- PETITIONSPLATTFORMEN
Kann man Change.org trauen?
Von Petitionen im Allgemeinen und von den Merkwuerdigkeiten im Besonderen
Jens Walter
 | | Bild: truthseeker08 auf Pixabay
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Musste man früher noch mühsam samstags in der Fußgängerzone
Unterschriften für ein Anliegen sammeln, so genügt es heute -- der
Digitalisierung sei dank -- eine Initiative online zu starten. Damit
sind Petitionen so etwas wie "Unterschriftenliste 4.0" aufbauend auf
einer Art direkter Demokratie: Wenn genügend Menschen eine Forderung
haben, könne es auch die Politik nicht ignorieren.
Würden also tatsächlich die 81% der Deutschen, die für eine höhere
Besteuerung von Reichtum sind [1], eine solche Petition unterschreiben,
würde sich vermutlich auch etwas ändern. Aber die meisten Menschen
unterschreiben eben nicht, weder auf der Unterschriftenliste noch per
Klick im Internet.
Sei es die Angst vor Datenklau, das Misstrauen gegenüber dem
Petitionsstarter oder einfach politische Trägheit, im Endeffekt wird
dieses basisdemokratische Mittel dadurch geschwächt und auch anfälliger
gegenüber Missbrauch. Denn Petitionen finden in aller Regel auf den
großen Kampagne-Plattformen statt, die die benötigte Infrastruktur
bereitstellen. Dafür bekommen sie den Zugriff auf die Daten und haben so
auch weitreichende manipulative Möglichkeiten.
Change.org PBC ist eine privatwirtschaftliche und gewinnorienterte
Firma, die zeigt, dass sich auch mit Petitionen gut Geld verdienen
lässt. Über das Werbenetzwerk (und möglicherweise auch andere Wege) kann
ein finanzstarker Initiator Petitionen zum Erfolg und Change.org zum
Umsatz verhelfen. Eine gefährliche Entwicklung, da zu befürchten ist,
dass in Zukunft Petitionen verstärkt in den Blick von PR-Profis und
Politik rücken, die dieses Instrument für eine gezielt Meinungssteuerung
nutzen könnten. [2]
Vom Nutzen einer Petition
"Petitionen sind so eine Sache. Sie bewirken meist nichts und dienen
oft nur der Sammlung von Adressen. Zudem geben sie den Unterzeichnern
das Gefühl, etwas getan zu haben. Doch was haben sie getan: am richtigen
Ort geklickt und ihre eMail-Adresse hinterlassen. Das reicht bei weitem
nicht, die Dinge zu verändern. Mit den Abermilliarden täglicher Klicks
und Likes müsste die Welt schon längst ein Paradies sein." [3]
Möchte man eine Parkbank im Dorf, kann eine Petition ein wirksames
Mittel sein, den Landrat zu überreden, sein publikumswirksames OK zu
geben und ein paar Euro zuzuschießen. Aber bei fundamentalen politischen
Forderungen bringt dieses Betteln bei den Mächtigen überhaupt nichts.
Selbst bei der offiziellen Petitionsplattform des Bundestages springt --
nachdem man mühsam das Quorum von 50.000 Unterschriften erreicht hat --
nur eine 15-minütige Anhörung im Petitionsausschuss heraus, auf die
nichts folgt.
Andererseits bündelt eine Petition die Interessen vieler Menschen,
liefert dem Petitionsstarter einen großen Verteiler für Informationen
und versetzt ihn -- hinreichend Unterzeichnende vorausgesetzt -- in eine
bessere Position, bei Politikern oder Behörden unangenehme Fragen zu
stellen.
Letztlich fiel aufgrund dieser Chancen der Beschluss, eine Petition
zu starten. In dem Bewusstsein, dass sie auf dem "offiziellen" Weg
ohnehin nichts erreichen würde, wurde bewusst ein Ziel mit einer formuliert: "Die Bundesregierung möge zurücktreten".
Zur Begründung haben wir auf das Versagen der Regierung in mehreren
kritischen Punkten hingewiesen: die Spaltung der Gesellschaft im
Zusammenhang mit dem Umgang mit Corona, die staatliche Förderung der
wirtschaftlichen Ungleichheit und die Konzeptlosigkeit bei der
Umweltkrise. Primäres Ziel war, Druck auf die Regierenden aufzubauen. Ob
dabei die Regierung tatsächlich zurücktritt und was in diesem Fall
danach käme, ist dabei unerheblich.
Nachdem Ziel und Begründung formuliert waren, stand die Wahl der
Petitionsplattform an. Hier lag das Augenmerk darauf, möglichst wenig
Einschränkungen hinsichtlich der Länge der Begründung und der Laufzeit
zu haben. Gleichzeitig wollten wir offene Nutzungsbedingungen und eine
Unabhängigkeit von Behörden und Oligarchen, um die Möglichkeit einer
Zensur zu verringern. Nach einem Vergleich der größeren und bekannteren
Plattformen fiel unsere Wahl auf Change.org.
