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11.03.2022 - GESCHICHTE

Welch kleines Land, welch grosse Geschichte

Vor 450 Jahren erschienen die Lusiaden, das portugiesische Nationalepos

Josef Tutsch

 
 

Denkmal der Entdeckungen in Belém
Bild: Georges Jansoone in Wikipedia


Für Besucher von Lissabon gehört der Vorort Belém zum Pflichtprogramm. Dort sind nicht nur der große Leuchtturm und das Hieronymitenkloster zu sehen, in dem Vasco da Gama, der Entdecker des Seewegs nach Indien, sein Grab fand, sondern seit 1960 auch das riesige "Denkmal der Entdeckungen". 33 Portugiesen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit sind dargestellt. Mitten in der Schar der Fürsten und Entdecker, Gelehrten und Missionare steht ein Mann mit einer großen Schriftrolle, auf der Verse zu lesen sind.

Es handelt sich um Luís de Camões, klären die Reiseführer auf. 1549 diente er als portugiesischer Soldat in Ceuta, von 1553 an in Goa, an der Malabarküste und in Macau. Als er 1570 nach Europa zurückkehrte, hatte er ein Manuskript im Gepäck, ein umfangreiches Gedicht nach dem Vorbild von Vergils "Aeneis", betitelt "Os Lusiades".

Der Name "Lusiaden" ist von Lusus oder Luso abgeleitet, dem sagenhaften Stammvater der Portugiesen. Am 12. März 1572, vor 450 Jahren, kam das portugiesische Nationalepos in Lissabon heraus. Fast 9.000 Verse, die von der Entdeckung des Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama erzählen. Heute tun wir uns schwer mit solchen Versepen. Kenner des Portugiesischen rühmen die Musikalität von Camões' Sprache. Der Übersetzer Hans-Joachim Schaeffer, der vor zwei Jahrzehnten eine neue deutsche Fassung vorgelegt hat, nannte die "Lusiaden" eine "Kette aus kostbaren Perlen". Aber das wissen wir kaum noch zu würdigen, da wir ja stumm lesen, also ohne die Lippen zu bewegen.

Vor allem jedoch: Die Form des Heldenepos ist uns fremd geworden. Dass es die Aufgabe des Dichters sein könnte, Helden und ihre großen Taten zu rühmen, will uns im "postheroischen" Zeitalter nicht mehr einleuchten. Dem 16. Jahrhundert war dieses "Rühmen" noch ganz selbstverständlich. Ludovico Ariosto dichtete seinen Gönnern aus dem Haus Este in Ferrara eine Abkunft von den Helden des Trojanischen Kriegs und im Umkreis Karls des Großen an. Torquato Tasso sah in der "Befreiung Jerusalems" im Ersten Kreuzzug einen idealen poetischen Gegenstand.

Bereits Ende des 15. Jahrhunderts war der Florentiner Humanist Angelo Poliziano auf die Idee gekommen, auch die Entdeckungsfahrten der Portugiesen nach Asien könnten den Stoff für ein großes Heldengedicht nach Art des Homer und des Vergil liefern. Entdeckungsfahrten, in denen es sowohl um die politischen und ökonomischen Interessen Portugals ging als auch um die Ausbreitung des Christentums.

Als Camões sich 1553 nach Indien einschiffte, wird ihm der Gedanke, ein solches Epos zu schreiben,noch ferngelegen haben. Am Hof in Lissabon hatte er mit Liebesgedichten im Stile Petrarcas auf sich aufmerksam gemacht. Und mit allerlei Ehrenhändeln - ob er bei einer tätlichen Auseinandersetzung um die Gunst einer Hofdame sein rechtes Auge verlor oder als Soldat bei einer Schlacht vor Ceuta in Marokko, ist unklar. Der Dienst in den fernöstlichen Kolonien wird für ihn eine Möglichkeit gewesen sein, dem Gefängnis zu entgehen.

Die zahllosen Zitate im Epos lassen jedoch darauf schließen, dass er auch als Kolonialsoldat Zugang zu Büchern hatte. Homer und Vergil, Horaz und Ovid, der Astronom Ptolemaios und der Philosophiehistoriker Diogenes Laertios, die Italiener Petrarca, Boccaccio, Ariost und Tasso, der Spanier Sannazaro und der Portugiese Sá de Miranda sowie Chroniken aus der portugiesischen Geschichte - es wird in den "Lusiaden" kaum eine Strophe geben, die ohne eine Anspielung auskäme.

