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02.04.2022 - MOBILITAET

Der einfachste und billigste Transport

Die Floesserei auf Isar und Loisach koennte bald zum Weltkulturerbe gehoeren

Josef Tutsch

 
 

Isarfloß unterhalb des Kraftwerks Höllriegelskreuth
Bild: Ludwig Lou Gruber auf wikipedia


Wer es eilig hat, sollte doch lieber die Bahn nehmen. Die braucht von Wolfratshausen bis in den Süden der Landeshauptstadt München nur gut eine halbe Stunde. Die Floßfahrt 28 Kilometer die Isar hinab dauert, je nach Wasserstand, fünf bis sieben Stunden. Und dann ist das Floß - oder „der" Floß, in der Spezialsprache der Flößer gilt heute noch die männliche Form - auch noch um ein Vielfaches teurer als die Bahn. Aber dafür verspricht das altertümliche Verkehrsmittel ein ungewöhnliches Erlebnis. „Feucht-fröhlich", heißt es in der Werbung der Firmen, die dieses Angebot unterbreiten, mit Musik, Bier und Brotzeit. Es kann „spritzig" werden: Auf „Rutschen" müssen die Flöße mehrmals Höhenunterschiede überwinden.

Was heute eine große Gaudi für Touristen und Sonntagsausflügler ist, war früher ein bedeutendes Gewerbe, sowohl für Waren als auch für Personen, erklärt die Brauchtumsforscherin Helga Lauterbach in ihrem neuen Buch über die Tradition der Floßfahrt an Isar und Loisach. Vor zwei Jahren setzte der Freistaat Bayern die Flößerei auf seine Landesliste des immateriellen Kulturerbes. Vielleicht bloß eine Vorstufe zur Anerkennung durch die UNESCO, die Ende dieses Jahres erwartet wird.

Belegt ist die Flößerei im südlichen Bayern seit dem 12. Jahrhundert. Die Stadtgründungen an der Isar, München 1158 und Landshut 1204, wären ohne die Tausende und Abertausende von Baumstämmen, die aus den Gebirgswäldern die Isar und ihren südwestlichen Zufluss, die Loisach, hinab transportiert wurden, gar nicht möglich gewesen. Wahrscheinlich alle größeren Städte entlang der Isar bezogen das Holz für ihre prächtigen Bauwerke aus dem Isarwinkel, meint Lauterbach. Auch die Flöße selbst konnten, wenn sie ihr Ziel erreicht hatten, als Baumaterial verwendet werden.

Seit dem 14. Jahrhundert wurden aus dem oberen Isartal auch Kalksteine nach München geliefert, für die Mauern der Frauenkirche ebenso wie für die Straßenpflasterung. Es wird kaum ein Produkt aus dem Alpen- und Voralpenland gegeben haben, das nicht auf der Isar in die Städte kam: Bier, Käse, Fische, Früchte, Stroh, Schleifsteine, Vieh, Kleidungsstücke, Glas, Teppiche, Pergament, Truhen usw. usf. Alternativ zu den großen Flößen konnte Brennholz auch unbegleitet auf die Reise den Fluss hinunter geschickt werden. In München waren Rechen installiert, die das Triftholz auffingen. An den Ufern oberhalb, wo gelegentlich etwas hängen blieb, berichtet Lauterbach, wurde es von Menschen aufgesammelt, die sich über das gratis „gelieferte" Brennmaterial freuten.

Die Saison der Flößerei dauerte von März bis Dezember. In den übrigen Monaten machten Eis oder Hochwasser die Floßfahrten unmöglich. 1487 wurde in Mittenwald der „Bozener Markt" eingerichtet, als Umschlagplatz für Waren aus Italien - zum Beispiel Wein oder Glas. Oft verkehrten die Flöße nicht nur bis zur Mündung der Isar in die Donau, sondern darüber hinaus bis nach Wien oder nach Budapest. Das konnte dann auch schon mal anderthalb oder zwei Wochen dauern.

Immer wieder mussten die Zunftordnungen den Flößern Vorsichtsmaßregeln einschärfen. Denn vor allem die obere Isar war vor ihrer Regulierung im 19. Jahrhundert ein wilder, reißender Fluss. Aber auch unterhalb von München gab es gelegentlich Unfälle. 1660 machten sich Münchner Bürger als Pilger zu einem Wallfahrtsort in Niederbayern auf. Zwischen Freising und Landshut stieß das Floß in der abendlichen Dämmerung gegen ein Damm, die Pilger ertranken.

