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18.03.2022 - GESCHICHTE

Ein Soldat, der zum Schriftsteller wurde

Vor 400 Jahren wurde Grimmelshausen geboren, der Verfasser des Simplicissimus

Josef Tutsch

 
 

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Marcus Bloß by Hans Galen in wikipedia


Die Dichter standen auf der Straße. Der Gasthof im Flecken Oesede bei Osnabrück, den sie angemietet hatten, war vom Stab eines schwedischen Kriegsrats beschlagnahmt worden. Da trafen noch weitere Teilnehmer ein, die zum Dichtertreffen wollten. „Es begleitete sie ein rotbärtiger Kerl, der sich Christoffel Gelnhausen nannte und dessen schlaksiger Jugendlichkeit [...] ein blattriges Gesicht widersprach." „Ihm unterstand ein Kommando kaiserlicher Reiter und Musketiere." Gelnhausen wusste Rat: In Telgte, einem „traulichen Städtchen" an der Straße nach Münster, könne er den verzweifelten Herren „Quartier machen".

„Christoffel Gelnhausen" - der Nachwelt besser bekannt als Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. In Günter Grass' Erzählung „Das Treffen in Telgte" von 1979 ist er noch nicht der Verfasser des „Abenteuerlichen Simplicissimus", sondern Soldat in einem kaiserlichen Regiment. Um 1622, vor nunmehr 400 Jahren, war Grimmelshausen im hessischen Gelnhausen als Sohn einer verarmten Adelsfamilie zur Welt gekommen, vielleicht wirklich am 17. März 1622, der als Geburtstag überliefert ist.

Ein Leben im Dreißigjährigen Krieg. Gelnhausen war eine protestantische Reichsstadt, auch Grimmelshausens Familie hing dem Protestantismus an. 1631, neun Jahre alt, soll er als Trossjunge im Heer der kaiserlichen Feldherrn Tilly und Pappenheim bei der Eroberung Magdeburgs dabei gewesen sein - wenn wir unterstellen, dass sich im Lebenslauf seines Romanhelden Simplicius Simplicissimus teilweise auch der des Verfassers widerspiegelt.

Ein „Evangelischer" in einem Heer, das für die „katholische" Sache kämpfte, wenigstens dieser Punkt ist tatsächlich autobiographisch. Vermutlich wurde Grimmelshausen als Kind zwangsrekrutiert. Spätestens 1639 diente er als Soldat, stieg bald zum Regimentssekretär auf. Irgendwann gegen Ende des Krieges muss Grimmelshausen dann zum Katholizismus konvertiert sein. 1649 wurde er in Offenburg nach katholischem Ritus getraut. Er trat eine zivile Karriere an: als Guts- und Burgvogt, als Gastwirt, schließlich als Schultheiß der Gemeinde Renchen in der Ortenau, im Gebiet des Fürstbischofs von Straßburg. Als 1673 sein Dienstherr den Krieg Frankreichs am Oberrhein unterstützte, wurde er nochmals zu den Waffen gerufen. 1676 starb er in Renchen.

Während seiner Schultheißentätigkeit verfasste und veröffentlichte er von 1660 an nicht weniger als dreizehn Romanbände. Heute gilt Grimmelshausen als der erste große Erzähler der neuzeitlichen deutschen Literatur. Zumindest ist er der früheste, dessen Werke noch von einem breiten Publikum gelesen werden. Ansonsten ist von der deutschsprachigen Literatur aus der Zeit zwischen Reformation und Aufklärung in der Hauptsache nur das eine oder andere Gedicht lebendig geblieben, vor allem manches Kirchenlied. Gelegentlich kommen auch die Dramen von Andreas Gryphius auf die Bühne.

Grimmelshausens Erstling war ein Roman nach dem Alten Testament, die „Anmutige und ausführliche Historie vom keuschen Joseph in Ägypten, Jakobs Sohn" - eine Legendenerzählung, die das Walten der göttlichen Vorsehung in der Geschichte demonstrieren sollte. Seine Soldatentätigkeit reflektierte der Autor hier nicht, vielmehr ging es um erotische Versuchung und moralische Bewährung. Und, insoweit wurde dieser Roman dann doch ein Stück weit politisch, um die Tugenden, die von einem „guten" Fürsten erwartet wurden.

