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06.06.2022 - PSYCHOLOGIE

Seltsame und weniger seltsame Menschen

Der amerikanische Evolutionsbiologe Joseph Henrich hat eine Studie zum Kulturvergleich vorgelegt

von Josef Tutsch

 
 

UN-Hauptquartier in New York
Bild: Padraic Ryan/UN HQ/Wikipedia

Bis zum November 2002 galt in New York die Regelung, dass die Diplomaten bei den Vereinten Nationen für das Falschparken ihrer Autos zwar „Knöllchen“ erhielten, die Bußgelder aber nicht eingetrieben wurden. So häuften sich allein zwischen 1997 und 2002 über 150.000 Strafzettel an, mit 18 Millionen Dollar, die „eigentlich“ hätten bezahlt werden müssen.

Die beiden Wirtschaftswissenschaftler Ted Miguel und Ray Fisman, berichtet der Psychologe und Evolutionsbiologe Joseph Henrich von der Harvard University in seinem neuen Buch über „die seltsamsten Menschen der Welt“, machten sich die Mühe auszuzählen, wie viel Knöllchen auf welche Länder entfielen. Ergebnis: Die Diplomaten aus dem Vereinigten Königreich, aus Schweden, Kanada und Australien erhielten jeweils null Strafzettel. An der Spitze standen Ägypten, der Tschad und Bulgarien mit durchschnittlich mehr als 100 Stück pro Mitglieder der Delegation.

Die Relation änderte sich auch nicht, nachdem die New Yorker Polizei 2002 dazu übergegangen war, von den Autos der „Wiederholungstäter“ die Diplomatenschilder abzumontieren. Zwar ging die Zahl der Verstöße insgesamt stark zurück, aber einige Länder blieben weit oben, andere weit unten. Ein Unterschied der „Kulturen“? Der Eindruck, dass sich in verschiedenen Ländern in Sachen Parksünden verschiedene Mentalitäten herausgebildet haben, ist schwer von der Hand zu weisen.

Und nicht nur in Sachen Parksünden. Bei statistischen Studien zum Thema Mentalität, berichtet Henrich, bilden die „westlichen“ Länder in globalem Rahmen durchweg eher die Ausnahme als die Regel. Der Forscher spricht von „the WEIRDest People in the World“, den „seltsamsten Menschen der Welt“. Dabei soll „WEIRD“ nicht nur „seltsam“ bedeuten, sondern auch für „Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic“ stehen. Um die Frage zu erörtern, wie all diese Kriterien zusammengehören, wendet der Autor in seinem Buch, das jetzt auf Deutsch herausgekommen ist, fast 800 Seiten auf, mit psychologischen Experimenten und demoskopischen Erhebungen sowie einer Nachzeichnung der europäischen Geschichte seit der Spätantike.

Anlass der Studie, erklärt Henrich im Vorwort, war seine Verwunderung über die gängigen Verfahren in Psychologie und Verhaltensforschung. Der allergrößte Teil der Probanden, die zu Experimenten herangezogen werden, kommt aus westlicher Tradition – auch deshalb, weil an den Universitäten in Europa, Nordamerika oder Australien „Westler“ am ehesten zur Verfügung stehen. Die Frage, ob Menschen aus anderen Kulturen sich vielleicht anders verhalten würden, wird in der Regel also gar nicht erst gestellt.

Zum Beispiel bei einem Würfelspiel, das klären soll, inwieweit Menschen ehrlich Auskunft geben, wenn ihre Angaben nicht überprüft werden. Entsprechend der gewürfelten Augenzahl werden die Spieler mit Geld belohnt. Den eigenen Meldungen zufolge fallen die Würfel jedoch regelmäßig viel „günstiger“, als nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erwarten wäre.

Kurzum: Wenn Menschen sich unbeobachtet fühlen, neigen sie dazu, im Sinne ihres Geldbeutels zu schummeln. Schlüsselt man die Probanden nach Ländern auf, berichtet Henrich, zeigen sich jedoch Unterschiede. Bei Studenten aus Schweden, Großbritannien oder Deutschland liegt die „Schummelquote“, also die Abweichung von der Wahrscheinlichkeit nach oben, regelmäßig etwa bei 10 bis 15 Prozentpunkten. Im Fall Tansania waren es einmal fast 35 Prozentpunkte.

