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- KOALITIONSVERHANDLUNGEN
Ampelkoalition, Erdgas, CCS und Atom
Zum Sondierungsergebnis von SPD, BUENDNIS 90/DIE GRUENEN und FDP
Christfried Lenz
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„Wir machen es zu unserer gemeinsamen Mission, den Ausbau
der Erneuerbaren Energien drastisch zu beschleunigen und alle Hürden und
Hemmnisse aus dem Weg zu räumen. Dazu werden
wir Planungs- und
Genehmigungsverfahren erheblich beschleunigen. Den dezentralen Ausbau der Erneuerbaren
Energien wollen wir stärken. ... Bürokratische Hürden werden wir abbauen".
Bei dem Satz „Der menschengemachte Klimawandel ist eine der größten
Herausforderungen unserer Zeit." lässt die Begeisterung allerdings schon wieder
nach. Denn wenn der Klimawandel „eine der größten Herausforderungen" ist,
welche anderen Herausforderungen sind dann ebenso groß oder größer als der
Klimawandel? - Sehr geehrte Koalitionäre, bitte antworten!
Klimaschädlicher Umweg über die Erdgas-"Brücke"
Ja, und dann tritt man bereitwillig in die breiten Fußstapfen, die
Noch-Wirtschaftsminister Altmaier hinterlassen wird. Seine intensiven
Bemühungen, möglichst viel Erdgas für Deutschland zu organisieren, sollen doch
nicht umsonst gewesen sein. Also plant die Ampel-Regierung „die Errichtung moderner Gaskraftwerke".
Um sie schmackhaft zu machen, sollen sie „so gebaut werden, dass sie auf
klimaneutrale Gase (H2-ready) umgestellt
werden können." Doch wofür dieser Umweg? Warum mit dem Geld, das die
Gaskraftwerke kosten, nicht die Erneuerbaren ausbauen? Das Erdgas ist durch die
mit seiner Produktion verbundenen Methanemissionen mindestens so klimaschädlich
wie die Kohle. Kohle durch Erdgas zu ersetzen, ist hinsichtlich Klimaschutz ein
Nullsummenspiel, absurd und lediglich teurer, als die Kohlekraftwerke weiter
laufen zu lassen.
dena-Studie „Aufbruch Klimaneutralität": Griff in die CCS-Mottenkiste
Wenn wir nun den Blick über die Sondierungsergebnisse hinaus schweifen
lassen, dann fällt er beispielsweise auf die „dena-Leitstudie Aufbruch
Klimaneutralität". Diese gibt mit ihren gewichtigen 300 Seiten der neuen
Bundesregierung zu verstehen: an uns kommt ihr nicht vorbei. „Es ist also
ganz bewusst eine sehr praxisorientierte „bottom-up"-Perspektive auf das, was
für die neue Bundesregierung und mit ihr für alle Akteure - uns als Deutsche
Energie-Agentur (dena) inbegriffen - nun ansteht."
Ein besonders bemerkenswerter Teil dieser Studie ist ganz gewiss nicht
„bottom-up": Es wird nämlich die Abscheidung und unterirdische Verpressung von
CO2 - „Carbon Capture and Storage, CCS"
- mal wieder als angeblich unverzichtbare Klimaschutz-Maßnahme aus der
Mottenkiste geholt - also das, was vor einem Jahrzehnt von der Bevölkerung mit
der Parole „Stoppt den Wahnsinn!" abgewiesen wurde.
Der hauptsächliche Wahn liegt neben weiteren Faktoren darin, dass kein
sogenannter „geologischer Speicher" dicht sein kann. Je nach eingepresster
Menge breitet sich das CO2 unterirdisch aus mit einem Radius, der ohne weiteres
50 km betragen kann. Dass sich auf einer solch riesigen Fläche keine einzige
Wegsamkeit nach oben befindet, ist absolut unwahrscheinlich. Das bestreitet
auch die einschlägige Wissenschaft nicht. Der ganze Aufwand fügt letztlich also
nur eine Umleitung in den Weg des CO2 zur Atmosphäre ein.
In den 46 Paragraphen des deutschen CCS-Gesetzes werden denn auch „Leckagen und
erhebliche Unregelmäßigkeiten" mindestens 20 mal angesprochen. Der
Referentenentwurf verdeutlicht: „Die Leckagedefinition erfüllen sowohl geringfügige
‚schleichende' Leckagen als auch plötzlich auftretende große Leckagen". Das
Gesetz verlangt, diese unverzüglich zu beseitigen. Wie das technisch realisiert
werden kann, wird nicht gesagt. Es ist hierbei zu beachten, dass CO2
unsichtbar, geruchlos und bei einer Konzentration von 7% schwerer als Luft ist.
