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05.12.2021 - FRANZOESISCHE LITERATUR

Manchmal kommt ein Windstoss des Himmels auf

Vor 200 Jahren wurde Gustave Flaubert geboren

von Josef Tutsch

 
 

Gustave Flaubert, Fotografie von Nadar
Bild: Wikipedia

„Verletzung der öffentlichen Moral und der Religion“ warf der Staatsanwalt dem Verfasser vor. In dem Roman, der in den Wochen zuvor mit einigen Kürzungen in der „Revue de Paris“ erschienen war, gebe es nicht nur „laszive“ Stellen, das gesamte Werk habe eine „unmoralische“ Tendenz – ganz davon abgesehen, dass die „Revue“ ohnehin als „regierungsfeindlich“ bekannt war.

Fünf Jahre nach dem Staatsstreich, in dem Louis Bonaparte, inzwischen als Napoleon III. Kaiser der Franzosen, die Macht ergriffen hatte, wollte der Staatsanwalt ein Exempel statuieren. Doch der Autor von „Madame Bovary“ wurde freigesprochen. Das Gericht nahm Gustave Flaubert ab, dass er den Ehebruch der Titelheldin zwar schildern, aber nicht, wie der Staatsanwalt ihm vorwarf, „verherrlichen“ wollte.

„Impersonnalité“, „impassibilité“ und „impartialité“ hatte sich der damals 36-jährige Romancier als künstlerisches Programm gesetzt. Wörter, die etwa mit Unparteilichkeit, Sachlichkeit, Enthaltung von wertenden Kommentaren wiederzugeben wären. „Der Autor muss in seinem Werk wie Gott im Weltall sein“, hatte er Jahre zuvor, in einem frühen Stadium der Konzeption, in einem Brief geschrieben, „überall anwesend und nirgends sichtbar.“

Als das ungekürzte Buch erschienen war, verglich der berühmteste Literaturkritiker der Epoche, Charles-Augustin Sainte-Beuve, Flauberts Romantechnik mit der Arbeit des Anatomen: „Gustave Flaubert, der Sohn und Bruder ausgezeichneter Ärzte, führt die Feder wie andere das Skalpell.“ Eine Karikatur zeigte den Autor, wie er das blutende Herz der Emma Bovary aufspießte und unter die Lupe nahm.

Tatsächlich war Flaubert, der am 12. Dezember 1821, vor nunmehr 200 Jahren in Rouen das Licht der Welt erblickt hatte, mit medizinischen Fragen von Jugend an vertraut. Sein Vater Achille Cléophas war Chefarzt des städtischen Krankenhauses. Auf Drängen des Vaters nahm er ein Jurastudium auf. Zu einer Berufstätigkeit kam es jedoch nicht, da der junge Gustave von Epilepsie geplagt war. Das Vermögen seiner Familie erlaubte ihm, sich auf Reisen zu begeben, unter anderem nach Ägypten. Nach der Rückkehr 1851 las er Gästen gern aus seinem Reisejournal vor, mit pikanten Details zum Sexualleben im Orient. Und präsentierte stolz seine Mitbringsel, darunter zwei Beine von Mumien.

Und er schrieb an Romanprojekten. Ein erster Anlauf zur Schriftstellerei, noch vor dem Aufbruch in den Orient, hatte im Freundeskreis ein katastrophales Echo gefunden. Thema war die „Versuchung des heiligen Antonius“, eine Legende aus dem frühen Christentum, in der Flaubert viel von seinen romantischen und exotischen Träumen anbringen konnte. Seine Kollegen Maxime Du Camp und Louis Bouilhet empfahlen ihm, sich statt dessen an einem alltäglichen Thema zu versuchen.

Flaubert fand dieses Thema in einer Zeitungsnotiz. In dem Dorf Ry, unweit von Rouen, hatte eine gewisse Delphine Delamare durch Gift Selbstmord begangen. Von ihrer Ehe mit einem Landarzt unbefriedigt, hatte sie sich, weniger aus Leidenschaft denn aus Langeweile, in den Ehebruch und in die Verschwendungssucht geflüchtet, bis sie keinen Ausweg mehr sah. Beflügelt wurde sie durch die Lektüre galanter Romane, die ihr die Möglichkeit eines anderen, weniger banalen Lebens vorspiegelten.

