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22.12.2021 - BRAUCHTUM

Von der Geburt Christi zur Familienidylle, zum Fest des Schenkens und Beschenktwerdens

Eine Geschichte des Weihnachtsfestes

von Josef Tutsch

 
 

"Merry Old Santa Claus" von Thomas Nast,
1881 - Bild: Wikipedia

„Es war die Nacht vor Weihnachten“, „kein Geschöpf rührte sich, nicht einmal eine Maus“.  Der Erzähler dieses Gedichts, das der amerikanische Literaturwissenschaftler Clement Clarke Moore 1823 für seine Kinder schrieb, und seine Frau lagen längst zu Bett, die Kinder ebenso. Da hörte er von draußen ein Klappern und schaute zum Fenster hinaus. Ein von Rentieren gezogener Schlitten kam heran und flog auf das Dach. „Den Kamin hinunter kam St. Nicholas mit einem Sprung. Er war ganz in Pelz gekleidet, mit Asche und Ruß befleckt.“ Die Strümpfe, die am Schornstein aufgehängt sind, füllte er mit Spielzeug und stieg dann wieder hinauf. Während er auf seinem Schlitten davonflog, war noch der Ruf zu hören: „Allen eine frohe Weihnacht und eine gute Nacht!“

Von der Geburt Christi, kommentiert der Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert in seinem Buch zur Geschichte des Weihnachtsfestes, ist in Moores Gedicht mit keinem Wort die Rede. Weihnachten ist ganz einfach das Familienfest, an dem es Geschenke gibt – gebracht von einer geheimnisvollen Gestalt, die durch den Schornstein kommt. Und dieses „neue“ Weihnachtsfest, wie Moore es vor zwei Jahrhunderten propagierte, hat sich heute weitgehend durchgesetzt: Gegenüber der Pflege des Familienidylls einerseits, dem Kult des Konsums andererseits ist der ursprüngliche Sinn, nämlich die Geburt des Erlösers, in den Hintergrund getreten.

Aber gerade diese Säkularisierung, die Loslösung aus den theologischen Zusammenhängen, stellt der Autor fest, hat Weihnachten weltweit zum Fest der Feste gemacht. Teile der christlichen Kirchen führen einen etwas hilflosen Abwehrkampf. So verbrannten Aktivisten im Dezember 1951 vor der Kathedrale von Dijon einen Weihnachtsmann. Bereits die puritanischen Sekten im Nordamerika des 17. und 18. Jahrhunderts, berichtet Göttert, versuchten, alle Weihnachtsbräuche zu unterdrücken: Sie vermissten eine biblische Begründung für dieses Fest.

Und tatsächlich, im frühen Christentum wurde nur Ostern als Fest der Auferstehung gefeiert – kein Weihnachten. Noch um die Mitte des 3. Jahrhunderts polemisierte der Theologe Origenes gegen Anläufe, ein Geburtsfest des Erlösers zu begehen: Geburtstage würden doch nur die „Heiden“ feiern, vor allem die Kaiser. Der früheste Beleg, dass am 25. Dezember Weihnachten gefeiert wurde, findet sich in einer Predigt des Presbyters Johannes Chrysostomos, um 387.

Warum gerade am 25. Dezember? Beliebt ist die Theorie, die Christen hätten das Fest des „Sol invictus“, das an diesem Tag gefeiert wurde, sozusagen „umbesetzt“. Im Jahr 274 hatte Kaiser Aurelian den Sonnengott zum Herrn des Römischen Reiches erklärt und als Festtermin den Tag der Wintersonnenwende angeordnet; das war nach damaligem Kalender der 25. Dezember. An der „Umbesetzungshypothese“ ist soviel richtig, dass Christus von den christlichen Predigern als „neue Sonne“ verherrlicht wurde.

Doch aus den zeitgenössischen Quellen geht nicht hervor, ob das „heidnische“ Fest ein Jahrhundert nach Aurelian noch so populär war, dass seine Ersetzung durch ein christliches Fest nahe gelegen hätte. Es gab aber noch einen anderen Weg, auf dem die christlichen Theologen zum 25. Dezember als Geburtstag Jesu gelangten. Als Datum der Weltschöpfung wurde gern der Termin des jüdischen Pessachfestes angenommen. Dabei stellte sich allerdings die Schwierigkeit, dass dieses Fest nach dem Mondjahr berechnet wird und deshalb im Sonnenjahr etwa zwischen Ende März und Mitte April schwankt.

Johannes Chrysostomos überging dieses Problem, indem er einfach den Frühlingsbeginn annahm, nach damaligem Kalender den 25. März. Jesu Empfängnis, vermutete er, müsse am selben Tag des Jahres erfolgt sein. Von dort aus neun Monate weiter gerechnet, ergab sich als Geburtstag der 25. Dezember. Wahrscheinlich, meint Göttert, hatte sich in einem Teil des Römischen Reiches dieser Tag als Geburtsfest Jesu bereits eingebürgert. Mit seiner Rechnung wollte der Theologe dem Termin eine Rechtfertigung geben.

