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06.01.2022---ARCHAEOLOGIE

Wenn ich gross bin, werde ich Troja finden

Vor 200 Jahren wurde Heinrich Schliemann geboren

Josef Tutsch

 
 

Heinrich Schliemann, 1822 - 1890
Von Universitätsbibliothek Heidelberg, CC BY-SA 4.0


Wenn man Heinrich Schliemanns Autobiographie Glauben schenkt, dann war es ein Weihnachtsgeschenk, das alles in Gang setzte. 1829 erhielt der 6-jährige, der noch gar nicht lesen konnte, zum Fest Georg Ludwig Jerrers „Weltgeschichte für Kinder". Der Vater las ihm daraus vor. Fasziniert betrachtete der Kleine die Illustrationen, darunter das Bild, wie Aeneas, seinen Sohn an der Hand, den alten Vater auf dem Rücken, aus dem brennenden Troja flüchtete. Die gewaltigen Mauern seien zerstört, niemand wisse, wo die Stadt gelegen habe, erfuhr der Knabe. Doch er wollte es nicht glauben. „Wenn ich groß bin, werde ich Troja finden, und den Schatz des Königs!"

Beinahe wäre dieser Wunsch wieder vergessen worden. Wegen Geldnot seiner Familie musste der junge Schliemann vom Gymnasium auf die Realschule wechseln und verdingte sich dann als Lehrling in einem Materialwarengeschäft. Eines Tages kam ein betrunkener Müllerbursche, der irgendwann einmal studiert hatte, in den Laden und rezitierte in seinem Rausch Verse in einer unbekannten Sprache. Schliemann verstand kein Wort. Doch als er hörte, das sei Griechisch und stamme aus Homers „Ilias", kratzte er seine Pfennige zusammen und bezahlte dem „abgebrochenen" Studenten ein paar Schnäpse für Wiederholungen.

Nicht erst seit C. W. Cerams Buch „Götter, Gräber und Gelehrte" von 1949 gilt das Leben von Heinrich Schliemann, der am 6. Januar 1822, vor 200 Jahren, im mecklenburgischen Neubukow als Sohn eines Pfarrers geboren wurde, als ein modernes Märchen - das „Märchen von einem armen Jungen, der einen Schatz fand", wie Ceram es in seinem „Roman der Archäologie" formulierte. Oder vielmehr zwei Schätze. Zunächst in Troja den des Priamos, dann die goldenen Masken des Agamemnon und seiner Familie in Mykene.

Schliemann zählte bereits 46 Jahre, als er sich daran machte, seinen Jugendtraum wahr zu machen. Mit viel Glück war er 1841 als Kontorbote bei einem Handelshaus in Amsterdam untergekommen, erlangte drei Jahre später eine Stelle als Buchhalter und Korrespondent in Hamburg. Aber die Büroarbeit füllte ihn nicht aus. Er entdeckte sein Talent für Sprachen und beherrschte binnen kurzem neben Deutsch und Niederländisch auch Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Russisch. 1846 ging er im Auftrag seiner Hamburger Firma nach St. Petersburg und handelte erfolgreich mit Farbstoffen sowie Genussmitteln. 1850 gründete er in Kalifornien eine Bank für den Handel mit Gold und investierte in den Eisenbahnbau. Im Krimkrieg von 1853 an lieferte er der russischen Armee Munitionsrohstoffe.

Ein Selfmade-Kapitalist, wie er im Buche steht. Doch statt weiter Geld auf Geld zu häufen, zog er sich 1864 aus dem Geschäftsleben zurück. Er hatte inzwischen auch Lateinisch und Altgriechisch gelernt, ging auf Studienreisen rund um die Welt, eignete sich nebenbei das Arabische an. 1866, mit 44, nahm Schliemann an der Sorbonne in Paris ein Studium der Altertumskunde auf. Zwei Jahre später reiste er auf die Ionischen Inseln und suchte auf Ithaka nach dem Palast des Odysseus. Vergeblich, doch das entmutigte ihn nicht. Er fuhr weiter ins nordwestliche Kleinasien, in die Landschaft Troas, zur Stadt seiner Sehnsüchte.

Aber der genaue Ort von Troja oder Ilion, wie die Stadt bei Homer genannt wird, war unbekannt. Im Zentrum der Wissenschaften vom Klassischen Altertum stand die philologische Beschäftigung mit den Texten. Die Frage, ob der Trojanische Krieg in der realen Historie überhaupt stattgefunden hatte, veranlasste viele Gelehrte bloß zu einem Achselzucken. Reisen auf den Balkan und erst recht nach Anatolien waren damals auch ein sehr mühseliges Unterfangen. Unter den wenigen Europäern, die sich dennoch in die Troas verirrten, galt das Dorf Bunarbashi als Favorit für den Ort, an dem Troja gelegen haben müsste.

