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---ARCHAEOLOGIE
Wenn ich gross bin, werde ich Troja finden
Vor 200 Jahren wurde Heinrich Schliemann geboren
Josef Tutsch
 | | Heinrich Schliemann,
Von Universitätsbibliothek Heidelberg, CC BY-SA 4.0
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Wenn man Heinrich
Schliemanns Autobiographie Glauben schenkt, dann war es ein Weihnachtsgeschenk,
das alles in Gang setzte. 1829 erhielt der 6-jährige, der noch gar nicht lesen
konnte, zum Fest Georg Ludwig Jerrers „Weltgeschichte für Kinder". Der Vater
las ihm daraus vor. Fasziniert betrachtete der Kleine die Illustrationen,
darunter das Bild, wie Aeneas, seinen Sohn an der Hand, den alten Vater auf dem
Rücken, aus dem brennenden Troja flüchtete. Die gewaltigen Mauern seien
zerstört, niemand wisse, wo die Stadt gelegen habe, erfuhr der Knabe. Doch er
wollte es nicht glauben. „Wenn ich groß bin, werde ich Troja finden, und den
Schatz des Königs!"
Beinahe wäre dieser Wunsch wieder vergessen worden. Wegen Geldnot seiner
Familie musste der junge Schliemann vom Gymnasium auf die Realschule wechseln
und verdingte sich dann als Lehrling in einem Materialwarengeschäft. Eines
Tages kam ein betrunkener Müllerbursche, der irgendwann einmal studiert hatte,
in den Laden und rezitierte in seinem Rausch Verse in einer unbekannten
Sprache. Schliemann verstand kein Wort. Doch als er hörte, das sei Griechisch
und stamme aus Homers „Ilias", kratzte er seine Pfennige zusammen und bezahlte
dem „abgebrochenen" Studenten ein paar Schnäpse für Wiederholungen.
Nicht erst seit C. W. Cerams Buch „Götter, Gräber und Gelehrte" von 1949 gilt
das Leben von Heinrich Schliemann, der am 6. Januar 1822, vor 200 Jahren, im
mecklenburgischen Neubukow als Sohn eines Pfarrers geboren wurde, als ein
modernes Märchen - das „Märchen von einem armen Jungen, der einen Schatz fand",
wie Ceram es in seinem „Roman der Archäologie" formulierte. Oder vielmehr zwei
Schätze. Zunächst in Troja den des Priamos, dann die goldenen Masken des
Agamemnon und seiner Familie in Mykene.
Schliemann zählte bereits 46 Jahre, als er sich daran machte, seinen
Jugendtraum wahr zu machen. Mit viel Glück war er 1841 als Kontorbote bei einem
Handelshaus in Amsterdam untergekommen, erlangte drei Jahre später eine Stelle
als Buchhalter und Korrespondent in Hamburg. Aber die Büroarbeit füllte ihn
nicht aus. Er entdeckte sein Talent für Sprachen und beherrschte binnen kurzem
neben Deutsch und Niederländisch auch Englisch, Französisch, Spanisch,
Portugiesisch, Italienisch und Russisch. 1846 ging er im Auftrag seiner
Hamburger Firma nach St. Petersburg und handelte erfolgreich mit Farbstoffen
sowie Genussmitteln. 1850 gründete er in Kalifornien eine Bank für den Handel
mit Gold und investierte in den Eisenbahnbau. Im Krimkrieg von 1853 an lieferte
er der russischen Armee Munitionsrohstoffe.
Ein Selfmade-Kapitalist, wie er im Buche steht. Doch statt weiter Geld auf Geld
zu häufen, zog er sich 1864 aus dem Geschäftsleben zurück. Er hatte inzwischen
auch Lateinisch und Altgriechisch gelernt, ging auf Studienreisen rund um die
Welt, eignete sich nebenbei das Arabische an. 1866, mit 44, nahm Schliemann an
der Sorbonne in Paris ein Studium der Altertumskunde auf. Zwei Jahre später
reiste er auf die Ionischen Inseln und suchte auf Ithaka nach dem Palast des
Odysseus. Vergeblich, doch das entmutigte ihn nicht. Er fuhr weiter ins
nordwestliche Kleinasien, in die Landschaft Troas, zur Stadt seiner Sehnsüchte.
