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11.01.2021 - GESCHICHTE

Dieser Bund wird den Namen Deutsches Reich fuehren

Vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, wurde das Kaiserreich proklamiert

von Josef Tutsch

 
 

Karikatur im österreichischen
"Kikeriki" zur bevorstehenden
Reichsgründung, August 1870
Bild: Wikipedia

Ein Anlass zum Feiern? Als Bundespräsident Gustav Heinemann 1971 zum Jubiläum der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs im Fernsehen sprach, äußerte er seine Zweifel. Dass die deutschen Fürsten diese Proklamation ausgerechnet im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles vollzogen, in Hörweite zum Kanonendonner rund um das belagerte Paris, musste den französischen Nachbarn zutiefst demütigen. Kein halbes Jahrhundert später gab Frankreich im Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg die Demütigung zurück.

Die Proklamation des Staates, in dem die Deutschen bis heute leben, zumindest in einer formalen Betrachtung: Die Bundesrepublik Deutschland gilt als rechtsidentisch mit diesem Reich. Die Szenerie gab gab Heinemanns Worten eine eigentümliche Doppelbödigkeit. An der Wand des Bundespräsidialamtes prangte eine Kopie des monumentalen Bildes, mit dem der Historienmaler Anton von Werner die Zeremonie vom 18. Januar 1871 festgehalten hatte. Oben auf einer Treppe im Spiegelsaal brachte Großherzog Friedrich von Baden das „Hoch! Hoch! Hoch!“ auf „Seine Kaiserliche und Königliche Majestät, Kaiser Wilhelm“ aus. Drei Stufen tiefer stand der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck und betrachtete den Vorgang, den er als sein Meisterstück betrachten durfte.

Einem zeitgenössischen Bericht zufolge blickte er allerdings weniger befriedigt als „grimmig verstimmt“. Ausgerechnet an diesem Tag war sein Verhältnis zum König schwer gestört. Am Morgen hatte Wilhelm den Großherzog schriftlich aufgefordert, ihn doch bitte als „Kaiser von Deutschland“ hochleben zu lassen. Davon hatte Bismarck dringend abgeraten: Dieser Titel hätte das Ergebnis der „Reichsgründung“, eben die preußische Oberherrschaft über die verbündeten Fürsten, allzu deutlich hervortreten lassen. Die Könige von Bayern, Württemberg und Sachsen waren der Feier ohnehin demonstrativ ferngeblieben. Nur mit viel Geld hatte Bismarck König Ludwig II. von Bayern dazu bringen können, seinem Kollegen in Berlin schriftlich die Kaiserkrone anzutragen: Der „Märchenkönig“ benötigte Mittel für den Bau seiner Schlösser.

Bismarck plädierte deshalb für den unverfänglicheren Titel „Deutscher Kaiser“. Das jedoch bedeutete in Wilhelms Augen bloß ein Scheinkaisertum, im Grunde eine Entwertung seines angestammten Titels als König von Preußen. In den Verträgen, mit denen die süddeutschen Staaten Ende 1870 ihren Beitritt zum Norddeutschen Bund erklärt hatten, war die Frage offengeblieben. Der neue Staat wurde sehr sachlich als „Deutscher Bund“ bezeichnet, sollte allerdings den Namen „Deutsches Reich“ erhalten, mit dem präsidierenden König von Preußen als „Kaiser“.

Von den preußischen Eliten wurde Wilhelms Haltung, wie der Düsseldorfer Historiker Christoph Nonn in seiner Rekonstruktion dieses Tages detailliert darstellt, weitgehend geteilt. Als Redner hatte der König seinen Hofprediger Bernhard Rogge verpflichtet, der die Versammlung mit einem langen Rückblick auf die Größe Preußens und seiner Herrscher unterhielt – was den Kronprinzen von Sachsen, Albert, in einem Brief zu wütendem Schimpfen über diese „taktlose Rede voll preußischer Selbstvergötterung“ veranlasste.

Sehr angetan von der Feier war dagegen Preußens Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich. Beim Blick hinauf zur Decke des Saals, an der Ludwig XIV. seine Siege über das Heilige Römische Reich hatte verherrlichen lassen, fragte er sich, „ob es denn wirklich wahr sei, dass wir uns in Versailles befinden, um hier die Wiederherstellung des deutschen Kaisertums zu erleben.“ Friedrich dachte bei der Reichsgründung vor allem an die verlorene Kaiserherrlichkeit des deutschen Mittelalters, musste sich zugleich jedoch eingestehen, dass das Romantik war: „So traumartig wollte mir das Ganze erscheinen“.

