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Wissenschaft

20.12.2021 - LITERATURGESCHICHTE

Der alte, gutherzige Vater Rhein

Literarische Reise auf einem ganz besonderen Strom

von Josef Tutsch

 
 

Loreley, von Emil Krupa-Krupinski, 1899
Bild: Wikipedia

Als Kaiser Hirohito 1971 Deutschland besuchte, gehörte eine Schiffsreise, eine „Bötchenstour“, wie man in Bonn sagt, auf dem Mittelrhein von Bingen nach Koblenz zum Programm. Mit einer Karte in der Hand verfolgte der Tenno genau den Verlauf des Flusses. Die Experten, die vom Bundespräsidialamt bestellt worden waren, hatten Mühe, alle seine Fragen zu den Burgen rechts und links zu beantworten. Und als der Loreleyfelsen auftauchte, stimmte Hirohito in den Gesang des Bordlautsprechers mit ein, in deutscher Sprache: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin …“

„Der Rhein ‚hat‘ etwas“, stellt der Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert in seinem neuen Buch fest. Eine sehr saloppe Formulierung, in der sich vielleicht die Schwierigkeit ausdrückt, dieses „etwas“ präzise zu formulieren. Oft ist diese „Rheinromantik“ literarisch vermittelt – es wird kaum einen Reisenden geben, längst auch aus Übersee, dem an der Loreley nicht das Bild der kämmenden und singenden Jungfrau in den Sinn käme, das Heinrich Heine 1826 in seinem weltberühmten Gedicht zeichnete.

Man könnte eine chronologisch angeordnete Literaturgeschichte des Rheins schreiben. Sogar eine doppelte Literaturgeschichte: einerseits von Dichter und Schriftstellern, die am Rhein gelebt und geschrieben haben, von Gottfried von Straßburg über Goethe und Heine bis zu Heinrich Böll und Hanns Dieter Hüsch. Andererseits von Dichtungen, die am Rhein spielen. Zum Beispiel der Verfasser des „Nibelungenlieds“, der zu Anfang des 13. Jahrhunderts in Passau schrieb, siedelte mehrere seiner Episoden am Rhein an. Siegfried stammt aus Xanten, bei Worms soll Hagen den Nibelungenschatz im Strom versenkt haben. Sechshundert Jahre später wurde der Rhein zum bevorzugten Schauplatz der politischen Lyrik in Deutschland.

Statt der Chronologie hat Göttert einen anderen, topographischen Zugang gewählt: sich vom Strom treiben zu lassen, von den Mündungen in den Alpen bis zum Delta, und dabei im freien Wechsel zwischen den Jahrhunderten jene Dichtungen aufzurufen, die in dieser oder jener Hinsicht mit den Orten rechts und links verbunden sind. Der Leser, der Göttert auf seiner literarischen Reise begleitet, findet das eine oder andere Highlight der Literaturgeschichte.

Zum Beispiel in Straßburg: Um 1210 oder 1215 dichtete ein „Meister Gottfried“ dort den „Tristan“-Roman. Nicht nur eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur, sondern auch eines der rätselhaftesten: An einer Stelle vergleicht Gottfried von Straßburg die Liebe – wohlgemerkt: eine ehebrecherische Liebe – mit dem Sakrament der Eucharistie. „Kein Wunder, dass dies einiges Erschrecken ausgelöst hat“, schreibt Göttert. Aber eben nicht soviel Erschrecken, dass es die Verbreitung des Romans behindert hätte.

Mehr als ein halbes Jahrtausend später kam Goethe. In Straßburg legte er sein Examen zur Ausübung des Advokatengeschäfts ab. Dort entstand 1771 auch seine Schrift „Von deutscher Baukunst“. Eine „Jubelarie“ auf das Straßburger Münster, dessen gotischer Stil damals vielfach noch auf Unverständnis stieß. Die Schrift half, diesem Unverständnis abzuhelfen. Dennoch – „Goethe war im Rausch und verband historische Ahnungslosigkeit mit rhetorischen Glanzlichtern“, stellt Göttert fest. Sein Satz „Das ist deutsche Baukunst, unsere Baukunst, da der Italiener sich keiner eignen rühmen darf, viel weniger der Franzos’“ trug wesentlich dazu bei, dass der Ursprung der Gotik in Nordfrankreich Jahrzehnte lang verkannt wurde.

Vollständigkeit des Materials hat der Germanist nicht angestrebt. So fehlt zum Beispiel Georg Büchner, der im März 1835 auf der Flucht vor der großherzoglich-hessischen Polizei in Straßburg war und dort seine Erzählung „Lenz“ und sein Lustspiel „Leonce und Lena“ konzipierte. Weiter südlich, in Basel, kam 1494 „Das Narrenschiff“, von Sebastian Brant heraus. Eines der meistgedruckten deutschen Bücher vor Goethes „Werther“, eine Satire über all das, was den Zeitgenossen als dumm, lästerlich oder närrisch vorkam. So fand der Autor es degoutant, sein Nachtgeschirr einfach durchs Fenster auf die Straße zu entleeren – damals offenbar eine weit verbreitete Gewohnheit. Heute, bemerkt Göttert, wird das Lesevergnügen ein wenig geschmälert, weil Brants Verse nach modernem Empfinden doch reichlich klappern.

