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10.04.2022 - GESCHICHTE

Das Massaker von Chios

Vor 200 Jahren erschuetterte das Massaker von Chios Europa

Josef Tutsch

 
 

Eugène Delacroixm Das Massaker von Chios (Detail),
Louvre Paris, in Wikipedia


Auf der rechten Seite des Bildes triumphiert hoch zu Ross ein Soldat in türkischem Gewand. Das Pferd schleift eine nackte, sich windende junge Frau mit. Darunter sitzt eine verzweifelt blickende Greisin. Neben ihr liegt auf der einen Seite eine ermattete Mutter mit Kind, auf der anderen ein Toter oder Sterbender, gelehnt an eine trauernde Frau. Ganz links ist ein älterer, hilflos wirkender Mann zu sehen, an den sich Frau und Kinder klammern.

Ein Bild des Grauens. Eugène Delacroix' schuf sein Gemälde „Das Massaker von Chios", das 1824 im Pariser „Salon" ausgestellt wurde, unter dem Eindruck einer Episode des griechischen Unabhängigkeitskrieges. Mitte April des Jahres 1822 hatten osmanische Truppen die aufständische Insel Chios zurückerobert und unter der Bevölkerung ein Gemetzel angerichtet, wie es sich die europäische Öffentlichkeit damals auch nach den Schrecken der napoleonischen Kriege nicht vorstellen konnte. Von den etwa 110.000 Bewohnern wurden 25.000 getötet, weitere 45.000 deportiert und auf den Sklavenmärkten in Smyrna und Konstantinopel verkauft.

Erklärlich ist diese Brutalität nur, wenn man sich klar macht, dass der griechische Aufstand den Osmanen als ein Fall historischer Illegitimität erscheinen musste. Imperien neigen dazu, sich für „ewig" anzusehen, als Endzwecke der Weltgeschichte. Seitdem die Republik Venedig 1718 ihre letzten Besitzungen auf der Peloponnes verloren hatte, standen die gesamte Balkanhalbinsel und die gesamte Ägäis unter osmanischer Herrschaft. Die Christen genossen zwar freie Religionsausübung, eine privilegierte Schicht unter den Griechen besetzte sogar Schlüsselstellungen in der Verwaltung. Doch eine drückende Sondersteuer begünstigte auf lange Sicht die Konversion zum Islam.

Umgekehrt betrachteten aber auch die Griechen die türkische Herrschaft als ein Unrecht von historischer Dimension. Das byzantinische Reich war mehr als dreieinhalb Jahrhunderte nach seinem Untergang durch die türkische Eroberung von Konstantinopel 1453 unvergessen. Solche Erinnerungen über viele Generationen hinweg, mit denen sich auch politisches Handeln legitimieren lässt, sind in der Geschichte gar nicht so selten. Als im 1095 im Abendland zum Kreuzzug aufgerufen wurde, galt das als Wiedergutmachung eines alten Unrechts, der Eroberung des Heiligen Landes durch die Muslime fast ein halbes Jahrtausend zuvor. In Spanien wurde die Einnahme Granadas 1492 als „Reconquista" aufgefasst, als Wiedereroberung, fast acht Jahrhunderte, nachdem die Muslime das Land den Westgoten entrissen hatten.

Im griechischen Aufstand, der mit der Unabhängigkeitserklärung am 25. März 1821 seinen Anfang nahm, stießen nicht nur zwei Völker aufeinander, sondern auch zwei verschiedene, religiös aufgeladene Deutungen der Geschichte. 1770, während eines Russisch-Türkischen Kriegs, hatten die Griechen bereits einmal eine Revolte versucht. Sie endete in Massakern der Osmanen an der griechischen Bevölkerung. Als ein halbes Jahrhundert später erneut der Krieg um die Unabhängigkeit ausbrach, sahen die Griechen keinen Anlass, irgendjemanden auf türkischer Seite zu schonen. Im Oktober 1821 eroberten griechische Truppen Tripoli, die Hauptstadt der Peloponnes. Vor der Kapitulation wurde vereinbart, die Zivilbevölkerung zu schonen. Doch danach ermordeten die Belagerer Tausende von Menschen, auch Frauen und Kinder.

