch in Europa in Gebrauch. Vor allem die Klöster hatten Bedarf nach zuverlässig  und gleichmäßig arbeitenden Uhren: Die Disziplin forderte, die Zeiten für das „Stundengebet“ genau einzuhalten.

In der Geschichte der Technik wird es keine andere Branche gegeben haben, die derart hohes Ansehen genoss wie das Uhrmacherhandwerk. Seit Cicero verglichen die Philosophen und Theologen Gott gern mit einem Uhrmacher: Die Welt könne nicht durch Zufall, sie müsse aus einer vernünftigen Planung heraus entstanden sein. Woher kam es eigentlich, dass die Technik der Uhrenherstellung ausgerechnet im späten Mittelalter ihren großen Aufschwung nahm? Damals, hat der italienische Wirtschaftshistoriker Carlo M. Cipolla festgestellt, „bildete sich eine Mentalität heraus, die in der Maschine immer mehr die Lösung für eine ganze Reihe von Problemen des Alltagslebens sah“. Ein halbes Jahrtausend vor der industriellen Revolution, im angeblich so „dunklen“ Mittelalter, wurde Europa mit einem Netz von Wind- und Wassermühlen überzogen.

Etwa gleichzeitig, um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert, wurde für das Militär die Kanone erfunden. Und für die Zeitmessung die sogenannte „Spindelhemmung“, die der mechanischen Uhr mit Schlagwerk den Weg bereitete. Cipolla zitiert einen Chronisten, der sich im Jahr 1335 über die Kirche San Gottardo in Mailand begeisterte: „Sie hat eine wunderbare Uhr mit einem großen Klöppel, der vierundzwanzig Mal zu jeder Stunde des Tages und der Nacht eine Glocke anschlägt“, mit einer jeweils verschiedenen Anzahl von Schlägen. „So kann man eine Stunde von der andern unterscheiden, was für Menschen jedes Standes von großem Nutzen ist.“

Eine Generation später ordnete König Karl V. von Frankreich an, sämtliche Kirchen von Paris mit solchen Glockenuhren auszustatten: Jeder Bewohner solle wissen können, was die Uhr geschlagen habe, „mag die Sonne scheinen oder nicht“. Zum Beispiel die Uhr im Straßburger Münster, 1350 angebracht, war aber nicht bloß eine Uhr, sondern zugleich ein Kalender und ein Astrolabium, das den Stand von Sonne, Mond und Planeten anzeigte. Und sie war ein aufwendig gestaltetes Spielwerk: Über dem Uhrwerk thronte die Jungfrau Maria, um die sich zu den Klängen eines Glockenspiels die Heiligen Drei Könige bewegten.

Wenige Jahre später stiftete Kaiser Karl IV. der Frauenkirche in Nürnberg ein ähnliches Uhrwerk: die sieben Kurfürsten beim huldigenden Rundgang um den Kaiser. Gekrönt wurde die Straßburger Uhr von einem Hahn, der am Ende des Glockenspiels den Schnabel aufriss, mit den Flügeln klapperte und ein heiseres Kikeriki ausstieß. Die Uhr lief in dieser Form bis ins frühe 16. Jahrhundert. Eine Neufassung aus dem 19. Jahrhundert, die partiell an das kopernikanische Weltbild angepasst wurde, ist noch heute in Straßburg zu bewundern.

Eine große Spielerei, wenn man so will. Solche astronomischen Uhren wurden zum Beispiel auch für Prag und Bern, Ulm und Stralsund angefertigt. Sie konnten aber auch praktische Zwecke erfüllen. 1497 wurde am Campanile von San Marco in Venedig eine Uhr installiert, an der zwei monumentale Bronzestatuen morgens und abends mit einem Hammerschlag auf die Glocke Beginn und Ende des Arbeitstags verkündeten. Eine ganz besondere Herausforderung waren Uhren für die Seefahrt: Die ständigen Schwankungen des Schiffes mussten ausgeglichen werden.