Fünf Jahre lang entwarf und verwarf Flaubert zu jeder Episode des Romans eine Fassung nach der anderen. Die Korrespondenz dieser Jahre bietet eine lange Folge von Klagen und Flüchen. „Wie sehr ich meine ‚Bovary‘ satt habe!“, schrieb er im September 1852 an seine Geliebte Louise Colet. „Ich möchte manchmal heulen, so sehr spüre ich meine Ohnmacht.“

Die Schwierigkeit bestand weniger im Schreiben als im Weglassen und Streichen. Denn im Grund seines Herzens war Flaubert ein Romantiker. Als Jugendlicher hatte er sich in idealisierenden Schilderungen der Liebe versucht. Doch als er an die „Madame Bovary“ ging, wollte er sich jeden romantischen Anflug verbieten, mehr noch: jeden wertenden Kommentar seiner Erzählerfigur über das Handeln seiner Figuren. Von der Romantik geblieben war eine prinzipielle Distanz zur Gesellschaft der Gegenwart, man möchte von Ekel und Hass sprechen.

In Flauberts Romanen, stellte 1946 der Literaturwissenschaftler Erich Auerbach in seinem Buch „Mimesis“ fest, „äußert der Erzähler keine Meinung und kommentiert nicht“. „Seine Rolle beschränkt sich darauf, die Vorgänge auszuwählen und sie in Sprache umzusetzen.“ Ganz anders als etwa Balzac oder Stendhal eine Generation zuvor. Dort würden wir „sehr häufig und fast ständig hören, wie der Schriftsteller über seine Personen und Vorgänge denkt“. In „Madame Bovary“ sind solche Einmischungen die große Ausnahme. Kurz vor Schluss des Romans, als der Witwer Charles Bovary „mit erstickter Stimme“ sagt: „Das Schicksal ist schuld!“ Dieser Satz veranlasst den Erzähler tatsächlich zu einem Kommentar: Es war „das einzige große Wort, das er je in seinem ganzen Leben sprach“.

Ansonsten muss der Fortgang der Erzählung für sich selbst sprechen. „Kürzlich hat er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten“, lautet der letzte Satz. Er – der Apotheker Homais, der neben dem Händler Lheureux für den „Fortschritt“ steht, für den Erfolg der unbedenklichen Charaktere in der Gesellschaft. Im Kontrast mit ihnen hat der Literaturwissenschaftler Eberhard Lämmert im Roman, trotz aller zum Programm erhobenen „impartialité“, so etwas wie eine Idealisierung der Ehebrecherin gefunden. Und damit dem Ankläger im Prozess um „Madame Bovary“ partiell Recht gegeben: Emmas Lebenswandel werde unter der Feder Flauberts zu einem „entschiedenen Vorstoß, den Lebenswert der Liebe über die gesellschaftlichen Sitten zu stellen“.

Eine implizite Wertung, die Flauberts Roman freilich mit vielen tausend anderer Liebesgeschichten verbindet. Was diesem Werk seine einzigartige Stellung in der Literaturgeschichte verleiht, ist die, wenn man so will, „asketische“ Haltung des Erzählers, die Radikalität, mit der Flaubert in Emmas Schicksal über seine eigene Neigung zur Romantik Gericht hielt. Seine Abkehr von der Versuchung, sich in Illusionen und Klischees zu ergehen. Jahrzehnte lang arbeitete der Autor an einem „Wörterbuch“, in dem er die Torheiten und Gemeinplätze seiner Zeit und ihre angebliche „Bildung“ analysieren wollte. Geplant war ein großer Roman, in dem die beiden „Helden“, Bouvard und Pécuchet, einerseits an den Unzulänglichkeiten der materialistischen Wissenschaft verzweifeln, andererseits von ihren Versuchen mit der „Spiritualität“ enttäuscht werden sollten. Das Buch wurde niemals vollendet.

In der „Bovary“ hatte sich der Romancier eine nüchterne Wiedergabe des zeitgenössischen Alltags abverlangt. Leser, die von ihm ein Fortschreiten auf diesem Weg erwarteten, wurden allerdings gründlich enttäuscht: Flaubert wandte sich vielmehr einem exotischen Thema zu, der Geschichte Karthagos. Auf dem Höhepunkt der Handlung von „Salammbô“ werden, der denkbar größte Kontrast zum humanitären Selbstverständnis der Moderne, die Kinder vornehmer Familien einer zornigen Gottheit geopfert.

Doch die Lektüre zeigt: Flaubert war seinem Stilideal keineswegs untreu geworden. Er wollte die historische Episode mit derselben Unparteilichkeit schildern, mit der er auch den Alltag in der normannischen Provinz der Gegenwart wiedergegeben hatte. Und mit einem geradezu archäologischen Bemühen um Detailtreue: 1858 unternahm er eine Studienreise nach Tunesien, zu den Schauplätzen des Geschehens.