Da muss man natürlich jedes Wort auf die Goldwaage legen, um sich nicht einem Shitstorm, Stichwort „Rassismus“, auszusetzen. „Jede Bevölkerung verstößt gegen die unparteiischen Regeln“, formuliert Henrich, „einige Bevölkerungen brechen sie jedoch häufiger als andere.“ Das Wort „brechen“ ist vielleicht nicht einmal ganz treffend. Man könnte auch sagen: Die Regeln eines unparteiischen und „ehrlichen“ Verhaltens werden anderen Regeln untergeordnet. Es gebe „eine starke Korrelation zwischen diesem Experiment und dem internationalen Korruptionsindex“, schreibt Henrich und führt Zählungen an, denen zufolge in westlichen Gesellschaften Verwandte von Politikern und Managern viel weniger gute Chancen haben, im Staatsapparat oder in Firmen aufzusteigen.

Ein Umstand, den wir – vorausgesetzt, es verhält sich wirklich so – uneingeschränkt positiv bewerten würden, als ein geringeres Maß an „Vetternwirtschaft“. Selbstverständlich ist diese Sicht der Dinge jedoch nicht. Ein Kritiker des Westens könnte sagen: Dort sind die Familienbande geschwächt, die Solidarität unter Verwandten ist, verglichen mit anderen Weltregionen, zurückgegangen. Henrich: „Wir konzentrieren uns mehr auf uns selbst“, nämlich auf uns selbst als Individuen, „auf unsere Eigenschaften, Leistungen und Bestrebungen, als auf unsere Beziehungen und sozialen Rollen.“

Und das ist in globalem Maßstab, zeigt Henrich an Experimenten und Umfragen, ein „seltsames“ Verhalten. Die Frage liegt nahe, wie sich diese Mentalität im Westen überhaupt durchsetzen konnte. Denn Vetternwirtschaft kann das Leben sehr erleichtern, sie bietet ein soziales Netz – vorausgesetzt, versteht sich, dass man selbst zu den „Vettern“ gehört. Umgekehrt ist es doch höchst unpraktisch, geradezu dumm, sich an abstrakte Prinzipien und unparteiische Regeln zu halten, wenn sie dem eigenen Vorteil oder dem der Familie zuwiderlaufen.

Dennoch konnte die seltsame Kultur des Westens seit etwa 1500 einen ökonomischen und politischen Vorsprung vor dem Rest der Welt gewinnen und ihn einige Jahrhunderte lang behaupten. Der „reichlich sonderbare“ Westen wurde, um es mit dem deutschen Untertitel von Henrichs Studie zu sagen, eben auch „besonders reich“. Offenbar kann dieses Verhalten, das vom Standpunkt des näheren Umkreises her betrachtet, zunächst einmal „seltsam“ ist, für größere Zusammenschlüsse, zum Beispiel Nationen, von Vorteil sein.

Über seine Kernkompetenz in Psychologie und Biologie hinaus will der Harvard-Forscher wissen, wie es dazu gekommen ist. Eine Fragestellung, die sich in die Nachfolge von Max Webers „Aufsätzen zur Religionssoziologie“ vor mehr als hundert Jahren stellt: Welche „Verkettung von Umständen“ könnte dazu geführt haben, dass manche Kulturerscheinungen „gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier“ auftraten?
Ein universalhistorischer Zugriff, der inzwischen sehr unmodern geworden ist. Er erfordert nicht nur den Mut zur großen Linie, den Verzicht auf viele Nuancen. Auch die Versuchung, den „Sonderweg“ der europäischen Neuzeit wertend hervorzuheben, liegt gefährlich nahe. Oder gerade umgekehrt, wie es sich heute in Teilen der intellektuellen Eliten Europas und Nordamerikas abzeichnet, diese Sonderentwicklung, zu der ja auch Kolonialismus und Klimakrise gehören, in Bausch und Bogen zu verdammen.

Am Anfang der Entwicklung, die zu unserer Moderne geführt hat, sieht Henrich die Bekehrung der europäischen Völker zum Christentum seit der späten Antike. Oder genauer: die Heiratsregeln, die den Bekehrten von der christlichen Kirche auferlegt wurden. Während in früheren Gesellschaften eine Eheschließung mit Cousins oder Cousinen zweiten Grades oft sogar vorgeschrieben war, wurde sie nun untersagt oder jedenfalls von einer kirchlichen Ausnahmegenehmigung abhängig gemacht, manchmal bis zu einer Verwandtschaft sechsten Grades.