Aber der genaue Ort von Troja oder Ilion, wie die Stadt bei Homer genannt wird,
war unbekannt. Im Zentrum der Wissenschaften vom Klassischen Altertum stand die
philologische Beschäftigung mit den Texten. Die Frage, ob der Trojanische Krieg
in der realen Historie überhaupt stattgefunden hatte, veranlasste viele
Gelehrte bloß zu einem Achselzucken. Reisen auf den Balkan und erst recht nach
Anatolien waren damals auch ein sehr mühseliges Unterfangen. Unter den wenigen
Europäern, die sich dennoch in die Troas verirrten, galt das Dorf Bunarbashi
als Favorit für den Ort, an dem Troja gelegen haben müsste.
Als Schliemann dort eintraf, kam er jedoch sofort zu dem Schluss, dass
Bunarbashi unmöglich Troja sein konnte. Sein Hauptargument: Der Ort lag so weit
im Landesinneren, dass die Belagerer unmöglich mehrmals am Tag mitsamt ihren
Waffen zwischen Küste und Stadtmauer hätten hin- und herlaufen können. Anders
bei dem Hügel Hissarlik, der ebenfalls in Frage kam. Schliemann war sich
sicher: Die „topographischen" Angaben der „Ilias" sprachen für Hissarlik. „Von
Hissarlik aus sieht man auch den Ida, von dessen Gipfel Jupiter die Stadt Troja
überschaute."
Während er vor dem Hügel auf die Grabungserlaubnis aus Konstantinopel wartete,
lernte er Türkisch. Im Oktober 1871 konnten die Arbeiten endlich beginnen. Nach
und nach kamen aus dem Hügel nicht weniger als neun Städte, übereinander
geschichtet, zum Vorschein. Anfang 1873 wurde ein monumentales Bauwerk
entdeckt, ein Stadttor aus der Bronzezeit. Mit einer Selbstverständlichkeit,
über die sich Schliemanns Kollegen seit anderthalb Jahrhunderten die Haare
raufen, folgerte er: Das musste das „Skäische Tor" sein, von dem er in der
„Ilias" gelesen hatte. Eine breite Straße führte von dort zu einem großen Haus
- offenkundig der Palast des Königs Priamos.
Mit einer geradezu kindlichen Naivität las Schliemann Homers Dichtung als eine
Art Reiseführer, auf dessen Angaben man sich Wort für Wort verlassen konnte.
Und was er entdeckte, schien ihm Recht zu geben. Eines Tages im Mai 1873
bemerkte er in einer Wand des Palastes ein goldenes Funkeln und vermutete
sofort einen Schatzfund. Weil er fürchtete, seine Arbeiter könnten das eine
oder andere Stück entwenden, schickte er sie unter dem Vorwand fort, er habe
Geburtstag und wolle ihnen einen freien Tag gönnen. „Während meine Arbeiter
aßen und ausruhten, schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was
nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr
möglich war, denn die große Festungsmauer, welche ich zu untergraben hatte,
drohte jeden Augenblick auf mich einzustürzen."
Die Frage, wie wahrscheinlich es war, dass den Eroberern bei der Plünderung
Trojas ausgerechnet dieses Gold entgangen sein konnte, scheint sich Schliemann
im Hochgefühl der Entdeckung nicht gestellt zu haben. Seine Ehefrau barg die
Schätze in ihrem Schal. Die Fotografie von Sophia Schliemann mit dem antiken
Schmuck an Hals und Ohren wurde zu einer Ikone der Archäologiegeschichte.
Schliemann misstraute aber nicht nur seinen Arbeitern, sondern auch den
osmanischen Behörden. Heimlich brachte er den Schatz außer Landes nach Athen,
in das unabhängige Griechenland. Der „Schatz des Priamos" sei gefunden, meldete
er von dort aus triumphierend der Welt. Später verklagte ihn die Regierung in
Konstantinopel, doch am Ende durfte Schliemann die Funde gegen eine größere
Geldzahlung behalten. Fünf Jahre später stellte ihm die türkische Regierung
eine Genehmigung für neue Grabungen in Hissarlik aus.
Auf Umwegen kam der „Schatz des Priamos" ins Berliner Völkerkundemuseum. Nach
1945 galt er zunächst als verschollen. Erst 1987 wurde bekannt, dass er nun im
Moskauer Puschkin-Museum lagert. Heute streiten sich gleich drei Länder darum.
Russland will ihn behalten, Deutschland fordert seine Rückkehr nach Berlin, die
Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches seine Rückkehr nach Troja.
Als Schliemann im November 1876 bei seiner zweiten großen Grabungskampagne in
Mykene auf der Peloponnes Gräber fand, durfte er sich in seiner Meinung
bestätigt sehen, die Epen Homers würden eine historische und geographische
Realität widerspiegeln. Die Gräber mussten die des Königs Agamemnon und seiner
Kameraden sein, „getötet während der Mahlzeit durch Klytämnestra und ihren
Liebhaber Ägisthos".
