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- WAERMEWENDE
Waermewende auf ungewissem Weg
Waermeversorgung bleibt Domaene der Fossilen, aber Heizen mit PV-Strom gilt als der neue Renner
Klaus Oberzig
 | | Solare Nahwärme im Aufwind: Solarthermiefeld Senftenberg in Brandenburg Bild:Ritter XL
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Die Münchner Solar-Messe „The Smarter
E Europe Restart 2021", die aus der Intersolar Europe hervorging, wurde 2021
nach zwei Jahren wieder als Präsenzmesse durchgeführt. Passend dazu klangen die
wirtschaftlichen Perspektiven aus dem Solarbereich positiv und voller
Optimismus: "Die Investitionsbereitschaft in Photovoltaik und Speicher
wächst seit Jahren kräftig und das Geschäftsklima ist auf einem konstant hohen
Niveau", urteilte der Branchenverband BSW. Für 2021 rechnet er mit
zweistelligen Wachstumsraten. Einen neuen Trend stellt die
Nutzung von PV-Strom bei der Wärmeversorgung von Gebäuden in Verbindung mit
Elektromobilität dar.
Die Verknüpfung beider Bereiche, die so genannte Sektorenkopplung, führt dazu,
die Nutzung vom eigenen PV-Strom zu erhöhen und den Zukauf von teurem Strom aus
dem Netz zu minimieren. In klassischen PV-Anlagen, die nach EEG ins Netz
einspeisten, war der Bedarf an Strom im Haushalt begrenzt, lukrativ dagegen war
der eingespeiste Strom. Seit die Einspeisevergütung immer unattraktiver wird,
gerät der Eigenverbrauch in den Mittelpunkt des Interesses. Und natürlich
zusätzliche Verbraucher wie die Gebäudeheizung und das Elektroauto. Das Ziel
heutiger PV-Anlagenbetreiber liegt bei einem gesteigerten Eigenverbrauchsanteil,
einem hohen Autarkiegrad, wie das auch genannt wird. Dazu muss die
Abgabeleistung der heimischen PV-Anlage mit Hilfe des Batteriespeichers
konstant und konstant hoch gehalten werden. Elektrisches Heizen mit PV-Strom
ist, so gesehen, das legitime Mittel zum Zweck der verbesserten
Wirtschaftlichkeit der eigenen Investition auf dem Dach.
Die Steigerung der Autarkie führt, nebenbei gesagt, zu einem Politikum, das für
die Zukunft bedeutsam sein wird. Moderne Batteriespeicher mit einem integrierten
Energiemanagementsystem sind inselfähig, sie benötigen für den Betrieb kein
Netz, das Spannung und Frequenz garantiert. Das können sie inzwischen selber.
Das trifft auf den heftigen Widerstand der alten Energiewirtschaft, aber auch
eines Teils der Energiewendebewegung. Sie mögen keine unabhängigen Verbraucher.
Sie denken nach wie vor in zentralistischen Top-Down-Kategorien und sind
geneigt, Betreiber von Insellösungen als unsolidarisch zu diffamieren. Ausgehend
von diesen technischen Lösungen, und das ist der politische Effekt, befeuern
sie die Diskussion um Autarkie und Selbstbestimmung, gerade auch angesichts der
Krise des parlamentarischen Systems.
Trend zum Heizen mit PV-Strom
Im Wärmebereich werden folglich eine Vielzahl neuer und ausgereifter Systeme
angeboten, um mit PV-Strom Wärmepumpen zu betreiben oder einen
Warmwasserspeicher nachzuheizen. Ein weiteres Beispiel beim Einsatz moderner
Stromheizungen stellen Infrarotheizungen dar. Sie erzeugen Advektionswärme und
können differenziert und bedarfsweise genutzt werden. In Verbindung mit einem
Batteriespeicher ergibt sich ein wirtschaftlicher Vorteil einer solchen
Kombination von PV, Wärmepumpe oder Infrarotstrahler und Batteriespeicher. Rein
elektrisch zu heizen, erfordert gegenwärtig allerdings noch recht hohe
Investitionen. Für den, der sie aufbringen kann, rechnet sich das aber.
Ein sofortiger und vollständiger Umstieg auf PV-zentrierte Heizungssysteme ist
jedoch nicht erforderlich. Egal ob eine Individualheizung mit Gas, Öl oder
Pellets vorhanden ist und noch eine Weile betrieben werden soll, über das Add
on eines Batteriespeichers lässt sich ein größerer Teil des PV-Ertrages vom
Dach gleichmäßig in Nutzwärme für das Gebäude umwandeln. Interessant ist das mit
einer kleineren Speicherlösung etwa für die Sommermonate, in denen eine
konventionelle Gas- oder Ölheizung, die nur wegen der Warmwassererzeugung
durchlaufen muss, extrem unwirtschaftlich wird.