Eine Petition auf Lichtgeschwindigkeit
Schon beim Anlegen fiel uns eine merkwürdige Petition auf: "Kein Präsenzunterricht in Berlin, solange Covid-19 nicht unter Kontrolle ist".
Nicht unbedingt unsere Position, aber da sie von mehreren hundert
Menschen über das kommerzielle Kampagnen-Netzwerk beworben wurde, stand
sie bei Change.org eine Ewigkeit auf dem ersten Platz der Empfehlungen.
Auffällig war hier vor allem das Tempo, das diese Petition vorlegte.
Obwohl nur lokal auf Berlin bezogen, hatte sie bereits nach einem Tag
20.000 Unterschriften, nach zwei Tagen 40.000. Ein Tempo, das schon
durch die Verzögerungen beim Bewerben, Teilen, Bestätigungsmail abwarten
usw. an der Grenze des Realistischen zu liegen schien und wohl jedes
noch so schnelle Virus vor Neid erblassen ließe.
Der Petitionsstarter war ein "besorgter Familienvater", der -- wie
ein wenig Recherche zeigte -- als PR-Fachmann arbeitet und in
politischen wie journalistischen Kreisen gut vernetzt ist. Schon in den
ersten Tagen wurden 23 Artikel zu dieser Petition in Leitmedien
publiziert und von Change.org sofort als Update verlinkt. Eine Petition,
die unangenehm riecht, nach Geld, Fachwissen und einem zuverlässigen
Netzwerk. Change.org sah das alles unproblematisch: Es sei einfach ein
Thema, das "zu Jahresbeginn vielen Menschen unter den Nägeln brannte". Anscheinend aber nur in Berlin -- gleichlautende Petitionen in anderen Bundesländern hatten nicht annähernd so viel Erfolg.
Kontrolle und Einflussnahme
Nach dem Einstellen unserer Petition bemerkten wir, dass diese über
die interne Suche von Change.org nicht zu finden war -- angeblich ein
technischer Fehler, so unsere Betreuerin bei Change.org. Danach hatte
sie wenige Tage ein schönes Leben, bevor sie von Change.org wegen
Verstoßes gegen die Community-Richtlinien gelöscht wurde. Wir konnten
zwar eine schnelle Wiedereinstellung erreichen [5,6], haben jedoch dabei
die ersten 800 Unterzeichner:innen aus der Unterschriftenliste sowie
den Update-Verteiler verloren. Interessanterweise wusste plötzlich die
interne Suche während dieser kurzen Zeit von der gelöschten Petition.
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Sucht man im Internet vergleichbare Fälle, finden sich bisher nur
wenige Hinweise darauf [7-10]. Doch dass Change.org sich gegenüber dem
Petitionsgeschehen nicht neutral verhält, musste auch eine befreundete
Gruppe erfahren: Die Unterzeichner der Petition
erhielten kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg ein Update, in
dem sich der Grünen-Abgeordnete Daniel Renkonen dazu äußert, dass er
das AKW für sicher halte. Problematisch ist dabei, dass dieses Update
nicht von den Besitzern der Petition, sondern von Change.org eingestellt
wurde.
Auch kommentierte ein Mitzeichner unserer Petition "Leider wird
auf Change.org bei systemkritischen Petitionen oft die
Bewerbungsfunktion deaktiviert, so wie auch bei dieser Petition.". Prüfen konnten wir dies nicht, es fragt sich allerdings, warum Change.org hier freiwillig auf Einnahmen verzichtet.
Zahlen im Nebel
Besucht man eine beliebige Petition bei Change.org, so wird einem
stets die Zahl der Unterzeichner angezeigt. Diese wird am Ende langsam
bis auf den Endstand hochgezählt. Eine kleine Spielerei, die dem
Besucher suggeriert, es würden gerade neue Unterschriften getätigt.
Ähnlich verhält es sich auf dem Dashboard, das nur der Petitionsbesitzer
sehen kann. Dort bekommt er zusätzlich die Anzahl der Ansichten
angezeigt und wie oft die Petition geteilt wurde. Ferner gibt es ein
eher dekoratives Feld, das grob die Namen der Unterzeichner der letzten
24h zeigt. Alle anderen Daten behält Change.org für sich, obwohl sie
offen gelegt werden könnten, wie das in diesem Punkt weit überlegene
Portal Petitionen.com zeigt.
Doch auch die Anzahl der Ansichten wie auch der Teilungen scheinen
von Change.org eher als dekoratives Beiwerk im Dashboard eingebaut zu
sein. Sie sind miteinander nicht korrelierbar: Manchmal steigt die Zahl
der Unterzeichner, aber nicht diejenige der Ansichten, dann wieder die
der Teilungen, aber nicht die Anzahl der Unterzeichner. So wies die
Unterzeichnerliste in einem Zeitraum von 18 Stunden 16 neue Unterstützer
aus, während dieser Zeit wurden aber nur vier neue Unterschriften
gezählt bei gar keinen neuen Ansichten und 50 neuen Teilungen. Auch wenn
es durch die fehlende Trennung von bestätigten und unbestätigten
Unterschriften hier zu Abweichungen kommen kann, sind diese Zahlen doch
alles Andere als transparent. Besonders der Zähler der Ansichten war
hier äußerst auffällig wie im obigen Titelbild gezeigt -- laut
Change.org wiederum ein technischer Fehler.
