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- KLIMAPOLITIK
Atomenergie und Erdgas als klimafeindlich brandmarken
Der Versuch, ueber die EU-Taxonomie ein fossiles Greenwashing zu betreiben ist eine Kampfansage
Christfried Lenz, Klaus Oberzig
 | | Solarthermieanlage auf einem Berliner Mietshaus
Bild: scienzz
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Mitten in die Koalitionsverhandlungen für eine neue
Bundesregierung in Berlin platzte die Information, dass die EU-Kommission neue
Atom- und Gaskraftwerke als nachhaltige Investitionen einstufen lassen möchte. EU-Kommissionschefin
Ursula von der Leyen kündigte beim letzten EU-Gipfel
am 22. Oktober 2021 an, in Kürze einen Vorschlag für das EU-Nachhaltigkeitslabel,
die sogenannte Taxonomie, vorlegen zu wollen. Dieses Klassifizierungssystem
soll das Rückgrat der
Sustainable-Finance-Strategy werden, die regelt, welche wirtschaftlichen
Aktivitäten und Finanzprojekte zukünftig als nachhaltige beworben und gefördert
werden können.
Bereits im Sommer dieses Jahres gab es einen ersten
schmutzigen Deal zur EU-Taxonomie. Frankreich hatte darauf gedrängt,
Atomenergie als "kohlenstoffarme" Technologie in diesen
Nachhaltigkeitskatalog aufzunehmen, ungeachtet der Tatsache, dass sie
gefährlich ist und gegen das Do-no-harm-Prinzip
der EU verstößt. Die deutsche Bundesregierung wollte dem nur
zustimmen, wenn fossile Erdgasprojekte, also etwa Gaskraftwerke, ebenfalls als
"nachhaltig" eingestuft würden. Als Konsequenz dieses Deals sollen
nun beide in das Klassifizierungssystem aufgenommen werden.
Der Vorstoß ist eine Kampfansage der alten Energiemächte an die Adresse der
regenerativen Industrien. Erdgas und Atomenergie würden den Erneuerbaren
gleichgestellt. Sie wären in besonderem Maße förderfähig, anstatt als
umweltschädliche Investitionen abgeblockt zu werden. Es wäre eine
Weichenstellung, die dem Klimaschutz diametral entgegen laufen würde und eine
Fortsetzung der destruktiven Politik vieler Regierungen, welche die
Durchsetzung der Energiewende bislang mit bürokratischen, politischen und
finanziellen Mitteln verhindert haben.
Und er kommt zu einem besonderen Zeitpunkt. Denn Merkel und ihre Partner sind
nicht nur noch im Amt, sie machen weiter Politik auf der althergebrachten Linie
gegen die Energiewende. Sie sind nach wie vor ignorant gegenüber den
Klimaproblemen. Darin ist nicht einfach ein vergiftetes Abschiedsgeschenk der
scheidenden Koalition an ihre Nachfolger zu sehen. In Sachen Klimapolitik ist
es vielmehr die Nagelprobe auf die Standfestigkeit einer eventuellen
Ampelkoalition. Erfüllen die Verhandler die in sie gesetzten klimapolitischen
Hoffnungen? Machen sie tatsächlich Ernst mit einer Politik der Entfesselung der
Erneuerbaren Energien oder akzeptieren sie die angezogenen Handbremsen der
alten Energiewirtschaft?
Als Begleitmusik sind plötzlich, wie nicht anders zu erwarten, verschiedene
Stimmen zu vernehmen, welche die Bedeutung der EU-Taxonomie herunter zu spielen
versuchen. Die Kernenergie habe, so heißt es, eh keine Chance mehr, die im
Gespräch befindlichen Mini-Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR) existierten
nur auf dem Zeichenbrett. Man bezweifle, ob sie jemals realisiert werden könnten.
Dem Erdgas wird vor allem die wirtschaftliche Zukunft abgesprochen, es könne den
immer kostengünstiger werdenden Erneuerbaren nicht standhalten. Auch die
Industrie habe das inzwischen verstanden. Hat sie das wirklich? Bei dieser
These wird nämlich übersehen, dass es für die Energiewirtschaft um mehr als
wirtschaftliche Vorteile geht. Es geht um ihre Existenz und letztlich um ihre
gesamte Verfasstheit. Da dürfte letztlich jedes Mittel recht sein.
Dafür zu sorgen, dass die Erneuerbaren nicht zu sehr ins Kraut
schießen, lässt sich als energiepolitisches Grundanliegen sämtlicher Merkel-Regierungen
seit 2010 durchgängig verfolgen. Sigmar Gabriel, SPD, einst-Wirtschaftsminister,
drückte es durch einen unanständigen Vergleich so aus: Der „Welpenschutz" für
die Erneuerbaren müsse aufhören, da diese mittlerweile zu „Jagdhunden" herangewachsen
seien, vor denen man sich in Acht nehmen müsse. Das Motiv derartiger Politik
ist weder Klimaschutz, noch die Versorgung der Bevölkerung mit preisgünstiger
Energie, sondern die Interessenwahrung der fossilen Energiewirtschaft. In
dieser haben sich Konzerne herausgebildet, die in einem Raum oberhalb von
Nationalstaaten und auch oberhalb von Staatenbünden (wie der EU) agieren. Ihr
Einfluss auf das Weltgeschehen ist, gemeinsam mit Big Pharma und der
IT-Industrie, enorm.
Durch den Klimawandel ist ihnen allerdings ein existenzielles Problem erwachsen.
