- POLIZEI
Beschaemende Polizeigewalt gegen alte Menschen
Am Pfingstwochenende zeigte die Polizeit ihr Gesicht als Buergerkriegstruppe
Nathalie Parent
 | | Ansgar und Helene Klein werden von der Polizei ab-
geführt. Und die "tut nur ihre Pflicht". Ein altbekann-
tes Narrativ, das aber stutzig machen sollte.
Bild: Neue Rheinische Zeitung, NrhZ.de
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Sogar ältere friedfertige Mitmenschen wie Ansgar und Helene Klein werden
unsanft und respektlos von der Polizei behandelt. Was ihnen letzten
Sonntag in unserem Land, das wir definitiv nicht mehr Demokratie oder
Rechtsstaat nennen können, zugestoßen ist, haben sie in einem offenen
Brief geschildert. Er schmerzt uns sehr und er macht uns Angst.
Würselen, den 26. Mai 2021
Offener Brief an den regierenden Bürgermeister und die Regierungsfraktionen SPD, LINKE und Bündnis 90/Die Grünen von Berlin
Werte Damen und Herren,
Bilder von uns beiden gehen seit Pfingstsonntag 2021 aus Berlin „um die Welt": u.a. (aufgenommen während der polizeilichen Auflösung der genehmigten Mahnwache im Präsidentendreieck in Moabit) und
(das Foto wurde am gleichen Tag zwischen 15 und 17 Uhr während der
Einkesselung von friedlichen Menschen auf dem Breitscheidplatz in Berlin
gemacht).
Diese Bilder zeigen exemplarisch, mit welcher Willkür das
grundgesetzlich verbriefte Versammlungsrecht (Art. 8 GG) während der
Pfingsttage 2021 in Berlin auf Ihre Weisung hin, meine Damen und Herren,
außer Kraft gesetzt wurde.
Wir beide waren am 21. Mai nach Berlin gereist, um an den Pfingsttagen gemäß dem Manifest
friedlich für die uneingeschränkte Wiederherstellung unserer
Grundrechte einzutreten, die mit dem sogenannten vierten
Bevölkerungsschutzgesetz vom 23. April 2021 verfassungswidrig
eingeschränkt wurden.
Was wir an diesen Pfingsttagen in Berlin erlebt haben, war die
gewaltsame Unterdrückung sämtlicher absolut friedlicher Proteste im
Rahmen der Veranstaltung „Pfingsten in Berlin", und das, was speziell
meiner Frau und mir widerfuhr, hat uns hautnah gezeigt, wie tief unsere
hochgepriesene „Freiheitlich-demokratische Grundordnung" gesunken ist.
Bei den sogenannten „erkennungsdienstlichen Behandlungen" durch die
Polizei, die uns an diesem Tag gleich zweimal zuteil wurden, wurden wir
behandelt wie Verbrecher. In Moabit wurde meine Frau in Richtung
Gefangenentransportwagen gezerrt, was ich selbstverständlich nicht
zulassen wollte. Dann wurden vor der Seitenwand des
Gefangenentransportwagens „nur" einzeln „Verbrecher-Fotos" mit
„Fahndungsplakat" vor der Brust von uns gemacht.
Was hatten wir „verbrochen"?
Wir waren kaum bei der o.g. Mahnwache in Moabit eingetroffen, da war
schon ein massives Polizeiaufgebot in der Nähe der Mahnwache zu sehen.
Obwohl bei der Mahnwache nur ca. 200 Personen anwesend waren, wurde per
Polizei-Lautsprecher durchgesagt, dass die Veranstalter die
„Hygiene-Regeln" nicht durchsetzen könnten und daher die Versammlung
aufgelöst werden müsse.
Diese Auflösung mit anschließenden Festnahmen war offensichtlich von
vornherein geplant, denn in der an den Park angrenzenden Straße standen
zahlreiche Mannschaftswagen, mindestens ein Gefangenentransportwagen und
eine mobile „Polizeistation" (Zeltdach mit Tischen und Stühlen - nur
für Polizisten - wir konnten nach längerem Bitten erschöpft auf dem
Trittbrett eines Mannschaftswagens Platz nehmen). Die Station war
weiträumig mit Flatterband abgesperrt.
Zurück zu unserer Festnahme
Nach der Aufforderung der Polizei, den Mahnwachenplatz zu verlassen,
zögerten wir einen Moment, um auf die Freunde zu warten, die mit uns
gekommen waren; schon wurden wir unsanft von Polizisten angefasst, um
uns zum Gehen zu zwingen. Wir gingen in die vorgeschriebene Richtung und
ließen uns, angestrengt durch die erste „Begegnung" mit der
Staatsgewalt, auf einer nahe gelegenen Parkbank nieder.