1668/69 kam dann das Buch heraus, mit dem Grimmelshausen in die Weltliteratur einging, der „Abenteuerliche Simplicissimus". Der Verfasser zog es vor, sich nicht kenntlich zu machen, er nannte sich „German Schleifheim von Sulsfort" - ein Pseudonym, das Grimmelshausen durch Umstellung der Buchstaben in seinem echten Namen gebildet hatte.

Für seine Maskerade wird Grimmelshausen einen doppelten Grund gehabt haben. Erstens passte die realistische Erzählweise, realistisch bis zur Vulgarität, die er sich im „Simplicissimus" aneignete, schlecht zu den Erwartungen an einen Amtsträger. Und zweitens wollte er wohl auch der Gefahr ausweichen, mit Gegenwartsromanen zwischen die politischen Fronten zu geraten. Grimmelshausens Dienstherr, Bischof Franz Egon von Fürstenberg-Heiligenberg, galt als Vertreter der französischen Sache im Reich, stand also in Opposition zum habsburgischen Kaiser, in dessen Truppen der Autor gedient hatte.

Anders als Grimmelshausens Biographie es nahe gelegt hätte, wechselt die Hauptfigur des Romans, Melchior Sternfels von Fuchshaim, denn auch zwischen den Fronten - der Leser kommt nicht in die Versuchung, über längere Passagen die Perspektive der einen oder anderen Kriegspartei einzunehmen. Und auch die Hauptfigur selbst ist keineswegs von vornherein „gut". Das Kind Melchior ist unzweifelhaft Opfer: Gleich in der Eingangsszene plündert ein Trupp Soldaten einen Bauernhof, ermordet die Männer und schändet die Frauen. Der kleine Junge, der den Roman später als seine Lebensgeschichte erzählt, flieht in den Wald.

Doch der Erwachsene wird als Soldat auch zum Täter, er mordet und plündert. Der Germanist Volker Meid hat in seinem Buch über den Dreißigjährigen Krieg in der deutschen Barockliteratur von einer „Deformation" des Helden durch den Krieg gesprochen. Dieser Ausdruck setzt allerdings voraus, dass Grimmelshausen zunächst einmal ein optimistisches Menschenbild hatte. Vielleicht hing er, ungeachtet seiner Konversion zum Katholizismus, weiter der lutherischen Lehre von der grundsätzlichen Verderbtheit des Menschen an, wie sie das Kirchenlied formulierte: „Durch Adams Fall ist ganz verderbt menschlich Natur und Wesen."

Nach seiner Flucht hat der kleine Melchior zunächst bei einem frommen Eremiten Unterkunft gefunden, der ihm nicht nur das Beten beibringt, sondern auch Lesen und Schreiben. Weltkenntnis allerdings kann ihm der Einsiedler nicht vermitteln - der Beiname „Simplicius" bedeutet so viel wie „der Einfältige". Seine Frömmigkeit zerbricht denn auch sehr rasch in der Konfrontation mit der Realität. Er schlägt sich als Narr durch, dann als Soldat, Räuber und Händler, als Gigolo, Quacksalber und Alchemist.

Ein Leben, das von den wechselnden Launen der Göttin Fortuna gelenkt wird. Grimmelshausen orientierte sich an der Gattung des „Schelmenromans", die beim Publikum damals so ungeheuer populär war. Den Anfang hatte 1554 in Spanien der „Lazarillo von Tormes" gemacht, der die Gesellschaft satirisch „von unten" darstellte: Die moralischen Schwächen von Staat und Kirche, des Adels wie des Klerus, wurden schonungslos entlarvt - aber aus der Sicht eines Erzählers, der sich selbst mit höchst zweifelhaften Methoden durchs Leben schlagen musste.

In der Situation des großen Krieges ließ Grimmelshausen die beiden Gesichter seines „Helden" noch schärfer auseinander treten. Simplicius sehnt sich nach Frieden - und zugleich beteiligt er sich immer wieder ungehemmt an den Brutalitäten. Die Eindringlichkeit der Schilderung wird verstärkt durch den Umstand, dass diese Brutalitäten in distanziertem Berichtston, mit der allergrößten Sachlichkeit wiedergegeben werden: „Da lagen Köpfe, die ihre natürlichen Herren verloren hatten, und Leiber, denen die Köpfe fehlten. Da lagen abgeschossene Arme, an denen sich noch die Finger regten."