Verständlich wird dieses Anliegen aus dem Umstand, dass am 6. Januar seit längerem die Taufe Jesu im Jordan gefeiert wurde, seine „Erscheinung“ als Gottes Sohn vor der Öffentlichkeit, mit der Stimme aus dem Himmel, von der das Markusevangelium berichtet: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Eine weit verbreitete Strömung damals in der Theologie, die als „Arianismus“ bekannt wurde, verstand das so, dass Gott erst mit der Taufe Jesus als seinen Sohn angenommen hätte.

Johannes Chrysostomos dagegen wollte den Akzent auf die Geburt Jesu aus einer Jungfrau legen, mit den Erzählungen aus dem Matthäus- und dem Lukasevangelium: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ Zwei unterschiedliche theologische Konzepte, die im 4. Jahrhundert zu gewaltsamen Konflikten führten. Das Weihnachtsfest eignete sich zur liturgischen Bekräftigung der Trinitätslehre, die damals auf den Konzilien von Nicaea, Konstantinopel und Chalcedon formuliert wurde: Der Mensch Jesus, geboren aus der Jungfrau Maria, war „Gottes eingeborener Sohn“, „eines Wesens mit dem Vater“.

Erst im späten 4. Jahrhundert also entstand das Kirchenjahr, wie es heute durch die staatlichen Feiertage auch den weniger Gläubigen unter uns gegenwärtig ist, mit den beiden zentralen Festen Ostern und Weihnachten. Ebenso wie Ostern erhielt das Weihnachtsfest eine Vorbereitungszeit, in der früher gefastet wurde, den Advent, und mehrere Folgefeste wie die „Unschuldigen Kinder“ am 28. Dezember zum Gedenken an den Kindermord von Bethlehem oder die „Beschneidung Jesu“ am 1. Januar.

Und auch das ältere Fest der „Erscheinung“ am 6. Januar wurde zum Bestandteil des Weihnachtsfestkreises. Das Gedenken an die Taufe im Jordan trat gegenüber einer anderen Geschichte zurück: den Weisen aus dem Morgenland, die durch den Stern von Bethlehem geleitet wurden. In vielen der Weihnachtsspiele, die seit dem 13. Jahrhundert aufkamen, und später in den Weihnachtskrippen wurde die Prozession der drei Könige, wie man die Weisen umdeutete, zum eigentlich beherrschenden Element: Mit ihrem exotischen Gefolge boten sie der Phantasie am meisten Spielraum.

Das Fest der Unschuldigen Kinder am 28. Dezember brachte sogar ein karnevalistisches Element in die Weihnachtszeit hinein. Im Mittelalter wählten die Chorknaben an diesem Tag aus ihrer Mitte einen „Kinderbischof“. „Die klerikale Welt stand für einen Augenblick Kopf“, resümiert Göttert, „oben und unten waren verkehrt.“ Die biblische Rechtfertigung gab ein Vers aus dem Lobgesang der Jungfrau Maria im Lukasevangelium: Gott „stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Bei der liturgischen Feier trat manchmal ein Esel auf – der Esel, der Maria mit dem göttlichen Kind nach Ägypten getragen hatte. Der Gottesdienst schloss mit einem dreifachen fröhlichen „I-aah!“

Bereits vor Luther prangerten viele Theologen solche Bräuche als gotteslästerlich an. Als in der Frührenaissance antike Texte wieder mehr gelesen wurden, fühlte mancher sich an altes Heidentum erinnert. Im 13. Jahrhundert „wanderte“ das Kinderbischofsfest auf einen neuen Termin, den 6. Dezember, also Nikolaus – der Bischof von Myra in Anatolien, der im 4. Jahrhundert gelebt haben soll, wurde als Schutzpatron der Kinder verehrt. Dass sein Gedenktag in die Vorweihnachtszeit fiel, war zunächst bloß Zufall: Der 6. Dezember galt als sein Todestag. Aber ein Zufall, der Geschichte machte. Auf dem Umweg über Nikolaus, der die Kinder im späten Mittelalter bescherte, wurde Weihnachten zum großen Fest der Geschenke.

Eine „bunte“ Volksfrömmigkeit, die den Reformatoren höchst unbehaglich war, da sich kaum etwas davon aus der Bibel begründen ließ. Der hl. Nikolaus, der im 4. Jahrhundert gelebt haben soll, schon gar nicht. So schwenkte Martin Luther beim Geschenkebrauch auf das „Christkind“ um. Nicht ohne die Bereitschaft zu praktischen Kompromissen: Seine eigenen Kinder, so Göttert, beschenkte er sowohl zu Nikolaus als auch zweieinhalb Wochen später zu Weihnachten.

