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Wissenschaft

24.10.2005 - LEGENDENFORSCHUNG

Ein neuer Sammelband mittelalterlicher Mirakelberichte

von Josef Tutsch

 
 

St. Martin von Tours

Man mag es kaum glauben. In der "Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe" der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft mit ihrer umfangreichen Sammlung "ausgewählter Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters" fehlte bislang ein Band "Mirakelberichte". Sind die Wunder, die von Heiligen wie Martin, Wenzel oder Nikolaus überliefert wurden, etwa irrelevant für das Verständnis des Mittelalters?

Es liegt am Verständnis des Ausdrucks "Geschichte". Wie bereits ein Herausgeber des noch viel größeren und älteren Sammelwerks, der "Monumenta Germaniae Historica", 1887 erklärte, enthielten die vielen Wundererzählungen aus dem Mittelalter lauter "historisch unbrauchbares Zeug". Tatsächlich pflegten viele Editoren damals aus den Quellen bloß die "historisch brauchbaren" (oder vielmehr vermeintlich brauchbaren) Passagen wiederzugeben. Die Wissenschaft nahm das Mittelalter eben nur soweit ernst, als es sich genügend positivistisch präsentierte.

Jetzt ist die Lücke in der "Gedächtnisausgabe" gefüllt, mit einem Band, worin Quellentexte zu bekannten und weniger bekannten Heiligen abgedruckt sind, im lateinischen Original und in einer (übrigens durchaus flüssig geschriebenen)

Tod des hl. Martin (von Simone Martini)
deutschen Übersetzung. Über weite Strecken ist es auch ein Lesevergnügen; lassen wir die schwierige Frage beiseite, was die Frommen des Mittelalters etwa bei der Geschichte vom heiligen Lunarius empfunden haben, wie er zwölf riesengroße Hirsche vor den Pflug spannen ließ, "bis schließlich das ganz Feld ordentlich umgepflügt war. Danach kamen die zwölf Hirsche alle auf einmal zusammen und traten vor den heiligen Lunarius hin, so als ersuchten sie um die Erlaubnis fortzugehen. Er aber erhob seine Hand, segnete sie und sprach: Gehet hin in Frieden!"

"Historisch unbrauchbar", nun ja. Die Erkenntnis Max Webers und Émile Durkheims, dass gesellschaftliche Realitäten auch durch subjektive Sinnerwartungen konstituiert werden, hat eine Weile gebraucht, um in der historischen Forschung durchzudringen. Der Band geht auf ein Hauptseminar an der Universität Erlangen 1999 zurück. Gut möglich, dass aus dieser Arbeitsgruppe in den nächsten Jahren die eine oder andere Studie zum mittelalterlichen Mirakel-Verständnis zu erwarten ist. Die Einführung der Herausgeber hält sich hierzu sehr knapp, nur einige wenige Hinweise auf die Diskussion, die sich seit der Spätantike entwickelt hatte: Geschehen "Wunder" eigentlich gegen den natürlichen Ablauf der Dinge? Und wie kann man sicher sein, dass nicht statt göttlicher Sendung ein Bund mit den Dämonen dahinter stand?

Die hl. Gertrud

Vermutlich darf man den Aufzeichnern auch gar keine reflektierte theologische Position unterstellen. Es könnte reizvoll werden, diese mittelalterlichen Mirakelberichte mit der aktuellen Praxis heutiger Heiligsprechungsprozesse in der katholischen Kirche zu konfrontieren; "Wunder" gehören nach wie vor zwingend dazu. Die Differenzen der Wissenschaftsgeschichte wirken nach: Wenn die "Monumenta" alle Wundererzählungen ausscheiden wollten, dann lag darin auch eine Abgrenzung zu dem katholischen Riesenwerk der "Acta Sanctorum", das der Jesuit Jean Bolland 1643 in Angriff genommen hatte, und deren Zweck wiederum war es, das historisch Verbürgte in den Heiligentraditionen gegen protestantische Angriffe zu retten und den Rest auszuscheiden.