Der Gestus der Realitätsnähe, den Grimmelshausen in solchen Passagen an den Tag legte, hat gelegentlich dazu geführt, dass sein Roman als quasi dokumentarische Literatur missverstanden wurde. Zum Beispiel das Kapitel über die Schlacht von Wittstock in Brandenburg im Oktober 1636 - vielleicht war der Autor im Alter von 14 Jahren wirklich dabei. Der Ausdruck „Montage" wäre jedoch angemessener: Wie die Literaturhistoriker herausgefunden haben, verarbeitete Grimmelshausen eine Schlachtenschilderung aus dem englischen Roman „Arcadia" von Philip Sidney, 1590, und bereicherte sie durch Elemente und Vokabeln aus der eigenen Erfahrungswelt.

Und zwar mit einer solchen Sprachgewalt, dass kein unvorbereiteter Leser von fremden Quellen etwas bemerken wird. Früher wurde Grimmelshausen gern als „Volksschriftsteller" bewundert, auch mit polemischer Wendung gegen die „Klassiker" von Weimar. Inzwischen konnte nachgewiesen werden, dass der Autor des „Simplicissimus" neben seiner Tätigkeit als Soldat und Schultheiß eine Unmenge von Büchern gelesen haben muss. In seine eigenen Werke hat er viel aus den „Wissenschaften" seiner Zeit integriert, aus Astrologie und Alchemie.

1939 setzte sich Bertolt Brecht das Ziel, nach einer Vorlage von Grimmelshausen seine Sicht von der Geschichte als veränderungsbedürftig und veränderbar auf die Bühne zu bringen. In den Mittelpunkt seines Stücks stellte Brecht aber nicht Simplicissimus, sondern dessen weibliches Gegenstück aus dem späteren Roman „Trutz Simplex", die „Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche". Oder „Mutter Courage", wie sie bei Brecht genannt wird.

Grimmelshausen Leser werden die Marketenderin nicht nur als realistisch gezeichnete Person aufgefasst haben, sondern zugleich als Allegorie der Weltverfallenheit und der Erbsünde. Brecht machte aus ihr eine „Hyäne des Schlachtfelds" - an ihrer Figur sollte der Zuschauer oder Leser des Stücks lernen, was Kapitalismus bedeutet. Und dass Krieg die unvermeidliche Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist. Der Krieg als ein Geschäft, ein Geschäft mit dem Tod - Brecht konnte sich auf eine Stelle im „Simplicissimus" berufen:  „Gleichwie die Maurer und Zimmerleute den Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen, also verlangen andere, die sich im Frieden mit ihrer Handarbeit nicht zu ernähren getrauen, die Kontinuation des Kriegs, in selbigem zu stehlen."

Im Gegensatz zu Brecht hütete sich Grimmelshausen jedoch, solche entlarvenden Beobachtungen zu einer Philosophie der Geschichte zu generalisieren. Wenn man nach seiner Weltanschauung fragt, wird man am ehesten an den Schluss des „Simplicissimus" denken. Der Held zieht sich auf eine einsame Insel zurück. Nach seiner langen Irrfahrt findet er als Einsiedler zur Erlösung. Und zu sich selbst, indem er die Geschichte seiner Irrungen aufschreibt.

Bei der Nachwelt hat dieser Schluss ebenso viel Kritik auf sich gezogen, wie der Roman ansonsten bewundert wurde. In dieser Hinsicht ist uns das Barockzeitalter sehr fremd geworden. Damals galt das Erwachen aus den Illusionen, die das Leben antreiben, der „desengaño", um den spanischen Ausdruck zu nehmen, als lohnendes Ziel. Aber zum Aktivismus, der die Moderne seit der Aufklärung prägt, passt solche Enthaltung, solcher Verzicht auf Engagement, schlecht.

Mehr als drei Jahrhunderte nach Grimmelshausens Tod ließ Günter Grass seine Barockdichter sich in „littérature engagée" versuchen, wie ja auch er selbst sich immer wieder in die Politik einmischte. Bei dem Treffen soll ein Friedensaufruf formuliert werden, um dem großen Krieg ein Ende zu machen. Aber noch bevor das Treffen überhaupt beginnen kann, müssen die Dichter die eigentümliche Dialektik des politischen Engagements erfahren. Der „Rat", den Gelnhausen alias Grimmelshausen weiß, stellt sich als pure Gewalt heraus. Um den Literaten im „Brückenhof" in Telgte Quartier zu machen, werden zunächst einmal die Kaufleute, die dort logieren, vertrieben.

 

 

 

 

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