Eher halbherzig wurde der Aufstand vom Zarenreich unterstützt. Eine Schwächung der Türkei war seit Generationen das Ziel russischer Politik. Andererseits - ein Volk, das sein Geschick in die eigenen Hände nehmen wollte, passte nicht in die Gedankenwelt von Zar Alexander, der alle revolutionären Gedanken in Europa unterdrücken wollte.

Ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung waren die Peloponnes und Zentralgriechenland sowie die meisten Inseln der Ägäis fest in der Hand der Rebellen. Im März 1822 zwang eine griechische Armee, die von Samos kam, die türkische Besatzung der Insel Chios, sich in die Festung der Hauptstadt Chora zurückzuziehen. Große Teile der Bevölkerung verhielten sich allerdings neutral.

Warum die Regierung in Konstantinopel sich nun entschloss, ausgerechnet an Chios ein Exempel zu statuieren, wird aus den Quellen nicht klar. Gerüchte wollten wissen, die Haremsdamen hätten auf die militärische Aktion gedrängt. Chios war für seine Mastixplantagen berühmt, deren Steueraufkommen der Schwester des Sultans zustanden. Das Harz der Mastixbäume, das bis heute zur Produktion von Kaugummis genutzt wird, verschaffte den Bauern der Insel einigen Wohlstand. Doch der Aufstand behinderte den Export des Harzes.

Am 11. April 1822, kurz vor dem orthodoxen Osterfest, landete eine osmanische Flotte auf Chios. Angeblich hatten die Soldaten den Befehl, alle Männer über 12 und alle Frauen über 40 Jahren sowie alle Kinder unter 2 Jahren zu töten sowie die Überlebenden zu versklaven - mit Ausnahme bloß einiger Mastixbauern. Oder handelten sie bei der Tötung von 25.000 Menschen in einem Blutrausch, bei der Versklavung von 45.000 weiteren in maßloser Beutegier? Die Quellen geben kein klares Bild.

Der osmanische Befehlshaber Kara-Ali soll, vielleicht sogar entgegen seinen Anweisungen, zunächst versucht haben, den Sklavenhandel zu verbieten. Ihm wird bewusst gewesen sein, dass gerade dieser Punkt die Öffentlichkeit in den europäischen Ländern gegen die Türkei aufbringen würde. In Westeuropa hatte sich die moralische Einschätzung der Sklaverei in den Jahrzehnten zuvor geändert. Nachdem die europäischen Mächte lange im Sklavenhandel tätig gewesen waren, ging die britische Flotte auf den Weltmeeren inzwischen dagegen vor. Kara-Ali musste sein Verbot zurücknehmen, als er feststellte, dass seine Männer, wenn ihnen der rentable Weg, die Chioten zu Geld zu machen, versperrt war, sie stattdessen umbrachten.

Einige hundert Versklavte wurden von westlichen Diplomaten und Geschäftsleuten ausgelöst. Mehrere tausend Chioten hatten rechtzeitig Fähren gefunden, die sie auf andere Inseln brachten. Gut tausend weitere überlebten, weil sie in die Residenzen westlicher Diplomaten flüchten konnten. Die Konsuln von Frankreich und Österreich erreichten, dass die Katholiken verschont wurden - die Osmanen vermuteten die orthodoxe Kirche als treibende Kraft hinter dem Aufstand. In Konstantinopel ließ der Sultan alle Chioten, die sich gerade in der Hauptstadt aufhielten, hinrichten.

Als Anfang Juni 1822 die griechische Flotte das Flaggschiff von Admiral Kara-Ali in Brand setzen konnte und 2.000 türkische Seeleute dabei ums Leben kamen, wurde das in Griechenland wie in Europa als Vergeltung für das Massaker von Chios aufgefasst. Aber Rache zieht weitere Rache nach sich: Die türkischen Truppen zerstörten auf Chios nun auch die Mastixdörfer.

Mit einem Mal war die „Türkei" der europäischen Öffentlichkeit ganz nah gerückt. Selbst in der Populärkultur: Zum Pfingstfest des Jahres 1825 soll es im Berliner Tiergarten ein großes Feuerwerk gegeben habe, „bei dem ein türkisches Kriegsschiff von einem griechischen Brander in die Luft gesprengt" wurde, wie der Veranstalter seinem Publikum ankündigte. Die Gebildeten im Publikum werden dabei an die Verse in Goethes „Faust" gedacht haben: „Nichts Bess'res weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man abends froh nach Haus und segnet Fried und Friedenszeiten."

