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- ANGSTMACHEREI
Todesangst und 1. Mai
Am Kampftag der Arbeiterklasse wurden traditionell die Daseinsaengste reflektiert
Christfried Lenz
 | | Bild: Gerd Altmann auf Pixabay
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Sahra Wagenknecht konstatierte vor einigen Tagen in einem
Videobeitrag, dass "die Angst vor dem Virus ... politisch ausgenutzt
wird". Angsterzeugung und Einschüchtern war schon immer ein Instrument
der Herrschaftsausübung und des Machterhalts. Auch wenn das heute der
Mehrheit der Bürger längst nicht mehr geläufig ist und sie vielfach
gar nicht mehr wahrnehmen, dass und wie sie beherrscht werden. Man kann
auch weiter fragen: was steckt hinter der Angst vor dem Virus?
Nun, deren Wurzel - wie auch die Wurzel so mancher
weiteren Ängste - ist die Angst vor dem Tod. Und worin wurzelt die Angst vor
dem Tod? - Da niemand von uns weiß, was
in seinem/ihrem Tod eigentlich passieren wird - ob das etwas Furchtbares oder
vielleicht sogar etwas Angenehmes ist - stellt sich die Ungewissheit, das Ohnmachtsgefühl
angesichts von etwas Unvorhersehbarem, Unkontrollierbarem als Wurzel der
Todesangst heraus.
Mit dem Unvorhersehbaren und Unkontrollierbaren haben wir es allerdings nicht
nur beim Tod zu tun, sondern auf Schritt und Tritt im Leben. Alles, was in dieser Welt der Zeitlichkeit
existiert, ist in Bewegung: etwas Altes stirbt, etwas Neues entsteht. Wie die
Veränderung verläuft, ist nicht vorhersehbar.
Vielleicht besteht das innere Antriebsmotiv der ganzen Technikentwicklung
darin, die Zukunft vorhersehbar machen
und unter Kontrolle bringen zu wollen. Auf der Ebene von Alltagsroutinen
gelingt dies auch. Wenn ich auf das Bremspedal trete, kann ich mit (fast)
absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass das Fahrzeug langsamer wird. Wenn ich
in einen Zug steige, kann ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit davon
ausgehen, dass er mich zum Zielbahnhof bringt.
Durch die Organisation der Gesellschaft wird versucht, den ganzen Lebensablauf
vorhersehbar zu machen: Kindergarten - Schule - Berufsausbildung -
Berufstätigkeit - Familiengründung - Karriere
- Ruhestand - Altersheim - Pflegeheim.
er Sicherheitsfaktor, wonach das alles auch nach Plan verläuft, ist hier
allerdings bedeutend niedriger. - Und an dieser Stelle möchte ich sagen: zum
Glück ist er niedriger! Denn die totale Eliminierung der Unvorhersehbarkeit
würde das Leben arm machen. Die Ungewissheit ist mit Ängsten verbunden, bringt
eben dadurch aber auch Spannung und Intensität ins Leben.
Ein reichhaltiges Leben ist ein abenteuerliches Leben. In der Frühzeit der
Menschheit war jeder Tag ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Bei der heutigen
Durchorganisation gehen Seelen, die noch eine Ahnung von der Faszination des
Abenteuers haben, gezielt auf Gefahrensuche. Sie durchklettern Felswände,
fahren Autorennen oder setzen sich auf einem kleinen Segelboot den Ozeanen aus.
Es gibt aber auch noch eine andere Dimension, in der man Gefahr und Abenteuer
finden kann: im gesellschaftlichen Zusammenleben! Hier gab es immer den
Konflikt zwischen vorwärts und aufwärts drängenden Geistern und der Mehrheit,
die sich dadurch in ihren Gewohnheiten und Routinen gestört fühlte.
Um uns hier der aktuellen Situation zuzuwenden: Eigentlich ist es nicht die
Bevölkerung, die durch unruhestiftende Geister gestört wird, sondern die
herrschende Schicht. Sie hat die Gewohnheiten und Routinen der arbeitenden
Bevölkerung, deren Anschauungen und Überzeugungen in eine Richtung gelenkt, die
mit ihrer Herrschaft kompatibel ist.