„Wiederherstellung“ – das war in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen das Wort der Stunde. Auch Hofprediger Rogge hatte es aufgegriffen: Das „Deutsche Reich“ sei „wiederauferstanden in alter Herrlichkeit“. Anton von Werner, einer der ganz wenigen Zivilisten in dieser Versammlung von Fürsten und Militärs, sah es ähnlich: „Es gab wieder ein Deutsches Reich und einen Deutschen Kaiser.“ Werner hing der deutschen Nationalbewegung an. Wie so viele Liberale damals setzte er den ersehnten Nationalstaat mit dem mittelalterlichen „Reich“ in eins. Zwei Monate nach dem Festakt in Versailles, bei der Eröffnung des ersten Reichstages in Berlin, sprach auch Kaiser Wilhelm, dem freilich Bismarck die Rede diktiert hatte, von einer „Wiederherstellung des deutschen Reiches“.

Anton von Werner: Proklamierung des
Deutschen Kaiserreichs, 1885 (Bismarck-
Museum Friedrichsruh) - Bild: Wikipedia 


Der „Reichsgründer“ Bismarck wurde noch zu Lebzeiten zu einer beinahe mythischen Größe erhoben. Tatsächlich hatte er es virtuos verstanden, die deutsche Nationalbewegung, die ihm an sich völlig fremd war, zu nutzen und in einer politisch günstigen Situation den „Mantel der Geschichte“ zu ergreifen. In den 1850er Jahren, so der Historiker Michael Epkenhaus vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, hatte sich im europäischen „Gleichgewicht“ der Mächte eine Verschiebung ergeben. Die Schwäche des Osmanischen Reiches hatte auf dem Balkan die Konkurrenz zwischen Russland und Österreich befeuert. Im Krimkrieg 1854 bis 1856 stellte sich die Habsburgermonarchie nicht militärisch, aber doch diplomatisch auf die Seite der Westmächte.

Das führte dazu, dass Russland gegen Preußens Streben nach einer Vormachtstellung in Mitteleuropa keine Einwände mehr erhob. Im Innerdeutschen Krieg 1866 stand Österreich beinahe allein gegen Preußen, unterstützt nur durch einige der deutschen Staaten. Frankreich war schon durch sein Engagement in der italienischen Nationalbewegung daran gehindert, sich gegen Preußen zu stellen. Ähnlich war es 1870: Frankreich konnte auf keine der europäischen Großmächte zählen, schon deshalb nicht, weil Kaiser Napoleon III. durch ungeschicktes Taktieren den Eindruck erweckt hatte, er wolle Preußen ohne jede Not demütigen.

Ob der Krieg wirklich durch Napoleon verursacht wurde oder ob der französische Kaiser nicht vielmehr durch Bismarck in eine Falle gelockt worden war, ist unter den Historikern bis heute umstritten. Dem Krieg waren in Madrid Überlegungen vorausgegangen, einem Hohenzollernprinzen die spanische Krone anzutragen. Frankreich befürchtete davon eine preußische Einkreisung. Im Verlauf dieser Krise habe Napoleon von Preußen „mehr gefordert, als politisch klug war“, meint Epkenhans. Letztlich sei er also „für den Ausbruch des Krieges der Hauptverantwortliche“ gewesen. Der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm kommt zu einem anderen Schluss: Bismarck habe es verstanden, die französische Öffentlichkeit in die Scheinalternative „Krieg oder Kapitulation“ hineinzudrängen.

Wie auch immer – im Krieg triumphierte Preußen. Bremm hat darauf hingewiesen, dass die süddeutschen Staaten nicht unbedingt aus nationaler Begeisterung auf Preußens Seite standen: Wären sie neutral geblieben, hätte Bismarck sie des Verrats an der deutschen Sache zeihen können. Natürlich wurden die Regierungen auch durch die Nationalbewegung getrieben. Selbst für jene, die Preußen skeptisch oder ablehnend gegenüberstanden, hatte eine Einigung der deutschen Staaten unter preußischer Vormacht einen unübersehbaren Vorteil: Sie war, günstige außenpolitische Umstände vorausgesetzt, realisierbar. Eine „großdeutsche“ Lösung unter Führung Österreichs war genau das nicht, weil die übernationale Habsburgermonarchie sich nicht in ihre deutschen und nicht-deutschen Bestandteile aufteilen ließ. Über den Umstand, dass Preußen manche Gebiete in Besitz hielt, die doch eher polnisch als deutsch waren, sah man hinweg.