Von Joseph Victor Scheffels „Trompeter von Säckingen“, erschienen 1853, der rührseligen, aber doch mit viel Humor erzählten Geschichte einer großen Liebe, die aufgrund der Standesunterschiede unmöglich ist, mit viel Glück aber doch noch zustande kommt, bis zu Thomas Manns ironisch funkelndem Romanfragment vom Hochstapler „Felix Krull“, 1954, dem Sohn eines Sektweinfabrikanten aus Eltville („Ihren Champagner sollte die Polizei verbieten!“) – Göttert bietet einen bunten Bilderbogen der Literatur am Rhein. Manchmal bringt es die topographische Anordnung mit sich, dass Verschiedenstes gleich nebeneinander steht. In Rheinhessen, vielleicht in Nackenheim, spielt Carl Zuckmayers „Fröhlicher Weinberg“, 1925, ein Stück auf der Grenze zwischen derber Lebensfreude und Gesellschaftskritik. Einige Kilometer rheinaufwärts lag das nationalsozialistische Konzentrationslager Osthofen, eine Vorlage für die Handlung in Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“, 1942.

Oder Friedrich Schilles „Räuber“ – sie wurden 1782 am Nationaltheater in Mannheim uraufgeführt und erregten ungeheures Aufsehen. „Das Theater glich einem Irrenhaus“, berichtete ein Augenzeuge, „rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe zur Tür.“

Das eine oder andere Werk gehört wohl mehr zur Trivialliteratur. Am Hinterrhein in der Schweiz spielt John Knittels einst viel gelesene Schauergeschichte „Via mala“ von 1934. Dagegen hat der Verfasser den Kölner Volkssänger Willy Schneider ausgelassen, der vor einigen Jahrzehnten mit seinen Liedern von Rhein und Wein so ungeheuer populär war. Zum Beispiel „Wenn das Wasser im Rhein gold’ner Wein wär, / Ja, dann möcht‘ ich so gern ein Fischlein sein.“ Oder „Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett gesehen“, „und links und rechts vom Rhein, da wächst der beste Wein.“

À propos „Vater Rhein“: Diese Floskel kam nicht erst in der „Rheinromantik“ auf, sie findet sich bereits auf Weihesteinen, die römische Soldaten errichten ließen, um den Beistand des Flussgottes anzurufen. Um 1800, im Zeitalter des aufkommenden Nationalismus, allerdings erhielt dieser „Vater“ auch eine politische Bedeutung, Stichwort „Erbfeindschaft“. Nach der französischen Revolution hatte Frankreich das linke Rheinufer annektiert, statt des Pfalzgrafen bei Rhein oder der Erzbischöf von Mainz, Köln und Trier herrschte von Paris aus Kaiser Napoleon. In den folgenden Jahrzehnten antworteten deutsche Dichter mit einer Flut patriotischer Lyrik, in der immer wieder der „heil’ge Rhein“ beschworen wurde. 1814 der Ostpreuße Max von Schenkendorf, irgendwo im preußischen Heerlager: „Die Losung sei der Rhein! / Wir wollen ihm aufs Neue schwören: / Wir müssen ihm, er uns gehören. / Vom Felsen kommt er frei und hehr; / Er fließe frei in Gottes Meer!“

1840, als in Frankreich wiedermal über eine Rückgewinnung der „natürlichen“ Grenze am Rhein diskutiert wurde, dichtete der Bonner Nikolaus Becker: „Sie sollen ihn nicht haben, / Den freien deutschen Rhein, / Bis seine Flut begraben / Des letzten Manns Gebein.“ Und Schenkendorf schrieb ein Lied, von dem Bismarck später sagte, es sei eine der „Imponderabilien“, „die den Erfolg unserer Einigkeitsbestrebungen vorbereitet und erleichtert haben“, im Kaiserreich wurde es zu einer inoffiziellen Nationalhymne: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein: / Fest steht und treu die Wacht am Rhein.“

„Mein Rhein ist dunkel und schwermütig“, zitiert Göttert den Kölner Heinrich Böll, 1957 – zwölf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur. Aber zum Gesamtbild der deutschen Dichtung vom Rhein gehören natürlich auch Heinrich Heines Verse, in denen der Fluss selbst zu Worte kam: „Wenn ich es höre, das dumme Lied [gemeint ist das von Nikolaus Becker], / Dann möcht ich mir zerraufen / Den weißen Bart, ich möchte fürwahr / Mich in mir selbst ersaufen.“ Und die Reflexionen eines Stefan George in seinem Gedichtband „Der siebente Ring“ von 1907 über die Frage, ob die deutsche Geschichte vielleicht anders verlaufen wäre, hätte sich neben Preußen und Österreich das Land am Rhein als ein drittes Deutschland mehr Geltung verschafft. Die Schlussverse, in denen George den Fluss selbst zu Worte kommen ließ, waren im wilhelminischen Kaiserreich beinahe schon landesverräterisch: „Den eklen schutt von rötel kalk und teer / spei’ ich hinaus ins reinigende Meer.“ Rötel, Kalk und Teer: Das sind, in umgekehrter Reihenfolge, die Farben der Reichsflagge, Schwarz-Weiß-Rot.