Die große Politik reagierte etwas zögerlich. Zwar beschloss die britische Regierung, die Aufständischen nicht mehr als Rebellen, sondern vielmehr als Kombattanten zu betrachten, ihnen also die Rechte einer Kriegspartei zuzuerkennen. Ansonsten blieb London ebenso wie Paris jedoch zurückhaltend. Vor allem Großbritannien wollte verhindern, dass die russische Flotte Zugang zum Mittelmeer erhielt. Da war eine Schwächung des Osmanischen Reiches unerwünscht.

Dafür nahmen die Intellektuellen in Europa umso entschiedener Partei. In Paris veröffentlichte Victor Hugo ein Gedicht „Das griechische Kind". „Die Türken waren da, öd' ist und wüst die Flur ..." „Was könnte dir zerstreu'n den Kummer, süßes Kind?" Die Klage endete in einem martialischen Schrei: „Aufschlug das Griechenkind die Augen von Azur: Mann, Blei und Pulver will ich haben!"

Hunderte Intellektuelle folgten diesem Appell und gingen auf den Balkan, um die Griechen bei ihrem Unabhängigkeitskampf zu unterstützen. Der berühmteste aller Freiwilligen war der englische Dichter Lord Byron, der jedoch schmerzlich erfahren musste, wie wenig moralisch ein militärischer Einsatz selbst für die besten Ziele am Ende ausfällt. In Briefen an die Heimat berichtete er entsetzt über die Bedenkenlosigkeit, mit der die griechischen Freiheitskämpfer die türkischen Bewohner vertrieben oder ermordeten. Er adoptierte ein türkisches Mädchen, dessen Eltern getötet worden waren.

Die Intellektuellen aus dem Westen waren noch in anderer Hinsicht mit einer Kluft zwischen der Realität und ihren Träumen konfrontiert. In ihren Augen waren die Griechen vor allem die Erben Homers - da passte es ins Bild, dass unter den sieben Orten, die in der Antike für sich beanspruchten, Homers Geburtsort zu sein, auch das Dorf Pityous auf Chios war. Und in dem griechischen Staat, wie sie ihn erhofften, sollte auch die athenische Demokratie des 5. Jahrhunderts v. Chr. wieder aufleben - der Krieg in der Türkei war für viele auch ein Aufstand gegen die restaurative, antirevolutionäre Politik in der Heimat.

Dass die Griechen selbst viel weniger an Athen dachten als an Byzanz, wird den „Philhellenen" erst allmählich gedämmert haben. Bei den Regierungen in London und Paris dauerte es nach dem Massaker von Chios ohnehin noch volle fünf Jahre, bis sie der öffentlichen Meinung in ihren Ländern nachgaben und in den Krieg eingriffen. Inzwischen hatten die Osmanen, begünstigt durch bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen unter den Griechen, die meisten der aufständischen Gebiete zurückerobert. Großbritannien und Frankreich verlangten einen Waffenstillstand. Nachdem die Türkei abgelehnt hatte, versenkten ihre Flotten vor Navarino auf der Peloponnes ein Großteil der türkischen Kriegsflotte.

1830 wurde etwa ein Drittel des griechischen Siedlungsgebiets als unabhängiger Staat anerkannt. Die Inseln der östlichen Ägäis kamen erst 1913 hinzu. Es war der erste in einer langen Reihe neuer Staaten zwischen Russland und dem Osmanischen Reich einerseits, Österreich und Preußen andererseits, von Finnland bis Zypern. Wie sehr die Massaker des Unabhängigkeitskrieges bis heute eine offene Wunde geblieben sind, zeigt ein Vorgang 2009. Im Museum von Chios wurde eine Kopie von Delacroix' weltberühmtem Gemälde ausgestellt. Es gab heftige Diskussionen: Würden die Beziehungen zur Türkei dadurch nicht gefährdet? Am Ende blieb das Bild hängen.

 

 

 

 

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