Zu Lande kam es oft weniger auf das Uhrwerk selbst an als auf eine aufwendige Gestaltung. Als Karl V. von Frankreich 1380 verstarb, hatte er mehrere Prunkuhren in seiner Kunstsammlung, darunter eine „ganz aus Silber ohne Eisen hergestellte“, wie es im Inventar heißt. Für den Alltagsgebrauch allerdings wurden in Karls Privatgemächern noch markierte Kerzen abgebrannt. Der Überlieferung zufolge war der Nürnberger Uhrmacher Peter Henlein der erste, dem es um 1504 gelang, Uhren derart zu „miniaturisieren“, dass man sie in die Tasche stecken konnte. Die „Nürnberger Eierlein“ wurden gern in duftende Bisamäpfel eingesetzt – man erhoffte sich eine Vorbeugung gegen die Pest.

Uhren waren Luxusgegenstände, die man Besuchern voller Stolz präsentierte. Einschließlich der „special effects“, etwa wenn das Uhrwerk, wie von Zauberhand bewegt, zur vollen Stunde eine beliebte Melodie erklingen ließ. Oder dem staunenden Betrachter eine kleine Theaterszene vorführte, vergleichbar den Drei Königen vor der Gottesmutter am Straßburger Münster. Bei der „Soldatenuhr“ marschierte eine Schildwache auf und ab, bei den „Augenwendeuhren“ rollten Liebespaare mit den Augen, bei den „Kapuzineruhren“ läutete ein Mönch sein Betglöcklein. Und bei der „Scharfrichteruhr“ wurde allstündlich ein Delinquent geköpft.

Besonders beliebt war beim Adel im 18. Jahrhundert die „Kanonenuhr“. Wenn das Uhrwerk den Kanonenschlag auslöste, durften die Arbeiter in Schloss und Garten ihre Mittagspause einlegen. Zum Massenprodukt wurde im 19. Jahrhundert die Kuckucksuhr, vor allem aus Schwarzwälder Werkstätten. Als vom späten 15. Jahrhundert an europäische Händler in den Fernen Osten vorstießen, waren mechanische Uhren eines der wenigen Produkte, die sie zum Austausch gegen Gewürze, Seide oder Porzellan anbieten konnten. Die Chinesen würden Sonnenuhren benutzen, berichtete um 1600 der Jesuitenmissionar Matteo Ricci nach Rom. Aber sie seien nicht in der Lage, sie je nach Ort korrekt einzustellen, und müssten sich mit Wasser-, Sand- und Kerzenuhren behelfen.

Die westlichen „Uhren, die von selbst schlagen“, faszinierten und öffneten den Jesuiten sogar die Pforten zum kaiserlichen Palast in Peking. Bezeichnend für die Aufnahme der westlichen Technik im alten China: Jahrhunderte lang blieb die Uhr in der Hauptsache ein Spielzeug. Cipolla zitiert den Missionar Jean Matthieu de Ventason, 1769: „Der Kaiser erwartet von mir nicht, wirkliche Uhren zu bauen, sondern erfindungsreiche Automaten und bizarre Maschinen.“

Da haben sich die Verhältnisse gründlich geändert. Weltweit erwarten nicht nur Weltraumfahrt und Kommunikationstechnik von Uhren heute höchste Präzision, bis hinein in den Nanosekundenbereich. Aber wie Menschen nun einmal sind, kokettieren wir mit dieser Präzision auch im Alltag, wo sich Nanosekunden gar nicht wahrnehmen lassen. Die letzten Sekunden des ablaufenden Jahres werden uns von den Fernsehsprechern oder -sprecherinnen vorgezählt, die in die Nachfolge von Klingemanns Nachtwächter getreten sind. Eigentlich brauchen wir gar keine Uhr zusätzlich am Handgelenk. Aber natürlich zählen wir gern mit: „Drei – zwei – eins – Prosit Neujahr!“


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