Oder lassen wir als Leser uns durch Flauberts künstlerisches Programm, wie er es in seinen Briefen wieder und wieder verkündete, vielleicht täuschen, ist die „Salammbô“ gar nicht so archäologisch, wie wir zunächst meinen? Es gibt Interpreten, die in „Salammbô“ eine verschlüsselte Darstellung der französischen Geschichte um 1850 gefunden haben, der Wiederherstellung des Kaiserreichs unter Napoleon III.

Wenn das richtig sein sollte – im folgenden Roman, den „Lehrjahren des Herzens“, die in den Jahren vor und nach der Revolution von 1848 spielen, verzichtete Flaubert auf eine historische Einkleidung. Im Deutschen ist das Buch auch unter den Titeln „Erziehung des Herzens“ oder „Schule der Empfindsamkeit“ bekannt. Was keine dieser Varianten ahnen lässt: Von einer „Schule“ oder von „Erziehung“ kann keine Rede sein. Es handelt sich um die Geschichte einer großen Desillusionierung. Die jugendliche Begeisterung für ideale Ziele wird durch schwärmerische Gefühle absorbiert, am Ende wirkt der in seinen Träumen so tatkräftige Frédéric wie gelähmt. Und auch von der Liebe ist nur Melancholie geblieben: „Wie glücklich wären wir gewesen.“

„Niemals habe ich ein Kind ansehen können, ohne zu denken, dass daraus einmal ein Greis wird“, sagte Flaubert einmal, „und nie eine Wege, ohne mir zugleich ein Grab vorzustellen. Die Betrachtung einer nackten Frau ruft den Gedanken an ihr Skelett in mir hervor.“ Während die „Madame Bovary“ sich im Privaten hielt, verstand es Flaubert in den „Lehrjahren des Gefühls“, das private Schicksal seines Helden und die politische Entwicklung im Frankreich der 1840er und 1850er Jahre übereinander zu blenden. Auf die Entwicklung des modernen Romans hatte dieses Buch nicht weniger Wirkung als die „Madame Bovary“. Durch die Technik, in der Romanhandlung Lücken zu lassen, suggerierte Flaubert eine „unkausale Situationsfolge“, wie es der Romanist Hugo Friedrich ausdrückte – der herkömmliche Begriff von Kausalität und Determination wurde in Frage gestellt.

Die Romantik und zugleich ihre Negation in radikaler Sachlichkeit –  Friedrich hat von einer „Entselbstung“ gesprochen. Dass Flaubert auf die realistische „Éducation“ wiederum ein scheinbar unrealistisches Werk folgen ließ, gilt als Beleg für die Doppelgesichtigkeit seines Werkes. Richtiger wäre vielleicht zu sagen: Er wollte zeigen, dass er mit seinem Kunstwillen auch ein scheinbar ganz und gar abgelegenes Thema bewältigen konnte. Flaubert griff auf die Legende von der Versuchung des heiligen Antonius zurück, die ihn bereits vor seiner Orientreise beschäftigt hatte. In einer phantastischen Szenenfolge, in der Flaubert eine Unmenge von Quellen aus der Religionsgeschichte verarbeitete, wird der Heilige von seinen Dämonen geplagt.

Der Ausgang ist offen: Antonius kniet vor dem Antlitz Christi nieder, das in der Sonne leuchtet, und betet. Aber tut er das, um für seinen Sieg über die Dämonen zu danken? Man könnte auch meinen, dass er um Beistand fleht für die „Versuchungen“ der kommenden Nacht. Flaubert muss sich in dem ägyptische Eremiten aus dem 4. Jahrhundert wiedererkannt haben. In Dutzenden und Aberdutzenden seiner Briefe wird die immer wiederkehrende Angst deutlich, seine Werke nicht vollenden zu können – nicht in der Weise, dass sie den eigenen künstlerischen Ansprüchen genügen würden. „Ist nicht ein Kunstwerk, das es zu erfüllen gilt, wie ein großer Berg, der bestiegen werden muss?“, schrieb er im September 1853, während der Arbeit an „Madame Bovary“, an Louise Colet. „Die Erde ist für immer verloren, und das Ziel wird zweifellos nicht erreicht werden.“ „Manchmal kommt jedoch ein Windstoß des Himmels auf und eröffnet unzählige, unendliche, wunderbare Perspektiven.“


Mehr im Internet:

Gustave Flaubert - Wikipedia
scienzz artikel Französische Literatur

 

 

 

 

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