Zwischen Engagement, Kommerz und Politik
Während Change.org PBC vorrangig gewinnorientiert ist, hat sich 2016
das deutsche Team unter der Führung von Gregor Hackmack durch die
Gründung eines Vereins von der Mutter unabhängig gemacht. Allerdings
nutzt er weiterhin die Software und die Infrastruktur, so auch die
inhaltliche Filterung, die zur Löschung unserer Petition geführt hat
[2].
Allerdings scheint das Vertrauen in Petitionen auch bei Change.org
selbst nicht allzu groß zu sein: Als deren Gemeinnützigkeit in Gefahr
ist, startet der Verein trotz seines millionenstarken Verteilers keine
Petition, sondern verlegt sich auf eine publikumswirksame Aktion vor dem
Bundestag in Begleitung des ZDF und informieren darüber in einem
Bettelbrief. [11]
Der "Chef" Gregor Hackmack, ein engagierter Freund von
Volksentscheiden und ein Verfechter basisdemokratischer Grundsätze, ist
nicht nur bei Change.org aktiv, er ist auch Mitbegründer und
Geschäftsführer von abgeordnetenwatch.de und darüberhinaus bei "Mehr
Demokratie e.V" aktiv.
Auf der anderen Seite ist er ein Erfolgsmensch mit gutem Netzwerk:
2008 als Ashoka Fellow ausgezeichnet und 2010 in das Young Global Leader
Netzwerk der Stiftung des umstrittenen Klaus Schwab aufgenommen. Auch
Preise wie der Deutsche Engagement Preis 2011 sowie der Democracy Award
2013 dürften seine Vernetzung zu Politik und Wirtschaft gefördert haben.
[12]
Fraglich ist, ob diese Vernetzung und sein idealistisches Engagement
sich nicht in gewisser Weise widersprechen und er hier einige
Kompromisse eingehen muss, um auf einer Erfolgswelle schwimmen zu
können. Zumindest passen die Einflussnahmen von Change.org auf die
Petitionen eher zu einer "orchestrierte Opposition, um 'gefährliche'
Bestrebungen zu kanalisieren", [13] als zu einem basisdemokratischen
Idealismus.
Fazit
Mit Change.org ist es ähnlich wie mit YouTube und den Katzenvideos:
Mit Petitionen zu wenig relevanten Themen wird man hier wenig falsch
machen. Aber bei strittigen Themen, die sich deutlich gegen die Meinung
des Mainstream richten, sollte der Plattform nicht allzuviel Vertrauen
entgegengebracht werden. Hier kann es durchaus zu Zensur oder
"Beeinflussungen" kommen, was aufgrund der Intransparenz der Daten und
den merkwürdigen "technischen Problemen" aber kaum prüfbar ist.
Durch die Nutzung der Software und der Infrastruktur ist Change.org
Deutschland eng an die Mutterorganisation in den USA angebunden. Auch
wenn also die Einflussnahme von der Mutter ausgehen, hat der deutsche
Verein kaum eine Möglichkeit sich zu wehren, ohne die eigene Existenz zu
gefährden.
Insgesamt ist zu befürchten, dass die auf einer guten Idee
basierenden Petitionsplattformen immer mehr zu Plattformen der
kommerziellen Meinungsmache werden. Erfahrene Netzwerker mit genügend
Etat können dieses Mittel gut ausnutzen, um Ihre Ideen als von einer
großen Masse getragenen Meinungen zu inszenieren. Es lohnt also bei
Petitionen auch den Initiator in Augenschein zu nehmen und kommerziell
stark beworbene Petitionen mit Vorsicht zu genießen. Change.org legt
leider auch hier nicht offen, wie stark diese über Change.org selbst
oder das Kampagnen-Netzwerk beworben wurde.
Wir glauben, mit der weniger bekannten Plattform
eine gute Alternative gefunden zu haben. Über die Plattform selbst
haben wir nicht allzuviel herausbekommen, aber hier bekommt der
Initiator auf Wunsch die Email-Adressen der Unterschreibenden, hängt
also nicht von der Petitionsplattform ab. Darüberhinaus gibt es
interessante statistische Auswertungen sowie präzise Angaben zu den
bestätigten wie auch unbestätigten Unterschriften. Im Gegensatz zu
Change.org scheint den Urhebern dieser Plattform Transparenz ein sehr
wichtiges Anliegen zu sein.
Quellen und Verweise: [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [11] Rundbrief Change.org (unten angehängt) [12] [13] Bild aus einer Leserzuschrift [14]
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