Die ersten Zeilen der "Aeneis" kannte er sicherlich auswendig: "Von Waffen sing ich und von dem Mann, der aus Troja gen Italien flüchtete ...". Camões wandelte diesen Satz ab: Er wollte nicht von den Heldentaten eines einzelnen berichten, sondern von seinem ganzen Volk, von "kriegerischen, kühnen Heldenscharen, vom Westrand Lusitaniens ausgesandt"."Ich will die Taten rühmen mit Gesang des Volks, das Mars durch Kühnheit so erhöhte."

In Rückblicken thematisierte der Dichter neben der Entdeckung des Seeweges nach Indien die gesamte nationale Geschichte, angefangen bei jenem Stammvater Luso, der ein Kampfgefährte des Gottes Bacchus gewesen sein soll. Im Epos ist es jedoch ausgerechnet Bacchus, der Lusos Nachfahren bei ihrer Fahrt nach Indien alle möglichen Hindernisse in den Weg legt. Das Epos beginnt mit einer Versammlung der antiken Götter auf dem Olymp. Es gibt Streit: Bacchus befürchtet, die Portugiesen, die sich mit der Umrundung Afrikas gerade zu Herren der Weltmeere aufschwingen, könnten seinen Ruhm als Eroberer Indiens verdunkeln.

Venus und Mars dagegen schlagen sich auf die Seite der Portugiesen - vor allem, weil sie in ihnen die Tugenden der alten Römer wiedererkennen. Am Ende des Epos lässt die Göttin aus dem Indischen Ozean eine Insel aufsteigen, auf der die Helden von wunderschönen Nymphen für ihre ruhmreichen Taten den verdienten Lohn empfangen. Von einer Orgie unterscheidet sich die Szene nur durch den Umstand, dass diese Nymphen Göttinnen sind - das hält eine allegorische Interpretation offen.

Und mitten darin erklärt die Göttin Thetis in einer großen Ansprache an Vasco da Gama, die gesamte olympische Götterwelt, die das Geschehen in diesem Epos in Gang gesetzt hat, sei im Grunde nicht ernst zu nehmen: "Wir sind erhoben durch menschlichen Erfindungsgeist und Wahn, man braucht uns nur, um uns im Vers zu loben."

Ein Einfall, den man heute wohl "postmodern" nennen würde: Die erzählte Geschichte dementiert ihre eigenen Voraussetzungen. Vielleicht mehr noch als die Rühmung der großen Heldentaten ist es diese überschäumende Phantastik, die es uns schwer macht, in Camões' Werk einzutauchen - unsere Lesegewohnheiten stehen weitgehend noch in der Tradition des literarischen Realismus. Die Vorlage wird eine Stelle in Ariosts Epos vom "Rasenden Roland" geliefert haben. Dem Evangelisten Johannes legte Ariost dort die blasphemischen Worte in den Mund, er habe sein Evangelium in der Hauptsache geschrieben, um schriftstellerischen Ruhm zu erlangen.

Die Bibel - bloß ein poetisches Spiel? Von solchen Frivolitäten war Camões zwei Generationen später weit entfernt. In seinem Gedicht war ein Punkt von jeder relativierenden Ironie grundsätzlich ausgeschlossen: der christliche und katholische Glaube. "Die Lusiaden" verkünden in aller Selbstverständlichkeit den Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche gegenüber den "Heiden" wie gegenüber den "Ketzern".

Ohne Inkonsequenzen ging das Nebeneinander von christlichem Glauben und antiker Mythologie freilich nicht ab. Voltaire, der das Gedicht ansonsten auf das Höchste bewunderte, spottete 1728 in seiner Abhandlung über die epische Dichtkunst, die Idee, die Ausbreitung des Christentums über die Welt ausgerechnet auf das Wirken der heidnischen Liebesgöttin zurückzuführen, sei doch reichlich absurd.

Dabei hat Camões' Umgang mit der antiken Götterwelt durchaus seine ernsthafte Seite: Im Streit der Götter spiegelt sich die Vielheit verschiedener Perspektiven und Wertungen, die im Epos nebeneinander stehen. Immer wieder wird Portugals Expansion über die Weltmeere glorifiziert - man darf unterstellen, dass auch der Dichter selbst vom zivilisatorischen Auftrag seines Landes überzeugt war. Aber dann wird auch wieder die pure "Gier" der Portugiesen gegeißelt, ihr Verlangen nach "eitlem Ruhm". Es gibt Verse, die den Krieg gegen die Ungläubigen verherrlichen, und andere, die den Wert der Entdeckungsfahrten insgesamt in Frage stellen.