Reichlich Stoff, um die Ausflügler bei den Vergnügungsfahrten heute mit schaurigen Geschichten zu unterhalten. Strenge Zunftordnungen versuchten, Passagiere und Waren zu schützen. Bevor jemand „Floßmeister" werden konnte, musste er zunächst als Geselle seine Qualifikation nachweisen. Ein Problem scheint gewesen zu sein, dass die langwierigen Fahrten manchmal Langeweile aufkommen ließen, die dann gern mit Alkohol „ertränkt" wurde. Während der Arbeit auf dem Fluss dürften sich die Flößer „mit Essen und Trinken nicht überfüllen", zitiert Lauterbach eine alte Zunftregel. Ging ein Gut verloren, wurde der Flößer haftbar gemacht. Bis der geschädigte Eigentümer befriedigt war, drohte ein Berufsverbot. Verstieß der Flößer dagegen, konnte ihm sogar die Hand abgehackt werden.

Und so urgemütlich, wie Ausflügler und Touristen sich das heute gern vorstellen, war eine Floßfahrt ohnehin nicht. Zum Schutz vor Nässe stand den Reisenden eine Bretterhütte zur Verfügung, gegen Aufpreis, versteht sich. Bereits die Herstellung der Flöße war eine Kunst für sich. Eine Beschäftigung für die Wintermonate, wenn die Fahrten ausfielen. Nur hohe, „schnürlgerad" gewachsene Fichten kamen in Frage, mit eng und gleichmäßig beieinander liegenden Jahresringen - das verhinderte ein schnelles Vollsaugen mit Wasser.

Außer auf ihr Handwerk vertrauten die Flößer aber auch auf ihre Frömmigkeit. Im Stadtmuseum von Bad Tölz, berichtet Lauterbach, ist ein „Flößeraltärchen" erhalten, wie es damals gern mitgeführt wurde. Selbstverständlich durften Floßfahrten früher nicht an Sonn- oder Feiertagen durchgeführt werden. Mit großem Nachdruck achteten die Zünfte auf „christliche Zucht und Sitte". „Ein jeder Flößer soll sich des Fluchens und Gotteslästerns enthalten", forderte bereits 1159 eine Zunftregel in Wolfratshausen.

Der Berufszweig war für seine derben Späße berühmt. Es soll vorgekommen sein, berichtet Lauterbach, dass junge Gesellen sich, wenn Flöße in Sicht kamen, ins seichte Wasser knieten, um Tiefe vorzutäuschen. Das führte dann leicht dazu, dass die Ankömmlinge aufliefen und mit Muskelkraft befreit werden mussten. Wenn junge Frauen befördert werden wollten, erschreckte man sie mit der Versicherung, die gefährlichen Stromschnellen könnten nur „reine Jungfrauen" ohne Schaden überstehen.

1841 gab es einen Streit um die Frage, ob „ledige Weibspersonen" Flöße führen dürften. Die königliche Regierung fürchtete, Frauen könnten des Flussfahren weder „kundig" noch „hingänglich rüstig" sein. Schlimmer noch: Durch die Lebensweise der Flößer, vor allem beim Zusammenleben in den Nachtherbergen, sei die „Sittlichkeit" gefährdet. Offenbar damals ein weit verbreiteter Gedanke: Der Gymnasiallehrer Friedrich Leitner konstatierte in seiner „Landes- und Volkskunde des Königreiches Bayern", 1851, bei den Floßleuten nicht nur „Trunksucht" und „Rauflust", sondern auch „die laxeste Moral in geschlechtlicher Beziehung". Die Floßmeister aus Lenggries sahen es allerdings ganz anders. In einem Brief an die Regierung versicherten sie, „Weibsleute" seien auf dem Fluss viel vorsichtiger als junge Burschen. Und was die Sittlichkeit anging - die „fortwährende Arbeit" mit „frühester Ermüdung" berge da weniger Gefahren als die „Bequemlichkeit".