Vor
diesem Hintergrund fiel sowohl auf der Messe wie auch im Statement des
Solarverbandes auf, die elektrische Wärmeversorgung ist durchaus umstritten. Wärmeversorgung
wurde fast ausschließlich als neue Domäne von Sonnenstrom vorgestellt und solthermische
Wärme erschien als ein Randthema.. Doch eine Messe ist eine Verkaufsshow und
muss nicht unbedingt die reale Entwicklung spiegeln. Dazu äußerte sich im
Vorfeld der Messe der Schweizer Solarthermiepionier Urs Jenny: „Unsere Aufträge verlagern sich seit einiger Zeit weg
von der Solarthermie und der thermischen Versorgung von Wohngebäuden. Das ist
eine Entwicklung, die ich energiewirtschaftlich und politisch sehr kritisiere".
Die aktuellen Präferenzen führten dazu, dass ständig mehr grüner Strom
für den Verkehr, die privaten Haushalte und industrielle Prozesse
bereitgestellt werden müsse. Jenny hält es für einen Irrweg, alle
Energieprobleme mit PV-Strom lösen zu wollen. Der stark voranschreitende Ausbau
des strombasierten Heizens mit Wärmepumpen führe in ein Dilemma. Denn es sei
klar, dass dadurch im Winter enorme Verbrauchsspitzen entstünden, die aber
nicht befriedigt werden könnten. Denn in dieser Zeit steht regelmäßig zu wenig
regenerativer Strom zur Verfügung. Dagegen helfe selbst ein massiver Zubau der
PV, so er sich denn durchsetzen ließe, relativ wenig.
Wenn die Anwendung von PV zu grundsätzlich vermehrten Einsatz von Strom führe,
könne dieser Mehrbedarf zu einem großen Teil nur wieder fossil oder nuklear
thermisch bereitgestellt werden. Das wäre kein Fortschritt für die
Energiewende, eher das Gegenteil. Für Jenny ist deshalb die Solarthermie ein
ganz wichtiger Baustein. Sie ist nach seiner Überzeugung die sanfteste,
umweltschonendste und effizienteste Technologie. „Wärme wird als Wärme erzeugt,
als Wärme gespeichert und als Wärme verbraucht", so Jenny. Durch den Einsatz
von Solarthermie könne indirekt sehr viel Strom eingespart werden.
Die
Einschätzungen des Schweizer Solarunternehmers sprechen damit die aktuelle
Diskussion zum Thema Erdgas aber auch das Thema Stromlücken an. Der Blick auf
die aktuelle Entwicklung in Deutschland zeigt, wie richtig er liegt. Auf
breiter Front wird daran gearbeitet, Kapazitäten der Kohleverstromung und der
Fernwärme durch solche mit Erdgas zu ersetzen. Wer gehofft hatte, nach der
Kohle begänne nahtlos das Zeitalter der Sonnenenergie, sieht sich getäuscht. In
kürzester Zeit dürfte dieser fossile Fuel Switch so weit fortgeschritten sein,
dass die Kohle in der Strom- und Wärmeerzeugung nur noch eine untergeordnete
Rolle spielen wird. Aber mit dem Brennstoff Erdgas bleibt die fossile
Verbrennung dominant. Für neue Kernkraftwerke wird seit einiger auch wieder
getrommelt.
Erdgas-Blockheizkraftwerke auf dem
Vormarsch
Eine direkte Auswirkung hat das schon heute in der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK).
In ganz Deutschland wird in Gasmotorenkraftwerke investiert, die eine Reihe
wirtschaftlicher Vorteile gegenüber der Kohle-KWK, aber auch der GUD-Technik
beim Erdgas aufweisen. Gasmotore sind ein anderer Begriff für große Blockheizkraftwerke.
Sie bringen also eine Abkehr von der Kombination von Gasturbine und
Dampfkraftwerk, welches über die rotierende Masse den Strom erzeugt und Wärme
auskoppelt. Vielmehr sind
Gasmotorenkraftwerke eine Aneinanderreihung von mehreren, bis zu zwei Duzend Blockheizkraftwerken,
die in Kaskade geschaltet werden. Teilweise werden sie mit großen
Warmwasserspeichern kombiniert. Damit verfügen sie über eine größere
Flexibilität und können mit einer an die Jahreszeit und den Bedarf angepassten
Leistung gefahren werden. Neben der Energie lassen sich Materialkosten und
-verschleiß einsparen. Diesen sogenannten innovativen Fernwärmesystemen
befinden sich vor allem in Großstadt- und Monopolregionen auf dem Vormarsch.
Aber die KWK auf Erdgasbasis ist darüber hinaus auf dem Vormarsch.