Beinahe wäre das unvollendete Epos verloren gegangen. Auf der Reise von Goa nach Macao erlitt Camões am Mekong Schiffbruch, nur mit Mühe konnte er sein Manuskript retten. Nach seiner Rückkehr an den Hof gelang es ihm, den jungen König Sebastian auf den Text aufmerksam zu machen. Sebastian veranlasste den Druck und gewährte Camões für seine militärischen Dienste einen kleinen Sold. Allerdings begrenzt auf drei Jahre, und ausgezahlt wurde er nur unregelmäßig. Angeblich musste der alternde Dichter den Sklaven, den er aus Java mitgebracht hatte, auf die Straße zum Betteln schicken. 1579 oder 1580 verstarb Camões im Alter von etwa 55 Jahren an der Pest.

Dass die große Zeit seines Landes zu diesem Zeitpunkt beinahe schon wieder vorbei war, konnte er nicht ahnen. 1578 war König Sebastian bei einer Schlacht in Marokko gefallen. Dass sein Leichnam niemals gefunden wurde, gab Anlass zu einer Legende vom verschwundenen und demnächst vielleicht wiederkommenden König. Die Regierung übernahm sein Großonkel, der "Kardinalkönig" Heinrich. Zwei Jahre später fiel Portugal mangels männlicher Thronerben aus dem Hause Avis durch Personalunion an die spanischen Habsburger.

Bald wurde das Land in den Niedergang des spanischen Imperiums hineingezogen. Als Portugal 60 Jahre später seine Unabhängigkeit wieder erlangte, war ein Großteil des Kolonialreiches verloren. Zu diesem Zeitpunkt galten "Die Lusiaden" längst als das spanische Nationalepos: Es half dabei, mit der Erinnerung an die "große" Vergangenheit die nationale Identität zu bewahren. Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten die Frühromantiker das Gedicht auch für Deutschland. "Sei, Camões, denn mein Vorbild!", dichtete Friedrich Schlegel. „Lass mich's wagen, des deutschen Ruhms Urkunde aus den Wogen empor zu halten, an die Rettung glaubend." Schlegel identifizierte die Situation Deutschlands im Zeitalter Napoleons mit jener Portugals nach dem Verlust der Unabhängigkeit.

Doch vor allem in Portugal entging der Dichter postum nicht der politischen Instrumentalisierung. Als 1880 der 300. Todestag anstand, befand sich die Monarchie in einer Krise. Ein Vers aus dem Epos wurde zum Geflügelten Wort und zum Inbegriff nationaler "Saudade": "Welch kleines Land und welche große Geschichte!" Man versuchte, Camões' Gebeine zu identifizieren, und setzte sie im Kloster von Belém bei, gleich neben dem leeren Grab Sebastians und der Urne von Vasco da Gama.

1933 erklärte Diktator António de Oliveira Salazar den Todestag des Dichters, den 10. Juni, unter dem Namen "Tag von Camões, Portugal und der portugiesischen Rasse" zum nationalen Feiertag. Dabei blieb es auch nach der "Nelkenrevolution" 1974, nur dass der Begriff der "Rasse", um biologistische Interpretationen abzuwehren, durch "portugiesische Gemeinschaften" ersetzt wurde, eine Entsprechung für das englische "Commonwealth".

Und an der Mündung des Tejo in den Atlantik steht das monumentale "Denkmal der Entdeckungen". Auf der Schriftrolle, die Camões ausbreitet, ist eine der 1.102 Strophen zu lesen. Selbstverständlich ließ Salazar eine besonders pathetische Stelle auswählen, mit dem Schlussvers: "Gäb es noch mehr an Welt, dort fasst es Boden!" "Es" - das Volk der Portugiesen. Der Diktator wollte zu äußersten Kraftanstrengungen auffordern, um die letzten verbliebenen Kolonien zu verteidigen. Aber im vierten Gesang des Epos erinnert ein weiser alter Mann an den unglücklichen Jünglings Phaeton, der einem antiken Mythos zufolge in frevlerischem Übermut den Sonnenwagen zu lenken versucht und eine kosmische Katastrophe verursacht. Und an Ikarus, der bei seinem Flugversuch der Sonne zu nahe kommt. Als seine Wachsflügel schmelzen, stürzt er ins Meer.


Auf dem Büchermarkt:

Luís de Camões: "Os Lusíadas - Die Lusiaden",
aus dem Portugiesischen von Hans-Joachim Schaeffer, bearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Rafael Arnold, Elfenbein Verlag,
4. Auflage, Berlin 2010, 656 S., ISBN 978-3-932245-28-2, 75,00 € [D], 77,40 € [A], 108,60 CHF

 

 

 

 

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