Das zerstörte die „stark verwandtschaftsbasierten Institutionen“ im alten Europa. Bei den großen Dynastien gestattete die Kirche manchmal Ausnahmen, aber längst nicht immer. Es wurde wahrscheinlicher, dass mächtige Geschlechter ausstarben – und in einem solchen Machtvakuum konnten sich dann etwa die Kommunen entwickeln und ihre Institutionen autonom umgestalten. Die Schwächung der vorgegebenen Verwandtschaftsverhältnisse verwandelte die europäischen Städte in Orte, in denen „unabhängige Geschäftsinhaber, Handwerker und Kaufleute den Ton angaben und flexibel mit zahllosen Fremden in Form von wechselseitig vorteilhaften Transaktionen interagierten“.

Anders ausgedrückt: Das kirchliche Familienrecht hatte seinen Anteil daran, dass die Mentalität in Europa mehr als in anderen Regionen nicht durch die vorgegebenen Verwandtschaftsverhältnisse geprägt wurde, sondern durch unpersönliche Beziehungen, wie sie der Handel aufgab, durch das sachliche „Interesse“. Polemisch ausgedrückt: Die Welt wurde „kälter“.

Den Mechanismus, der in dieser kulturellen Evolution gewirkt haben müsste, vergleichbar der „Erbsubstanz“ in der Genetik, kann Henrich nicht aufzeigen. Aber er führt eine Reihe von empirischen Untersuchungen aus den letzten Jahrzehnten an, die den Eindruck nahelegen, dass sich in den westlichen Ländern tatsächlich eine vom Rest der Welt abweichende Mentalität herausgebildet hat, gerade zum Thema „Gemeinschaftsbildung“. Eltern wurden befragt, wie wichtig es ihnen sei, ihre Kinder zum Gehorsam anzuhalten. In Jordanien fanden 55 Prozent das Ziel des Gehorsams besonders wichtig, in den USA nur 33 Prozent. Wenn Studenten aufgegeben wurde, über irgendein Thema kontrovers zu diskutieren, waren Studenten aus westlichen Gesellschaften viel eher als andere bereit, ihren Vorrednern zu widersprechen.

Natürlich war es nicht das kirchliche Recht allein, das diese moderne europäische Mentalität hervorbrachte. Henrich nennt eine lange Reihe von weiteren Faktoren, die ähnlich einer Kaskade den Prozess der Individualisierung vorantrieben: etwa die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert und dann im 16. die Reformation, die von jedem frommen Christen die Lektüre der Heiligen Schrift forderte und dadurch die Alphabetisierung großer Teile der Bevölkerung vorantrieb.

Ein Siegeszug der Rationalität? Eher eine Kumulation von sozialen und kulturellen Einstellungen, meint Henrich, die mit Vernunft zunächst einmal nichts zu tun hatten. Selbst unsere hochgeschätzten Ideale wie Freiheit, Menschenrechte und Demokratie, sind „keine Werke der reinen Vernunft“, betont der Autor. Das zeigt sich zum Beispiel bei Wahlen. In vielen Ländern der Welt liegen die größeren Clans oder Stämme automatisch vorn, „niemand kann einfach so das Team wechseln“, also aus seinen „natürlich“ vorgegebenen Loyalitäten ausbrechen.

Eine Situation, wie es sie bis in die jüngste Vergangenheit zum Beispiel auch in Nordirland noch gegeben hat, mit seiner Konfrontation zwischen Katholiken und Protestanten. Aber die Regel in den europäischen Staaten ist eine Vielfalt von sozialen Gruppen, die einander überschneiden. Wahlen können nicht nach der schlichten Frage entschieden werden, ob der Kandidat „einer von uns“ oder „einer von denen“ ist.

Solche Vielfalt macht Gruppenloyalitäten weniger zwingend – das begünstigt wechselnde Mehrheiten und ermöglicht friedliche Machtwechsel. Über das wissenschaftliche Problem hinaus, ob der Mensch psychologisch, sozial und kulturell wirklich so uniform ist, wie wir uns das nach dem Modell Europäer oder Nordamerikaner gern vorstellen, führt Henrichs Buch auf eine sehr praktische und politische Frage: Wie können Demokratie und Freiheit weltweit realisiert werden? Der Fall Afghanistan hat uns die Schwierigkeiten drastisch vor Augen geführt.



Neu auf dem Büchermarkt:

Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde, aus dem Amerikanischen von Frank Lachmann und Jan-Erik Strasser, Suhrkamp Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-58780-5, 918 S., 34,50 € 

 

 

 

 

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