Es sammelt sich daher in Senken und ist dort für Mensch und Tier tödlich.
Die CCS-Lobby selbst macht auf das Thema „Leckagen" eindringlich aufmerksam: In
der von ihr initiierten und am vom EU-Parlament verabschiedeten
CCS-Resolution wird in den Punkten 24 und 28 eine möglichst frühe Abwälzung der
Haftung für gefüllte Speicher auf den Staat verlangt. Auch soll der Betreiber
im Fall von Leckagen keine CO2-Zertifikate zurückgeben müssen, da er durch
seine „kostenintensiven Abhilfebemühungen" schon genug benachteiligt sei und
andernfalls das Interesse an CCS-Projekten schwinden könnte. Sie dazu den
Beschluß des Europaparlamentes vom .
So liegt es nahe, dass die CCS-Lobby - und damit auch die dena - sich aufs weite Meer hinaus gezogen fühlt.
Denn welche Bürgerinitiative kann dort schon feststellen, wo CO2 aus dem
Untergrund hervor plubbert oder in großen Mengen frei wird? Man darf also
gespannt sein, was aus den Aussagen im Sondierungsergebnis wird, wenn die zu
erwartende Ampel-Regierung es mit der dena-Studie zu tun bekommt.
Auch noch Atom-Renaissance?
Neben den CCSlern scharren die Atom-Freunde mit den Hufen. Hochrangige Politiker,
wie z.B. Laschet, liebäugeln mit der Atomenergie als angeblich klimaschützender
Technik. Eine neue "Generation 4.0" von Kernreaktoren ist im Gespäch.
In Deutschland läuft die Atommüll-Endlagersuche. Das Endlager an sich ist ein
zweischneidiges Schwert: Einerseits wollen wir, dass der gefährliche Müll
möglichst bald sicher gelagert wird, andererseits kann das Endlager Einladung
für weitere Atomenergie-Nutzung sein, denn deren Hauptmanko, die fehlende
Müllentsorgung, wäre damit beseitigt. Dieser ungewollten Wirkung könnte ein
Riegel vorgeschoben werden, indem das Endlager nicht größer dimensioniert wird
als zur Aufnahme des bis 2022 produzierten Mülls erforderlich. Das scheint aber
gerade nicht beabsichtigt zu sein. Als Wolfram König, Präsident des Bundesamtes
für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), kürzlich einen möglichen
Standort in der Altmark aufsuchte und diesbezüglich gefragt wurde, antwortete
er ausweichend. Höchste Wachsamkeit ist also angebracht. Sonst könnte das
Endlager statt zum Schlussstrich unter einen technologischen Irrweg, zur
Startbahn für eine Revitalisierung der Kernenergie werden.
Überlegenheit der Erneuerbaren: Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch
bewusstseinsmäßig
Alle drei Punkte, Erdgas, CCS und Atom haben einen gemeinsamen Nenner: sie
sind Geschäftsfelder für das große Kapital. Und dieses versucht damit, die
Bedrohung durch die Erneuerbaren Energien, die längst kostengünstiger sind, zu
reduzieren und hinauszuschieben.
Die Erneuerbaren sind nun mal dezentral, kleinteilig und individuell. Das ist
kein Terrain für Konzerne, sondern Domäne des Mittelstandes. Im Mittelstand, so
Dr. Andreas Piepenbrink, Chef des Speicherherstellers E3 / DC, ist die
Mentalität auch anders als beim Großkapital: Zwar muss auch ein
mittelständischer Betrieb Gewinn machen, aber vorrangig ist vielfach die
Motivation, ein gutes und besonderes Produkt zur Verfügung zu stellen. Beim
Großkapital steht der Profit an erster Stelle. Das Produkt muss nur so geartet
sein, dass es Käufer findet.
Der Umstieg von den fossilen auf die erneuerbaren Energien bedeutet nicht nur
eine Veränderung der Energietechnik, sondern einen grundlegender Wandel. So wie
die Erfindung der Dampfmaschine die Industrielle Revolution auslöste, die
Massenproduktion und die Massengesellschaft, so verlangt und fördert die
Energiegewinnung aus Sonne, Wind oder Wasser das dezentrale Moment, den
Autarkiegedanken und den Individualismus. Das ist ein Fortschritt gegenüber der
kapitalistischen Mentalität, befindet sich auf einer höheren Bewusstseinsebene
und kann auf Dauer nicht aufgehalten werden.
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