Dabei stürzte Bismarcks Politik – und mehr noch die als zynisch empfundene Art, wie er sie öffentlich begründete – freilich das moralische Denken der Zeitgenossen in eine Krise. „Warum“, fragte er 1850 im preußischen Landtag, „warum führen große Staaten heutzutage Krieg?“ Und antwortete: „Die einzig gesunde Grundlage eines großen Staates ist der Egoismus und nicht die Romantik.“ Was Bismarck allerdings nicht daran hinderte, die scheinbar bloß romantischen Gefühle, eben die nationale Begeisterung, für seine Sache einzuspannen.

Legt man das Ergebnis der ersten Reichstagswahlen im März 1871 zugrunde, waren nach der Reichsgründung über drei Fünftel der „bürgerlichen“ Nationalbewegung bereit, sich hinter die Bismarcksche „Realpolitik“ zu stellen. Wenn der Kaiser in seiner Rede vor dem Reichstag im März 1871 das Wort von der „deutschen Nation“ in den Mund nahm, wird Bismarck das als Versöhnungsangebot an die Liberalen gemeint haben, meint Epkenhans. Aber dem Wortlaut der Verfassung nach, die weitgehend von der Verfassung des Norddeutschen Bundes 1867 übernommen worden war, blieb das Kaiserreich auf Dauer ein „ewiger Bund“ von 22 Fürsten und drei Freien Städten. Durch das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer war zwar unübersehbar, dass die Parteien im Reichstag die Bevölkerung hinter sich hatten. Doch von der Macht blieben sie systematisch ausgeschlossen.

Eh. Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal vor
dem Berliner Schloss, Postkarte um 1900
Bild: Wikipedia 

Bereits bei dem Festakt in Versailles war das Volk nicht vertreten. Erst nachdem sämtliche Fürsten zur Kaiserproklamation ihre Zustimmung signalisierten, hatte sich König Wilhelm bereit erklärt, wenigstens im Vorfeld eine Abordnung des Norddeutschen Bundesparlaments zu empfangen. Ihr Auftrag war es eigentlich, „die Rolle der Volksvertretung aufzuwerten“, wenigstens symbolisch, indem sie den König aufforderten, „durch die Annahme der Kaiserkrone das Einigungswerk zu weihen“. Doch Wilhelm schob diesem Versuch einen Riegel vor: Grundlage für die Proklamation könne nur „die einmütige Stimme der deutschen Fürsten“ sein.

Aus der Sicht einer modernen Demokratie gibt der 18. Januar 1871 wohl nur dann einen Anlass zu feiern ab, wenn man viel Mut zur Umdeutung aufbringt. Im Rückblick, meint Epkenhans, war es das entscheidende Problem des Kaiserreichs, dass der „Antiparlamentarismus die Weiterentwicklung zum modernen parlamentarischen und demokratischen Staatswesen nach westlichem Vorbild auf lange Zeit blockierte“. Und als die Verfassung von Weimar 1919, ergänzt Nonn diesen Gedanken, den Reichstag zum Machtzentrum erhob, waren sie nicht darauf vorbereitet, nun selbst Verantwortung übernehmen zu müssen. Nonn: „Wer nach kausalen Zusammenhängen zwischen der Entwicklung des Kaiserreichs und dem weiteren Verlauf der deutschen Geschichte sucht, wird sie vor allem hier finden.“ Eine Modernitätsverweigerung, die um so auffälliger ist, als sich Wirtschaft und Gesellschaft in diesem halben Jahrhundert rasant entwickelten. „Zwischen 1871 und 1918 entstand das moderne Deutschland“, stellt Nonn lapidar fest.


Neu auf dem Büchermarkt:

Michael Epkenhans: Die Reichsgründung 1870/71, Verlag C. H. Beck, München 2020, 128 S., ISBN 978-3-406-75032-8, 9,95 €
Christoph Nonn: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des deutschen Kaiserreiches 1871 – 1918, Verlag C. H. Beck, München 2020, 687 S. mit 16 Abb., ISBN 978-3-406-75569-9, 34,00 €
Klaus-Jürgen Bremm: 70/71. Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen, wbg Theiss, Darmstadt 2019, ISBN 978-3-8062-4019-1, 336 S. m. 27 s/w. Abb., 25,00 


Mehr im Internet:

Reichsgründung 1871 - Wikipedia 
Michael Epkenhans: Die Reichsgründung 1870/71, Verlag C. H. Beck 
Christoph Nonn: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert, Verlag C. H. Beck 
Klaus-Jürgen Bremm: 70/71, wbg Theiss 
scienzz artikel Deutsche Geschichte 

 

 

 

 

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