Ein ganz und gar unerfreuliches Beispiel von poetischer Einmischung in die Politik nennt Göttert im Kapitel über Konstanz. Am Konzil, das dort von 1414 bis 1418 stattfand, nahm auch der Dichter Oswald von Wolkenstein teil, als „Diener“ des Bischofs von Brixen. Als 1415 der tschechische Theologe Jan Hus als Ketzer verbrannt wurde, richtete Wolkenstein an ihn die hasserfüllten Worte: „Und wenn dich friert, er [der Teufel] heizt dir ein / in einem Bett, das du nicht mehr verlässt.“ Doch gleich daneben findet sich eine kleine Pikanterie. 1993 stellte der Bildhauer Peter Lenk in Konstanz die neun Meter große Statue einer halbnackten Dame auf. Einer Edelprostituierten mit nom de guerre „Imperia“, die beim Konzil vielen geistlichen und weltlichen Herrn den Kopf verdreht haben soll. In den 1830er Jahren gestaltete Honoré de Balzac daraus eine Episode seiner „Tolldreisten Geschichten“.

Am dichtesten sammeln sich die literarischen Reminiszenzen wohl im Rheingau. Im Juni 1802 absolvierten die Dichterfreunde Clemens Brentano und Achim von Arnim eine Rheinfahrt auf jener Route, die bald obligatorisch wurde, von der Mainmündung bis Koblenz. In Heidelberg begründeten die beiden dann mit der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ den Volksliedton in der deutschen Lyrik des 19. Jahrhunderts. Im Juli 1806 vollzog sich beim Örtchen Winkel eine Tragödie: Am Rheinufer stieß sich die junge Dichterin Karoline von Günderode aus unerfüllter Liebe einen Dolch ins Herz. Wenige Jahre später, als Napoleons Truppen sich vom Rhein zurückzogen, wurde das Haus der Familie Brentano in Winkel für einige Zeit zu einem intellektuellem Zentrum Deutschlands. 1814 und 1815 kehrte einige Male Johann Wolfgang von Goethe ein. Er schrieb dort an seiner „Italienischen Reise“. Wer weiß, vielleicht erinnerte ihn der Rheingau ein wenig an das „Land, wo die Zitronen blühn“. Dem Rheinwein soll Goethe „ganz fürchterlich“ zugesprochen haben. Im Herbst 1814 besuchte er auf der gegenüberliegenden Seite das St.-Rochus-Fest bei Bingen und war von der Volksfrömmigkeit recht angetan. Später stiftete er der Rochuskapelle ein Altarbild, für das er selbst eine Vorlage entworfen hatte. Es ist heute noch zu sehen, berichtet Göttert, in einem Seitenraum der Kapelle, die nach einem Brand 1889 neu errichtet wurde.

1819 kam der junge Heinrich Heine an den Mittelrhein. Die Ruine der gotischen Wernerkapelle über dem Ort Bacharach inspirierte ihn später zu seiner Erzählung „Der Rabbi von Bacharach“. 1287 war die Leiche des 16-jährigen Tagelöhners Werner am Rheinufer bei Oberwesel gefunden worden. Bald verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten ihn geschlachtet, um sein Blut bei nächtlichen Gottesdiensten zu gebrauchen. Die Legende motivierte immer wieder zur Verfolgung und Ermordung von Juden. 1489, erzählte Heine, musste sein Rabbi vor dem „Engel des Todes“ aus Bacharach fliehen. Und mit gewagter Metaphorik rief der Dichter den Rheinstrom selbst als Tröster auf – freilich zu einer bloß „märchenhaften“ Tröstung: „Wahrlich, der alte, gutherzige Vater Rhein kann’s nicht leiden, wenn seine Kinder weinen; tränenstillend wiegt er sich auf seinen treuen Armen und erzählt ihnen seine schönsten Märchen und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze, vielleicht gar den uralt versunkenen Nibelungsschatz.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Karl-Heinz Göttert: Der Rhein. Eine literarische Reise,
Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2021, 349 S. mit 120 Abb. u. 7 Kart., ISBN 978-3-15-011356-1, 32,00 €


Mehr im Internet:

Rheinromantik - Wikipedia
Karl-Heinz Göttert: Der Rhein. Eine literarische Reise, Philipp Reclam jun.
scienzz artikel Literatur und Geographie

 

 

 

 

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