Als Schliemann dort eintraf, kam er jedoch sofort zu dem Schluss, dass Bunarbashi unmöglich Troja sein konnte. Sein Hauptargument: Der Ort lag so weit im Landesinneren, dass die Belagerer unmöglich mehrmals am Tag mitsamt ihren Waffen zwischen Küste und Stadtmauer hätten hin- und herlaufen können. Anders bei dem Hügel Hissarlik, der ebenfalls in Frage kam. Schliemann war sich sicher: Die „topographischen" Angaben der „Ilias" sprachen für Hissarlik. „Von Hissarlik aus sieht man auch den Ida, von dessen Gipfel Jupiter die Stadt Troja überschaute."

Während er vor dem Hügel auf die Grabungserlaubnis aus Konstantinopel wartete, lernte er Türkisch. Im Oktober 1871 konnten die Arbeiten endlich beginnen. Nach und nach kamen aus dem Hügel nicht weniger als neun Städte, übereinander geschichtet, zum Vorschein. Anfang 1873 wurde ein monumentales Bauwerk entdeckt, ein Stadttor aus der Bronzezeit. Mit einer Selbstverständlichkeit, über die sich Schliemanns Kollegen seit anderthalb Jahrhunderten die Haare raufen, folgerte er: Das musste das „Skäische Tor" sein, von dem er in der „Ilias" gelesen hatte. Eine breite Straße führte von dort zu einem großen Haus - offenkundig der Palast des Königs Priamos.

Mit einer geradezu kindlichen Naivität las Schliemann Homers Dichtung als eine Art Reiseführer, auf dessen Angaben man sich Wort für Wort verlassen konnte. Und was er entdeckte, schien ihm Recht zu geben. Eines Tages im Mai 1873 bemerkte er in einer Wand des Palastes ein goldenes Funkeln und vermutete sofort einen Schatzfund. Weil er fürchtete, seine Arbeiter könnten das eine oder andere Stück entwenden, schickte er sie unter dem Vorwand fort, er habe Geburtstag und wolle ihnen einen freien Tag gönnen. „Während meine Arbeiter aßen und ausruhten, schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr möglich war, denn die große Festungsmauer, welche ich zu untergraben hatte, drohte jeden Augenblick auf mich einzustürzen."

Die Frage, wie wahrscheinlich es war, dass den Eroberern bei der Plünderung Trojas ausgerechnet dieses Gold entgangen sein konnte, scheint sich Schliemann im Hochgefühl der Entdeckung nicht gestellt zu haben. Seine Ehefrau barg die Schätze in ihrem Schal. Die Fotografie von Sophia Schliemann mit dem antiken Schmuck an Hals und Ohren wurde zu einer Ikone der Archäologiegeschichte.

Schliemann misstraute aber nicht nur seinen Arbeitern, sondern auch den osmanischen Behörden. Heimlich brachte er den Schatz außer Landes nach Athen, in das unabhängige Griechenland. Der „Schatz des Priamos" sei gefunden, meldete er von dort aus triumphierend der Welt. Später verklagte ihn die Regierung in Konstantinopel, doch am Ende durfte Schliemann die Funde gegen eine größere Geldzahlung behalten. Fünf Jahre später stellte ihm die türkische Regierung eine Genehmigung für neue Grabungen in Hissarlik aus.

Auf Umwegen kam der „Schatz des Priamos" ins Berliner Völkerkundemuseum. Nach 1945 galt er zunächst als verschollen. Erst 1987 wurde bekannt, dass er nun im Moskauer Puschkin-Museum lagert. Heute streiten sich gleich drei Länder darum. Russland will ihn behalten, Deutschland fordert seine Rückkehr nach Berlin, die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches seine Rückkehr nach Troja.

Als Schliemann im November 1876 bei seiner zweiten großen Grabungskampagne in Mykene auf der Peloponnes Gräber fand, durfte er sich in seiner Meinung bestätigt sehen, die Epen Homers würden eine historische und geographische Realität widerspiegeln. Die Gräber mussten die des Königs Agamemnon und seiner Kameraden sein, „getötet während der Mahlzeit durch Klytämnestra und ihren Liebhaber Ägisthos".

