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- KZ-GESCHICHTE
Andersdenkende wegzusperren hat Vorgaenger
Das SA-Gefaengnis Papestrasse - ein fruehes Konzentrationslager in Berlin
Klaus Oberzig
 | | Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße, Haftraum 4,
gleich neben dem heutigen Bahnhof Südkreuz.
Bild: Harry Weber/Metropol Verlag, Berlin 2013
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Andersdenkende wegzusperren hat im christlichen
Abendland, vor allem aber in Deutschlands jüngster Vergangenheit, eine Tradition. Selbst wenn behauptet wird, es sei nicht
Volkes Stimme, die sich da als Reflex auf Querulanten erhebt. Der Anteil von
Think-Tanks, Politikern und Medien, welche diese Reflexe generieren, ist
beträchtlich und zumeist ursächlich. Die Propagierung der Meinung der
Herrschenden steht in der Regel am Anfang angeblicher Ausbrüche der Volksmeinung.
Vordergründig ist das Thema Wegsperren aus den Medien, selbst den alternativen,
wieder verschwunden. Belegt ist aber auch, dass sogenannte Quarantänebrecher in
einigen Bundesländern tatsächlich weg gesperrt werden. In Brandenburg und
Sachsen hat man, Berichten zufolge, Flüchtlingsunterkünfte kurzerhand
umfunktioniert. Ganz pragmatisch. Dafür gibt es historische Vorbilder des
Jahres 1933, wie etwa das SA-Gefängnis Papestrasse, gleich neben dem heutigen Bahnhof Südkreuz. Es gilt als erstes provisorisches
KZ der Nazis.
Auch wenn das Thema Lager und Wegsperren medial momentan weniger Aufmerksamkeit
findet, ist es in manchen Familien durchaus präsent geblieben. Speziell die
Zeit vom 20. März bis zum 7. April war in der noch jungen NS-Herrschaft des
Jahres 1933 die Phase, in der die ersten Lager entstanden. Nachdem am 24. März das
„Ermächtigungsgesetz" in Kraft getreten war, wurde am 7. April mit dem „Gesetz
zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" eine weitere Rechtsgrundlage für
die Verfolgung von Andersdenkenden und deren Unterbringung in Lagern
geschaffen. Der 7. April ist auch für meine Familie kein x-beliebiger Tag. Es
ist vielmehr der Tag, der in der Familiengeschichte untrennbar mit dem Thema Verhaftung,
Wegsperren und Lager verbunden bleibt.
Meine Tante, die damals als Krankenschwester im Krankenhaus Moabit arbeitete,
wurde zusammen mit ihrem Lebensgefährten bereits in den Morgenstunden dieses 7.
April 1933 am Arbeitsplatz verhaftet und in das frisch geschaffene
provisorische KZ in der General von Papen Kaserne gebracht. Sie war damals in der
Leitung der gewerkschaftlichen Betriebsgruppe des Krankenhauses aktiv, er war in
Moabit Stationsarzt, Kommunist und Jude. Absolute No goes für die Nazis, wie
man heute formulieren würde.
Die beiden haben sich nach der Verhaftung nie wieder gesehen. Beide wurden
in der Papestrasse verhört und gefoltert. Er überlebte die Tortur nicht, sie wurde nach einigen
Tagen entlassen, nicht ohne eine erpresste Erklärung unterschrieben zu haben,
dass sie zeitlebens über die Ereignisse im provisorischen KZ schweigen würde.
Was für sie folgte, war nicht nur Berufsverbot, sondern zwölf Jahre Kampf ums
Überleben sowie die Arbeit im Untergrund.
Im April Jahr 2011 konnte der Verein „Geschichtswerkstatt Papestraße" mit
öffentlichen Mitteln und Geldern der Lottostiftung das nahezu intakte KZ als
Gedenkstätte eröffnen. Diese ist sogar aktuell besuchbar. Mir waren die
Ereignisse des April 1933 sowie die Existenz des ersten provisorischen KZ seit
langem bekannt. Meine Tante hatte mir bei einem Spaziergang auf einem Friedhof
davon erzählt. Das war 1970 im damaligen Ostberlin, wo ich sie als Westberliner
Student, so oft es ging im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten, besuchte.
Es hat Jahrzehnte gedauert, bis eine private Initiative die Geschichte des
provisorischen KZ wieder ans Licht bringen konnte. Immerhin, könnte man sagen.
Damit kann ich durchaus leben. Manche Prozesse laufen eben langsam. Nicht
verstehen kann ich den kalten Hass und die Menschenverachtung, mit der Zeitungen,
wie etwa die Bild-Zeitung, aber auch Politiker die Notwendigkeit des Wegsperrens
Andersdenkender im Munde führen. „Zentralstellen für die Zwangseinweisung" ist
eine dafür gebräuchliche, neue Wortschöpfung des Jahres 2021, die verharmlosend versucht, das
zu verschleiern, was dort mit Menschen geschieht.
Hatte Berlin nicht genügend solcher Zentralstellen der Zwangsdeportation, etwa in
der Großen Hamburger Straße in Mitte, der Levetzowstraße in Moabit oder der Putlitzbrücke
zwischen Moabit und Wedding, um nur die Bekanntesten zu nennen? Kann man nach den
Erfahrungen, wie man damals mit den sogenannten Volksschädlingen umging, eine
vergleichbare Nummer, wenn auch mit dem scheinbar harmloseren Begriff der
Coronaleugner, erneut aufziehen? Man kann, ganz augenscheinlich. Sind die
Begriffe Volksschädling und Coronaleugner so weit voneinander entfernt?
Wenn in grünen Netzwerken und E-Mailverteilern ein Wegsperren wie selbstverständlich
gefordert wird, ohne dass dem entschieden widersprochen wird, dann befindet man
sich in enger geistiger Nachbarschaft zu den Urhebern von Verfolgung und
Vernichtung Andersdenkender im Faschismus. Daran ändert sich auch nichts, wenn man Kritiker der Coronalegende als Rechte bezeichnet. Aus provisorischen KZs wurden
effiziente Mordfabriken. Das sollte man nicht vergessen. Wohin werden sich
umfunktionierte Flüchtlingslager in Brandenburg oder Sachsen entwickeln?
Wo steht ein deutscher SPD-Außenminister, der einmal als Motivation und Ausgangspunkt
seiner Politisierung den Holocaust nannte, wenn er heute öffentlich zum Besten
gibt, wer sich nicht impfen lassen wolle, dürfe auch nicht mehr in
Lebensmittelgeschäften einkaufen? Deutsche, kauft nicht bei Juden, hallte damals die Parole. Mir sind noch die Erzählungen meiner Tante im
Ohr, in welche Not sie nach der Freilassung aus dem KZ das über sie verhängte Berufs-
und Beschäftigungsverbot gestürzt hatte. Wer nicht mehr einkaufen darf,
überlebt nur noch durch die Hilfe und Solidarität anderer Menschen. Ist das
die Vision des immer gut gekleideten SPD-Politikers?
Es geht hier nicht darum, die Vergleichbarkeit des Frühjahres 1933 mit dem
Frühjahr 2021 zu beschwören. Aber Worte sind immer Anfang und Ausgangspunkt von
Taten. Wer Andersdenkende in Lager sperren will und dies auch noch öffentlich
kundtut, ist mit einem Bein bereits zum Täter geworden. Das ist eine der Lehren
des 7. April 1933, die mir präsent ist. Jedes Jahr genau an diesem Tag.
Deswegen ist es kein harmloser Fauxpas öffentlich nach Lagern zu rufen. Es ist
eine moralische Disqualifizierung derer, die das verlangen.
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