- ATOMMUELL
Erst Energiewende - dann Endlagersuche
Atommuellendlagersuche und eindimensionales Denken
Christfried Lenz
 | | Zwischenlager im AKW Philipsburg
Bild: EnBW/Base
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Vom 5. bis 7. Februar 2021 dauerte die vom
Standort-Auswahlgesetz vorgeschriebene digital durchgeführte .
Viel Zeit ging für organisatorisch-technische Fragen drauf. Und geologische
Details standen im Zentrum. Dabei wäre es wünschenswert, dass bei künftigen
Anlässen die weitaus relevanteren inhaltlichen Fragen behandelt werden.
Der Zeitplan
ist völlig unklar. , legte im November 2019 in einer
öffentlichen Veranstaltung in der Altmark dar: die Schätzungen zum Zeitpunkt
der Fertigstellung eines Atommüllendlagers reichen bis in die 2070er Jahre. Das
aber bedeutet: Wenn es nicht in Kürze einen Quantensprung im weltweiten
Ausbautempo der Erneuerbaren Energien gibt, wird dann die Klimaerwärmung in die
in keiner Weise mehr zu beeinflussende Selbstverstärkung gekippt sein.
Millionen Flüchtlinge auf der Suche nach einem Platz, wo es sich noch überleben
lässt, werden bestehende Ordnungen über den Haufen werfen. Das Prinzip wird
lauten: „Rette sich, wer kann!" Zu meinen, dass in solchem Chaos sich noch
irgendjemand für eine Atommülllagerung mit „Sicherheit für 1 Million Jahre"
interessieren wird, ist wirklichkeitsfremd.
Klare Schlussfolgerung deshalb: Vorbedingung für eine ordentliche Lagerung des
Atommülls ist die Bremsung der Klimaerwärmung. Das Mittel hierfür: der
beschleunigte und vollständige Umstieg auf die Erneuerbaren Energien.
Praktisch bedeutet das: Die Endlagersuche selber muss als Druckmittel für den
beschleunigten Umstieg auf die Erneuerbaren genutzt, also instrumentalisiert
werden. Die Bevölkerung und die Anti-Atom-Organisationen müssen ihre
konstruktive Beteiligung an der Endlagersuche davon abhängig machen, dass
zunächst die Energiewende hundertprozentig vollzogen wird.
In den drei PROGNOS-Workshops (2016) zur Vorbereitung der Endlagersuche wurde
dieses Junktim von einigen Teilnehmern ins Gespräch gebracht. Doch die Leiterin
der Veranstaltung, meinte: „Thema verfehlt! -
Wir sind hier zusammengekommen, um uns mit der Endlagersuche zu beschäftigen,
nicht mit der Energiewende." Sie hat also offensichtlich nicht begriffen, was
auf dem Spiel steht. Dabei war derartige Replik leider zu erwarten. Denn auch
die Grünen sind von ihren ursprünglich ganzheitlichen Ansätzen
hinuntergeglitten in das eindimensionale Denken. Dieses aber ist
existenznotwendig für eine (unsere aktuelle) Gesellschaft, die sich gerade
nicht am umfassenden Wohlergehen aller ihrer Mitglieder orientiert.
Denkt man an die Konferenz zurück, bleibt das Gefühl: Bayern hat sich wohl
bereits erfolgreich aus der Endlager-Suche ausgeklinkt. Umso attraktiver wird
die Norddeutsche Tiefebene mit dünn besiedelten Gegenden in ihrem östlichen, ehemals
zur DDR gehörenden Teil. Dabei soll die Standortwahl ja offiziell
ausschließlich nach geologischen Gesichtspunkten erfolgen.
Wie es mit der „wissenschaftlichen Objektivität" letztlich bestellt ist - auch
dies war in den erwähnten Workshops eindrücklich zu beobachten. Unter den
Geologen gab es zwei Fraktionen: die eine lehnte Salz als Wirtsformation
grundsätzlich ab, die andere betrachtete es als bestens geeignet. Unschwer war
zu erraten, dass erstere den Standort Gorleben ausschließen will, während die
zweite kalkuliert, dass über etliche Jahre „Endlagersuche" die wendländischen
Kämpfer aussterben und man dann das fertige Lager Gorleben in Betrieb nehmen
könne.
Bei der Norddeutschen Tiefebene aber kommt nun wieder die drohende
Klimakatastrophe ins Spiel: Wenn wir das erwähnte Kippen der Atmosphäre nicht
verhindern, schmilzt sämtliches auf der Erde vorhandene Eis. Das lässt den
Meeresspiegel um 66 Meter ansteigen, wodurch die Norddeutsche Tiefebene
komplett überschwemmt wird. Mit der „Sicherheit für 1 Million Jahre" wäre es
dann schon nach 1 bis 200 Jahren vorbei.
Die sieht darin aber kein Problem. In der geologischen
Vergangenheit ist „die Überdeckung von Gesteinsschichten durch Meere ... keine
Seltenheit". Wenn die „Gesteinsüberdeckung des Endlagerbereiches robust genug
ausgelegt" ist, kann „ein Schaden durch solch eine Überflutung ausgeschlossen
werden" schrieb sie dem Verfasser dieses Kommentars. Das räumt natürlich bei
mir sämtliche Sorgen aus - könnte ich jetzt sarkastisch anmerken.
Mit dem Atom-Ausstiegsbeschluss für Deutschland hat die Anti-Atombewegung
Gigantisches geleistet. Sie möchte ihr Werk nun abschließen, indem die
Überreste dieser Technologie für immer unter der Erde verschwinden und
engagiert sich daher für die Endlagersuche.
Das Endlager ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Die Pro-Atom-Kräfte
wollen es nämlich auch, natürlich aus einem anderen Grund als die
Anti-Bewegung. In der Kette der Atomtechnologie ist es schließlich das Glied,
das noch fehlt. „Ihr habt das Flugzeug gestartet und fliegen lassen, ohne zu
wissen, wo es landen kann", müssen sich die Atomfreunde vorhalten lassen. Mit
dem Endlager wäre dieses Manko beseitigt. Es braucht nicht viel
Phantasie, um sich vorzustellen, dass die nach wie vor starke
Pro-Atom-Lobby im Endlager das genaue Gegenteil vom Ende der Kernenergie sieht.
„Jetzt, wo wir die Landebahn haben, können wir in diese ‚klimafreundliche'
Energie voll und ganz einsteigen" werden sie sagen.
Doch diese Kalkulation darf nicht aufgehen! Die Anti-Atom-Kräfte müssen
genauestens darauf achten, dass das Lager keinen Kubikmeter größer wird als
erforderlich, um den in Deutschland bis zum Atomausstieg angefallenen Müll
unterzubringen.
Das einzige sichere Mittel zur definitiven Beerdigung der Kernkraft sind
freilich die Erneuerbaren Energien. Wer den nachhaltigen Ausstieg aus der Atomenergie
ernsthaft will, muss sich für die Beschleunigung der Energiewende einsetzen.
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