Die Erlanger Arbeitsgruppe bleibt in dieser Hinsicht genügsam, die Arbeitsdefinition eines Wunders lautet "Eingriff übernatürlicher Kräfte in die menschliche Welt". Dem heutigen Leser wird zunächst auffallen, dass von unmittelbarer Nützlichkeit – wie bei jenen zwölf Hirschen vor dem Pflug – nur ausnahmsweise die Rede sein kann, zum Beispiel bei den vielen Krankenheilungen und manchmal auch Totenerweckungen. Oft geht es um rituelle Fragen. So lässt die Gegenwart des Bischofs Hubert von Masstricht bei einer Frau, die von ihrem Fronherrn gezwungen wird, den Sonntag durch Brotmachen zu entheiligen, die Finger unbeweglich werden. In der Grabeskirche der heiligen Gertrud stellen die Nonnen, als sie des Morgens den Gebetsraum betreten wollten, fest, dass alle Kerzen brennen, die sie am Abend zuvor gelöscht hatten. Als der heilige Lunarius zur See fährt, werfen die Schiffsleute im Sturm seinen Reisealtar über Bord. Doch dann im Hafen sieht er "zwei Tauben, weißer als der Schnee, die seinen Altar mit ihren Krallen aus dem Meer emporheben".

Martyrium des hl. Wenzel

Anderes wirkt handfester, etwa die Blutspritzer an der Kirchenwand, die trotz allen Putzens hartnäckig von der Ermordung des Böhmenfürsten Wenzel zeugen ("bis heute strahlt jene Wand von der Farbe des Blutes als verehrungswürdiges Zeichen"). Die Vita des Papstes Leo IV. erzählt, nach Zeit und Ort verblüffend präzise, dass "im ersten Jahr seines Pontifikats in der Nähe der Basilika der heiligen Märtyrerin Lucia in Orphea" ein Lindwurm aufgetaucht sei, der die Menschen mit seinem Atem und seinem Blick tötete und dann vom Papst durch Gebete vertrieben wurde; mittels des Kreuzeszeichens löscht derselbe Papst einen großen Brand in der Nähe der Basilika St. Peter.

Ein großer Teil der Mirakel wird aber nicht zu Lebzeiten der Heiligen, sondern erst nach ihrem Tode vollbracht. Die Reliquien des heiligen Martin sollen seine Stadt Tour – man glaubt sich in eine Episode der homerischen "Ilias" versetzt – vor einem Angriff der Dänen gerettet haben. Dass der Leichnam "den allersüßesten Duft" verströmt, ist ein durchaus gewöhnliches Zeichen der Heiligkeit. Weniger üblich dürfte die Art sein, wie der tote Nikolaus den Umgang mit seinen Reliquien steuert. Einem

St. Nikolaus
Bischof erscheint der Heilige in einer Vision und beklagt sich: "Weshalb hast du es zugelassen, dass mein Körper zerfleischt wurde und meine Glieder getrennt wurden?" Aus dem Meer wird eine kleine Kapsel gefischt, in der sich ein Zahn des Heiligen ("samt einem Schildchen mit dessen Namen") findet – ein Zeichen, "dass der sehr heilige Bekenner die Trennung seines Leibes nicht wünschte". Man darf getrost annehmen, dass dahinter reale Auseinandersetzungen um den Besitz einzelner Reliquien gestanden haben. Fromme Auseinandersetzungen, wie sich versteht: Von einem Diener, der einen Handknochen entwendet, betont der Erzähler ausdrücklich, er habe dies "aus Frömmigkeit" getan.


Neu auf dem Büchermarkt:
Mirakelberichte des frühen und hohen Mittelalters,
herausgegeben von Klaus Herbers, Lenka Jirousková und Bernhard Vogel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2005 (ISBN 3-534-16475-X), 89,- €




Mehr im Internet:
Wunder 
scienzz artikel Wunder und "Wunder" 
 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

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