Auch die Industrialisierung Bayerns im 19. Jahrhundert besiegelte für die Flößerei auf Isar und Loisach zunächst noch nicht den Niedergang. Der Bedarf nach Baumaterial wuchs an und das bayerische Eisenbahnnetz war noch nicht soweit ausgebaut, dass er ohne Floßfahrten hätte gedeckt werden können. 1864 wurde zu einem Rekordjahr: Nicht weniger als 11.145 Flöße erreichten die Haupt- und Residenzstadt München.

Dass es mit der großen Zeit der Flößerei demnächst zu Ende gehen würde, scheint damals jedoch mancher bereits geahnt zu haben. 1879 verfasste der Historiker Karl Theodor von Heigel einen Kommentar zu dem neuesten Monumentalgemälde von Carl Theodor von Piloty, „Münchens Geschichte". Unter den vielen Bürgern, die einer Personifikation des bayerischen Staates huldigen, hatte Piloty auch den Floßmeister Johann Heiß portraitiert, „Vertreter des Münchner Flößereigewerbes, das vor Aufkommen moderner Transportmittel einen Großteil des Fernfrachtverkehrs besorgte".

„Besorgte", formulierte Heigel, im Präteritum. Aber selbst nach der Eröffnung der Isartalbahn 1891, betont Lauterbach, war das Floß zunächst noch die einfachste und billigste Möglichkeit, vor allem für den Holztransport. Langfristig konnte das Floß der Konkurrenz von Dampfschiff und Eisenbahn aber doch nicht standhalten. Nach und nach kam die Flößerei zum Erliegen, mit einer kurzen Renaissance nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs: Für den Wiederaufbau Münchens waren riesige Mengen an Baumaterial erforderlich.

Während der Warenverkehr per Floß eingestellt wurde, hat der Ausflugsverkehr erst seit dem 19. Jahrhundert seinen großen Aufschwung genommen. Eine Floßfahrt ist ja auch nicht mehr so gefährlich wie ehedem. Bereits von 1815 an wurde der Fluss über weite Strecken „korrigiert" oder, wie manche klagten, „zu einem Bach herabgewürdigt". Zunächst waren es vor allem die Münchner Studenten, die ihre Examina feierten, indem sie mit der Isartalbahn flussaufwärts fuhren und dann mit dem Floß ganz gemächlich zurück. Zum Entsetzen der Anwohner sprangen die Burschen dann auch schon mal nackt ins Wasser.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten die amerikanischen Soldaten in Bayern den Charme der Flößerei. Zu den Olympischen Spielen 1972 in München schaffte es die bayerische Tourismuswerbung, eine Floßfahrt auf der Isar „für Sportler und Besucher fast zum Pflichtprogramm zu machen". Plakate auf den großen Flughäfen überall in der Welt machten die bayerische Flößerei international bekannt.

Und auch Touristen, die „auf dem Trockenen" bleiben, finden allüberall an Isar und Loisach Spuren der Flößerei. Die zahllosen „Marterl" am Ufer, die früher um Gebete für die Verunglückten, baten, sind zwar fast alle verschwunden. Aber viele der Gotteshäuser rechts und links der Isar wurden als „Flößerkirchen" errichtet, gewidmet etwa dem hl. Nikolaus oder dem hl. Johannes Nepomuk, die als besondere Schutzpatrone der Floßfahrt galten. In der Kirche von Lenggries, schreibt Lauterbach, ist noch eine Nikolausfigur zu sehen, die von einer Flößerbruderschaft bei Prozessionen mitgeführt wurde.

1994, nunmehr natürlich auch mit dem Gedanken an den Tourismus, nahm die Stadt Wolfratshausen die Tradition der „Johanni-Prozessionen" zu Wasser wieder auf. Ein beliebtes Wallfahrtsziel war auch das Gnadenbild der Muttergottes von St. Maria Thalkirchen im Münchner Süden. Ein Stück weiter oberhalb ist die letzte verbliebene der „Floßländen" in München zu sehen, wo Waren und Passagiere aus dem Voralpenland die bayerische Hauptstadt erreichten. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt sie als eine der größten in Europa.


Neu auf dem Büchermarkt:
Helga Lauterbach: Floßmeister und Flössereibräuche. Tradition und Geschichte an der Isar und Loisach, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2022, ISBN 978-3-7954-3699-5, 192 S. mit 41 farb. u. 37 s/w. Ill., 20,00 €

 

 

 

 

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