Sogar der Schatzfund wiederholte sich. Einige der Skelette waren mit goldenen Totenmasken ausgestattet -  Schliemann glaubte, dem König Agamemnon sozusagen ins Antlitz blicken zu können. „Diese Körper waren buchstäblich mit Juwelen und Gold überladen", begeisterte er sich. Die Frage, ob es eigentlich plausibel war, dass Agamemnon nach seiner Ermordung derart kostbar beigesetzt wurde, wischte Schliemann beiseite. Die Schachtgräber, in denen die Skelette gefunden wurden, kamen ihm als „erbärmliche Löcher" vor, das Werk hasserfüllter Mörder.

Heute gehört die „Maske des Agamemnon" zu den kostbarsten Schätzen im Athener Nationalmuseum. 1880 nahm Schliemann Grabungen in Orchomenos in Böotien auf, vielleicht in der Hoffnung, auch dort einen Goldschatz zu finden - sowohl Homer als auch im 2. Jahrhundert n. Chr. der Reiseschriftsteller Pausanias rühmten den Reichtum der Stadt. Aber zutage kam statt dessen eine Fülle von Keramik. 1884 legte Schliemann in Tiryns in der Argolis die berühmten „zyklopischen Mauern" frei, die Pausanias mit den ägyptischen Pyramiden verglichen hatte. Pläne, den Palast der kretischen Könige in Knossos auszugraben, blieben unverwirklicht: Schliemann konnte sich mit dem Grundbesitzer nicht einigen. Zwei Jahre später reiste er nach Ägypten und träumte davon, in Alexandria das Grab Alexanders des Großen zu finden. 1890 starb er in Neapel.

„Was als Sage und Mythos gegolten hatte, zugeschrieben der Phantasie des Dichters, war bewiesen worden in seiner Existenz", fasste Ceram in „Götter, Gräber und Gelehrte" Schliemanns Entdeckungen bündig zusammen. In der Tat, das war die Selbstwahrnehmung des Ausgräbers. In der Datierung seiner Schatzfunde irrte sich Schliemann jedoch gründlich. Der „Schatz des Priamos" entstand heutiger Erkenntnis zufolge um 2.300 v. Chr., die Goldmasken aus Mykene werden auf das 16. Jahrhundert v. Chr. datiert.

Also jeweils einige Jahrhunderte vor dem Trojanischen Krieg, der vielleicht um 1.200 v. Chr. stattfand. Vorausgesetzt, dass er überhaupt ein realhistorisches Ereignis sein sollte. Die Frage, ob eine der Städte im Hügel von Hissarlik mit dem Troja oder Ilion der späteren Dichtung identifiziert werden kann, ist heute so offen wie zu Schliemanns Zeiten auch. Niemand weiß, wie die Sagen der Griechen sich in jenen Jahrhunderten entwickelt haben, bevor Homer sie in seinen Epen zusammenfasste.

Es ist nicht zu leugnen, Schliemann verfuhr in seinen Schlussfolgerungen außerordentlich kühn, gerade so, als könnte es in der griechischen Vorgeschichte nichts anderes gegeben haben als die Geschichten rund um den Trojanischen Krieg. Da ist die moderne Archäologie inzwischen viel vorsichtiger geworden. Abgetan sind Schliemanns weitergehende Fragen damit jedoch keineswegs, jedenfalls nicht für das breite Publikum, das zeigt schon ein Blick in die populären Fernsehmagazine unter Titeln wie „Geheimnisse der Geschichte". Es will uns nicht in den Kopf, dass die großen Erzählungen von der „Ilias" bis zum „Nibelungenlied", von König Artus bis zum untergegangenen Atlantis vielleicht doch „bloß" Dichtung sind. Immer wieder wird nach einer historischen Wirklichkeit dahinter gefragt.

Der Vergleich mit Christoph Kolumbus liegt nahe: Der Entdecker Amerikas glaubte zeitlebens, er habe einen Seeweg nach Indien gefunden. Ähnlich deckte Schliemann mit seinen Ausgrabungen eine bis dahin unbekannte Welt auf, die ägäische Kultur des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr. - und er identifizierte sie in naiver Selbstverständlichkeit mit den Schilderungen Homers Jahrhunderte später. In der Antike wurde es bereits ganz ähnlich gehandhabt. In der Troas zeigten beflissene Fremdenführer den Besuchern gern die „authentischen" Gräber der Heroen.


Mehr im Internet:
Heinrich Schliemann, Wikipedia

 

 

 

 

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