Sogar der Schatzfund wiederholte sich. Einige der Skelette waren mit goldenen
Totenmasken ausgestattet - Schliemann
glaubte, dem König Agamemnon sozusagen ins Antlitz blicken zu können. „Diese
Körper waren buchstäblich mit Juwelen und Gold überladen", begeisterte er sich.
Die Frage, ob es eigentlich plausibel war, dass Agamemnon nach seiner Ermordung
derart kostbar beigesetzt wurde, wischte Schliemann beiseite. Die
Schachtgräber, in denen die Skelette gefunden wurden, kamen ihm als
„erbärmliche Löcher" vor, das Werk hasserfüllter Mörder.
Heute gehört die „Maske des Agamemnon" zu den kostbarsten Schätzen im Athener
Nationalmuseum. 1880 nahm Schliemann Grabungen in Orchomenos in Böotien auf,
vielleicht in der Hoffnung, auch dort einen Goldschatz zu finden - sowohl Homer
als auch im 2. Jahrhundert n. Chr. der Reiseschriftsteller Pausanias rühmten
den Reichtum der Stadt. Aber zutage kam statt dessen eine Fülle von Keramik.
1884 legte Schliemann in Tiryns in der Argolis die berühmten „zyklopischen
Mauern" frei, die Pausanias mit den ägyptischen Pyramiden verglichen hatte.
Pläne, den Palast der kretischen Könige in Knossos auszugraben, blieben
unverwirklicht: Schliemann konnte sich mit dem Grundbesitzer nicht einigen.
Zwei Jahre später reiste er nach Ägypten und träumte davon, in Alexandria das
Grab Alexanders des Großen zu finden. 1890 starb er in Neapel.
„Was als Sage und Mythos gegolten hatte, zugeschrieben der Phantasie des
Dichters, war bewiesen worden in seiner Existenz", fasste Ceram in „Götter,
Gräber und Gelehrte" Schliemanns Entdeckungen bündig zusammen. In der Tat, das
war die Selbstwahrnehmung des Ausgräbers. In der Datierung seiner Schatzfunde
irrte sich Schliemann jedoch gründlich. Der „Schatz des Priamos" entstand
heutiger Erkenntnis zufolge um 2.300 v. Chr., die Goldmasken aus Mykene werden
auf das 16. Jahrhundert v. Chr. datiert.
Also jeweils einige Jahrhunderte vor dem Trojanischen Krieg, der vielleicht um
1.200 v. Chr. stattfand. Vorausgesetzt, dass er überhaupt ein realhistorisches
Ereignis sein sollte. Die Frage, ob eine der Städte im Hügel von Hissarlik mit
dem Troja oder Ilion der späteren Dichtung identifiziert werden kann, ist heute
so offen wie zu Schliemanns Zeiten auch. Niemand weiß, wie die Sagen der
Griechen sich in jenen Jahrhunderten entwickelt haben, bevor Homer sie in
seinen Epen zusammenfasste.
Es ist nicht zu leugnen, Schliemann verfuhr in seinen Schlussfolgerungen
außerordentlich kühn, gerade so, als könnte es in der griechischen
Vorgeschichte nichts anderes gegeben haben als die Geschichten rund um den
Trojanischen Krieg. Da ist die moderne Archäologie inzwischen viel vorsichtiger
geworden. Abgetan sind Schliemanns weitergehende Fragen damit jedoch
keineswegs, jedenfalls nicht für das breite Publikum, das zeigt schon ein Blick
in die populären Fernsehmagazine unter Titeln wie „Geheimnisse der Geschichte".
Es will uns nicht in den Kopf, dass die großen Erzählungen von der „Ilias" bis
zum „Nibelungenlied", von König Artus bis zum untergegangenen Atlantis
vielleicht doch „bloß" Dichtung sind. Immer wieder wird nach einer historischen
Wirklichkeit dahinter gefragt.
Der Vergleich mit Christoph Kolumbus liegt nahe: Der Entdecker Amerikas glaubte
zeitlebens, er habe einen Seeweg nach Indien gefunden. Ähnlich deckte
Schliemann mit seinen Ausgrabungen eine bis dahin unbekannte Welt auf, die
ägäische Kultur des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr. - und er identifizierte sie
in naiver Selbstverständlichkeit mit den Schilderungen Homers Jahrhunderte
später. In der Antike wurde es bereits ganz ähnlich gehandhabt. In der Troas
zeigten beflissene Fremdenführer den Besuchern gern die „authentischen" Gräber
der Heroen.
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