Kaum saßen wir, kam wieder ein Polizist und forderte uns barsch auf,
aufzustehen und zu gehen. Mit Hinweis auf unser Alter - wir werden in
wenigen Wochen 84 - bat ich um einige Minuten Ruhepause. Der Polizist
sagte die Uhrzeit und „gewährte" uns zwei Minuten Pause. Sekunden später
kam ein weiterer Polizist hinzu und wollte uns zwingen, sofort
aufzustehen; prompt widerrief ersterer seine „Gewährung" und schrie:
„Kommando zurück!" Ich wurde brutal am Arm fixiert und in Richtung
Polizeistation gedrängt.
Weiteres ist dem o.a. Video zu entnehmen. Zu sagen bleibt noch, dass
wir nach langer Wartezeit in der Polizeistation mit Platzverweisen und
der Androhung von Bußgeld „entlassen" wurden.
Um 14 Uhr des gleichen Tages sollte eine Kundgebung auf dem
Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche stattfinden. Zusammen mit
unseren Freunden begaben wir uns dorthin. Kaum hatte der Redner Ralph T.
Niemeyer gesagt, dass er diese Versammlung angemeldet habe, und einige
weitere Sätze gesprochen, wurde er von Polizisten gehindert, seine Rede
fortzusetzen. In der Erwartung, dass die Kundgebung noch fortgesetzt
würde, blieben wir vor Ort.
Per Lautsprecher verkündete die Polizei, die mit mehreren
Mannschaftswagen am Rand des Breitscheidplatzes präsent war, dass
Abstände einzuhalten und Masken zu tragen seien. Da der Platz nur sehr
dünn von Menschen besetzt war und wir ein Attest zur Maskenbefreiung
besitzen, sahen wir keinen Grund, den Ort zu verlassen, sondern führten
das ein oder andere Gespräch mit Anwesenden. Währenddessen stellten wir
zwar fest, dass recht viele Polizisten aufmarschierten, doch da Berlin
an diesen Tagen überall voll von Uniformierten war, ahnten wir nicht,
was vorbereitet wurde.
Plötzlich wurden wir gewahr, dass wir von hunderten Polizisten
eingekesselt waren, die uns daran hinderten, den Platz zu verlassen. Ein
klarer Fall von Freiheitsberaubung, gepaart mit zermürbender
Ungewissheit über den Fortgang! Um nicht zu völliger Untätigkeit
verdammt zu sein, ergriff ich, auf einem Podest stehend, an die
Polizeikette gerichtet, das Wort und zitierte mit lauter Stimme die
Artikel 1, 2, 3(1), 5(1) und 8(1) unseres Grundgesetzes.
Keine Reaktion!
Schließlich nach mehr als zwei Stunden wurden wir - wie andere vor
uns - zur erkennungsdienstlichen Behandlung aus der Einkesselung in die
auch hier - wie in Moabit - vorbereitete mobile Polizeistation
herausgeführt. Hier baten wir - ziemlich erschöpft - um eine
Sitzgelegenheit, die uns nach rüpelhaften Bemerkungen eines jüngeren
Polizisten auch geboten wurde.
Fassungslos über die erlittenen Schikanen und die absolut
grundgesetzwidrige Gesamtsituation versuchte ich den Anwesenden deutlich
zu machen, wie sehr wir über die herrschende Situation erschüttert
waren, indem ich darauf hinwies, dass es unsere Generation sei, die mit
an dem Aufbau unserer Republik beteiligt war und nun zusehen muss, wie
unsere grundgesetzlich verbrieften Freiheitsrechte mit Füßen getreten
werden.
Insbesondere verwies ich darauf, dass wir beide lange Jahre aktive
Mitglieder der SPD und danach der GRÜNEN waren und seit 40 Jahren in der
Friedensbewegung tätig sind. Auch mein Hinweis, dass ich 44 Jahre in
führenden Positionen in der Kommunalpolitik unseres Wohnortes Würselen
und des Kreistages des Landkreises Aachen tätig und 1990
Bundestagskandidat von Bündnis 90/die GRÜNEN in diesem Kreis war,
interessierte keinen.
Nach langwieriger Prozedur wurden wir schließlich gegen 17:30 Uhr -
wie am Mittag in Moabit - mit Platzverweis und der Androhung von Bußgeld
„entlassen".
Es ist ganz offensichtlich, dass all diese repressiven Maßnahmen von
Regierungen und Behörden, die unsere Freiheitsrechte mehr und mehr
einschränken, den Protest gegen diese Maßnahmen derart erschweren
sollen, dass er zum Erliegen kommt.
Wir kämpfen weiter!
In der Hoffnung, dass Sie, die Sie die Verantwortung für unser
Gemeinwesen von uns Bürgern erhalten haben, die Lektüre dieses Briefes
zum Nachdenken über Ihr politisches Handeln anregt, verbleiben wir mit
friedlichen Grüßen
Dr. Ansgar und Helene Klein
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