Ein Schlüsselbegriff ist das quantifizierende Denken. Seit der
Industrialisierung, seit der Entwicklung der Massenproduktion, wird die
Wahrnehmung der konkreten Eigenschaften von Dingen und Produkten, deren
Qualität, in den Hintergrund gedrängt. Allenthalben fokusiert sich das
Interesse auf Quantitäten: Höhe der Investitionen, Produktionszahlen, Lohnkosten,
erzielte Erlöse, Reingewinne. Das Denken in Quantitäten, insbesondere in
Geldquantitäten, hat aber auch solche Bereiche überwuchert, die mit einer
quantitativen Betrachtungsweise gar nicht erfasst werden können. Ein
kennzeichnendes Beispiel ist das berühmte Buch von Nicholas Stern „The
Economics of Climate Change - The Stern Review", das 2007 erschien. Der Autor
unterzieht sich der Mühe, fast 700 Seiten mit der Ermittlung von Kosten zu
füllen, die durch den Klimawandel verursacht werden. Seine Absichten sind löblich, denn er kommt
zu dem Ergebnis, dass es kostengünstiger sei, den Klimawandel zu stoppen als
die Bekämpfung seiner Auswirkungen zu finanzieren.
Doch wie inkommensurabel ist die Zahlen- und Kostenwelt, in der er sich
bewegt, mit der Wirklichkeit! - Was ist
eine ausgestorbene Tier- oder Pflanzenart „wert"? Auf dem Markt gibt es sie nicht zu kaufen,
wie kann man ihr einen „Preis" zuordnen? - Oder wieviel Geld ist es wert, sich
in einem sauberen Fluss treiben lassen zu können? - Mit welchem Geldbetrag ist
der Verlust an Grundvertrauen zu bemessen, der einer Bevölkerung widerfährt,
deren Behausungen vom Sturm dem Erdboden gleich gemacht wurden? - Derartigem ist jegliche Quantifizierung
inadäquat.
Und ein weiterer - für uns noch wesentlicherer - Bereich ist fälschlich der
Quantifizierung subsumiert worden: unser Leben selbst! Die Quantität der Jahre, die es umfasst, ist
von Interesse. Die Qualität eines Lebens, die Intensität und Vielfalt der in
ihm gemachten Erfahrungen, verschwindet aus dem Blickfeld.
Die Corona-Maßnahmen verdeutlichen - wie so manches andere - welches Ausmaß die
diesbezügliche Verwirrung schon erreicht hat. Kindern werden Schuldgefühle
gemacht: Wenn sie ihre Spontaneität nicht entsprechend den
Corona-Einschränkungen unterdrücken, seien sie für das Sterben ihrer Großeltern
verantwortlich. - Mit der Behauptung,
die Lebenslänge von 80- und 90jährigen würde um wenige Jahre oder auch nur
Monate oder auch nur Wochen ausgeweitet, wird die Qualität des Lebens junger,
im Aufbau befindlicher Menschen gravierend geschädigt.
Und wir - das „Christliche Abendland" - berufen uns auf einen Menschen, der
demonstriert hat, dass die Zahl der Jahre gerade kein Maßstab für die
Erfülltheit und Bedeutung eines Lebens ist! Jesus war Anfang 30, als er den Tod
in Kauf nahm, dem er sich durch Flucht ohne weiteres hätte entziehen können.
Doch war es ihm wichtiger, zu dem zu stehen, was er geredet und getan hatte.
Ohne seinen spektakulären Tod hätte sein Wirken niemals die weltgeschichtliche
Bedeutung erreicht, die es erlangt hat.
Der Sinn unseres Hierseins in einer Welt der Zeitlichkeit, in der sowieso alles
von begrenzter Dauer ist, besteht nicht darin, unseren biologischen Körper
möglichst lang zu erhalten. Beispiele wie Jesus oder Sokrates haben viele
Nachfolger gefunden. Die Erkenntnis „das Leben ist der Güter höchstes nicht"
ist sogar in die Volksweisheit eingegangen. Sie entbindet von allen unsinnigen
und nur auf Unterwürfigkeit zielenden Vorschriften. Das eigene Gewissen als den
Souverän zu leben, schafft ein köstliches Gefühl von Befreiung.
Ganz ähnlich sagte es auch die Arbeiterbewegung: „schlechtes Leben mehr zu
fürchten als den Tod". - Ach ja, morgen ist der 1. Mai.
In diesem Sinn: Guten 1. Mai!
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