Johannes Calvin wollte viel radikaler vorgehen: Das Weihnachtsfest sollte als willkürlich gewählter Termin aus dem Kalender gestrichen werden. Schließlich musste er sich damit begnügen, dass der Stadtrat von Genf es auf den jeweils folgenden Sonntag verlegte. In England und in Nordamerika wollten die Puritaner wenigstens alle „unbiblischen“ Bräuche ausmerzen. Auf Dauer ohne Erfolg. Aus den USA des 19. Jahrhunderts sind sogar Weihnachtsbräuche belegt, die mit der Geburt Jesu gar nichts zu tun hatten – außer vielleicht, dass sie das Stichwort vom Sturz der Mächtigen aus dem Lukasevangelium aufgriffen. Eine „Umkehr der Ordnung von Arm und Reich“, ähnlich den Saturnalien im alten Rom. In den Sklavenhalterstaaten legten die Schwarzen an diesem Tag die Arbeit nieder, in Boston und New York stürmten Angehörige der „unteren“ Schichten die Häuser der Reichen und forderten die ihnen „zustehenden“ Gaben.

Göttert unterstellt, dass auch Moores Gedicht in diesem Kontext zu verstehen ist: An seiner „Nicholas“-Figur wollte der Verfasser, der in anderen Schriften die Sklaverei ausdrücklich befürwortete, zeigen, wie schön doch eine Familienidylle ist, in der die Geschenke ohne Zwang kommen. Von der Schenkerfigur, die in der Christenheit Jahrhunderte lang die Vorweihnachtszeit beherrscht hatte, dem Bischof Nikolaus von Myra, blieb dabei nichts übrig, nur eben der Name. 1881 zeichnete der Cartoonist Thomas Nast, von Moores Gedicht angeregt, das Bild von „Santa Claus“, wie er heute ein für allemal auszusehen hat: ein Pfeife rauchender, wohlbeleibter älterer Herr, der lächelnd seine Geschenke bereit hält. 1931 kleidete ihn der Graphiker Haddon Sundblom im Auftrag der Firma „Coca-Cola“ in sein rot-weißes Gewand, das immerhin noch an ein Bischofsornat erinnert.

Zurück ins alte Europa. 1842 schuf der Kupferstecher Carl A. Schwerdgeburth sein Blatt mit dem Titel „Dr. Martin Luther im Kreise seiner Familie zu Wittenberg am Christabend 1536“. Für Generationen prägte es die Vorstellung, wie ein Weihnachtsfest abzulaufen hat: eben im Familienkreis. Dieses Thema hatte 1806 der Theologe Friedrich Schleiermacher in einer kleinen Schrift ausgeführt. Im Zentrum der Familienfeier steht der Akt des Schenkens. Weihnachten, resümiert Göttert, „vertrug gewissermaßen die aufklärerische Entmythologisierung besser als Karfreitag und Ostern“, es erlaubte „der christlichen Gemeinde letztlich, sich selbst zu feiern“. Oder anders gesagt: Religion wurde durch schwer fassbare religiöse Stimmung ersetzt.

Ein Familienkreis unter dem Weihnachtsbaum, geschmückt mit vielen Kerzen. Von dem Baum wusste Luther noch nichts, er setzte sich erst im späten 18. Jahrhundert allgemein durch. Er könnte auf den Baum des Paradieses zurückgehen, der im Mittelalter am 24. Dezember, zum Fest von Adam und Eva, oft auf dem Vorplatz der Kirchen aufgestellt wurde. Aber diese Kontinuität ist umstritten, stellt Göttert fest. In Deutschland galt lange der Grundsatz „Protestanten haben ihren Weihnachtsbaum, Katholiken ihre Weihnachtskrippe“. Noch 1935 wetterte der „Osservatore Romano“ gegen den „heidnischen“ Brauch. Vergeblich – heute ist der Tannen- oder Fichtenbaum weltweit, über alle Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg, das wichtigste aller Zeichen für Weihnachten. Für das große Fest der Familie, des Schenkens und Beschenktwerdens, damit aber auch von Kommerz und Konsum. Da fällt es selbst dem zu Sachlichkeit verpflichteten Wissenschaftler schwer, nicht in kulturkritischen Zynismus zu verfallen. Wahre Liebe, meint Göttert, „zeigt sich im Kauf von Dingen, die man nicht braucht“.


Auf dem Büchermarkt:

Karl-Heinz Göttert: Weihnachten. Biographie eines Festes,
Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2020, 252 S. mit 33 teils farb. Abb., ISBN 978-3-15-011306-6, 25,00 €


Mehr im Internet:

Karl-Heinz Göttert: Weihnachten. Biographie eines Festes, Philipp Reclam jun.
Weihnachten - Wikipedia
scienzz artikel Weihnachten



 

 

 

 

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