Die erweiterten Importkapazitäten beim Erdgas durch die zweite Ostseepipeline
wie auch die Schwarzmeerpipeline im Süden, werden vom Ausbau des Erdgasnetzes begleitet.
Als Folge werden bis in ländlichen Räumen hinein Individualheizungen mit Heizöl,
Kohle oder Holz verdrängt. Das gilt vom Einfamilienhaus bis zum großen
Wohngebäude. Es geschieht zum einen über die Gasbrennwertkessel als
Einzelheizungen, aber auch durch neue, kleine Nahwärmenetze mit
Erdgas-Blockheizkraftwerken. Das ist vor allem im ehemaligen Westen der
Republik zu beobachten, wo weniger Nahwärmenetze vorhanden sind. Dementsprechend
ist dort der Zubau von Nahwärmesystemen in den kleineren Städten und Gemeinden zu
beobachten, zumal sie als sauberer dargestellt und gefördert werden.
Dass die CO2 Emissionen vor Ort geringer ausfallen ist zwar richtig, aber der
Austritt von Methan entlang der Erdgaspipelines macht diesen „Vorteil" wieder
zunichte. Letztlich ist KWK mit Erdgas auch nicht sauberer als mit Kohle. Ob
und wann sie eventuell einmal Gegenstand der Dekarbonisierung werden, lässt
sich heute schwerlich vorhersagen. Dies hängt weniger von der technologischen
denn von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und vor allem vom Zustand des
Finanzsystems ab. Ein Blick auf die gegenwärtigen Steigerungsraten bei den
Energiepreisen, auch beim aus Russland importierten Erdgas, beleuchtet, was
damit gemeint ist. Die aktuell steigende Inflation reißt auch die Preise der
fossilen Brennstoffe mit sich.
Dieses Problem kennen solare und solarthermische Heizungsanlagen nicht, da ihre
Verbrauchskosten, auch Grenzkosten genannt, gegen Null tendieren. So ist es
nicht verwunderlich, dass sich zugleich ein Trend entwickelt, vorhandene
Nahwärmenetze zu solarisieren. Wurden seit zwei Jahrzehnten konventionelle
Einzelheizungen mit solarthermischen Anlagen kombiniert und sauberer wie
wirtschaftlicher gemacht, so ist seit knapp zwei Jahren ein vergleichbarer
Trend bei kleineren Fernwärme- und bei Nahwärmenetzen festzustellen. Bei ihnen
wird mit solarthermischen Großanlagen eine Dekarbonisierung betrieben.
Dekarbonisierung mit solarer Nahwärme
Ritter XL ist als Geschäftsbereich der „Ritter Energie" in dieser Zeit zum Marktführer bei solarthermischen Großanlagen
für Nah- und Fernwärmesysteme aufgestiegen. Dessen Bereichsleiter, Christoph
Bühler, sieht nach Jahren der Stagnation klare Wachstumstendenzen bis in den
Megawattbereich. Er spricht vom wachsenden Interesse der Stadtwerke, von der
Bürgerenergie spricht er allerdings noch nicht. Ein Problem bestehe immer noch
in fehlenden Flächen. Die Gemeinden täten sich schwer, große Areale für solarthermische Felder bereit zu
stellen. Wenn, dann dauere es in der Regel bis zu drei Jahre.
Neben der Bundesförderung für effiziente Gebäude
(BEG), die vielfach zum Austausch alter Ölheizungen genutzt wird, gehöre die
verbesserte Kraftwärmekopplung, kurz Innovative-KWK genannt zu den verbesserten
Rahmenbedingungen. Bei der sogenannten I-KWK erhöht sich die Vergütung auf der
Stromseite auf bis zu zwölf Cent pro Kilowattstunde - gegenüber maximal sieben
Cent pro Kilowattstunde für konventionelle KWK-Anlagen. Zusätzlich muss das
Stadtwerk 35 Prozent der Netzkapazität durch regenerative Wärme bereitstellen.
Bis Ende 2020 lag dieser Anteil noch bei 30 Prozent.
Die größte derzeit im Bau befindliche Anlage in Greifswald, die mit 18.700 m2
Kollektorfläche eine solare Leistung von 13 MW bereit stellt, ist die erste,
die von der I-KWK-Förderung profitiert. Sie soll ab 2022 jährlich annähernd
8.000 Megawattstunden Solarwärme in das Fernwärmenetz von Greifswald einspeisen.
Zusammen mit einer geplanten Bundesförderung für effiziente Wärmenetze, geht
man bei Ritter XL davon aus, dass bei Solarthermie 40 Prozent der Investition
sowie zwei Cent pro Kilowattstunde in den ersten zehn Betriebsjahren vergütet
werden. Das werde das Wachstum des Markts weiter vorantreiben.
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