Der entscheidende Ansatz gegen die Klimaerwärmung liegt in einer Umstellung der
Energieerzeugung auf regenerative Energien. Hier müssen Großkonzerne und
Finanzwirtschaft passen: Ihre Struktur, ihr ganzes Wesen, ihre Wirtschafts- und
Denkweise ist zentralistisch und monolithisch. Wenige Komplexe, bestehend aus
Brennstoffgewinnung, Großkraftwerken und Übertragungsnetzen, sind die großtechnischen
Bestandteile ihres Systems. Aber an dessen Ende wird es ganz unsystematisch und
„unschlüssig": es hinterlässt einen hochgradig schädlichen Abfall - im einen
Fall Treibhausgase, im anderen radioaktiven Müll. Für beides haben sie keine Lösung.
Die erneuerbaren Energien stehen dazu im diametralen Gegensatz. Sie sind
dezentral und in ihrer Anwendungsweise vielfältig. Sonne und Wind sind im
Prinzip überall naturhaft vorgegeben und können überall in Strom oder Wärme
umgesetzt werden. An die Stelle weniger Großkraftwerke treten Millionen dezentraler,
leicht zu handhabender und verlässlicher Erzeugungsanlagen. Durch sie entstehen
vielfältige neue gesellschaftliche Strukturen, von Autarkielösungen für
Einzelgebäude, über kleinere oder größere Energiegemeinschaften bis hin zu neu
ausgerichteten Stadtwerken.
Die für die Gesellschaft grundlegende Branche, die Energieerzeugung, verlässt
damit die Betätigungssphäre von Großkonzernen und wechselt über in die Hände
von Millionen Menschen. Hermann Scheer, ein Pionier der Solarenergie, beschrieb
das folgendermaßen: "Die autonome Aneignung Erneuerbarer Energien durch
eine Vielzahl von Akteuren ist die einzige erfolgversprechende Methode, den
Energiewechsel rechtzeitig und unumkehrbar gegen die Funktionslogik des
überkommenen Energiesystems durchzusetzen. Dieser Weg zum Durchbruch erneuerbarer Energien führt zu einer
durchgängig neuen Struktur der Energienutzung, die nur neben der gegenwärtigen
entstehen kann - und diese, Zug um Zug ersetzt und schließlich überflüssig
macht".
Es dürfte klar sein, dass dies einen Impuls für die gesamte Gesellschaft
mit sich bringt. Wie die im 19. Jahrhundert entstandene, auf fossiler Energie
fußende und zentralistisch organisierte Großindustrie die Massenfertigung
gleichartiger Produkte hervorbrachte und die Lebensbedingungen veränderte, so
wird eine dezentrale, erneuerbare Energiestruktur das Denken und Handeln der
Menschen verändern. Sie werden die Selbstbestimmung schätzen lernen und auf
alle Lebensbereiche übertragen wollen. Der Kapitalismus hat als einstmals
fortschrittliche Produktionsweise ausgedient. Sein Zeitalter neigt sich dem
Ende zu. Jetzt präsentiert er nur noch seine destruktive, Mensch und Natur
zerstörende Fratze.
Die große Energiewirtschaft hatte seit dem Entstehen der Anti-AKW-Bewegung und
der Energiewende vieles versucht, um ihren Hals zu retten. Vom Leugnen der
Schädlichkeit der Auto- und Kraftwerksabgase bis zum Verneinen der Klimakrise,
von der systematischen Behinderung der Erneuerbaren Energien bis zur
Propagierung neuer Lösungen wie dem gegenwärtig gehypten Wasserstoff ist sie
seit Jahrzehnten mit willfährigen Experten unterwegs, eine falsche Lebenswirklichkeit
vorzugaukeln. Inzwischen spielt sich sogar Bill Gates, einer der neuen
Pharaonen aus dem Silicon Valley, als oberster Klimaretter des Planeten auf. Neben
dem Bau neuer Minireaktoren will er gigantische Mengen winziger,
reflektierender Partikel in die Stratosphäre verbringen, um die Erde gegen zu
viel Sonneneinstrahlung abzuschirmen. Gleichzeitig ein passender Overkill für die
Solarenergie.
Es sind die gleichen Oligarchen, die 2020 die Regierungen unzähliger Länder
dazu bewegt haben, den Kurs des Systemerhalts per Corona-Narrativ zu
verschärfen. Die Menschen sollen nicht mehr davon überzeugt werden, dass die
traditionellen Industrien und ihre Produkte die beste aller Welten für sie als Konsumenten
bereitstellen. Mit der Pandemiepolitik wird seit mehr als eineinhalb Jahren massiver
Druck ausgeübt, um die Menschen zu blindem Gehorsam und Unterwürfigkeit zu zwingen.
Auch wenn es sich herausstellen sollte, dass die Angstmaschine Corona ihren
Zweck verfehlt, wird eine Ampelkoalition, wenn überhaupt, nur eine kurze Entspannung
bringen. Es werden neue Versuche folgen, Botmäßigkeit und Akzeptanz gegenüber
den autoritären Herrschaftsmethoden zu erzwingen.
In der Klimakrise könnte ein weiteres Potenzial für Drohung und Zwangsausübung
liegen. Die Energiewende- und Klimabewegung mag zersplittert und gespalten
sein, aber sie ist zahlenmäßig die stärkste Alternativbewegung, die lebendig
und aktionsfähig ist. Sie verfolgt nicht alleine idealistische Vorstellungen
von Freiheit und Autonomie, sondern sie ist in ihrer wirtschaftlichen Existenz
mit den energieautonomen Bestrebungen verbunden. Das ist ihre wirtschaftliche
Perspektive und macht sie stark. Allerdings muss sie sich dessen und ihrer
Rolle erst einmal bewusst werden.
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