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04.03.2022 - REFORMATION

Lass dem Christen die freie Wahl

Vor 500 Jahren leitete das Zuercher Wurstessen die Reformation in der Schweiz ein

Josef Tutsch

 
 

Froschauers späteres Wohnhaus in der Zürcher Brunngasse
Bild: Adrian Michael/Wikipedia


Kann man sich das heute vorstellen - dass unser Speiseplan bei den Behörden aktenkundig wird und zu einer Untersuchung führt? Vor 500 Jahren stand es noch außer Frage, dass sich die „Obrigkeit" mit Fragen zu befassen hatte, die wir heute für strikt privat erklären würden. Im Haus des Druckers Christoph Froschauer in Zürich gab es am 9. März des Jahres 1522, dem ersten Fastensonntag, zunächst ein „Mus", also Gemüsebrei, sowie Hefegebäck ohne Ei, sogenannte „Fasnachts-Chüechli". Anschließend allerdings wurde den Gästen Wurst gereicht - den Berichten zufolge dünne Scheiben von scharfen, ein Jahr lang gelagerten Rauchwürsten.

Ein Verstoß gegen das kirchliche Fastengebot, wie es sich in der katholischen Kirche des Mittelalters ausgebildet hatte. In der Fastenzeit, also von Aschermittwoch bis Karsamstag, musste auf Fleisch und Eier sowie auch Geschlechtsverkehr verzichtet werden. In manchen Gegenden hatte es sich eingebürgert, dass die Sonntage von dieser Abstinenz ausgenommen waren, dafür begann die Fastenzeit sieben Tage früher. In anderen wie zum Beispiel in Zürich waren auch die Sonntage Fastentage.

In der Regel bekam die städtische Obrigkeit erst durch Denunziation davon Kenntnis, dass einer der Bürger gegen die Fastendisziplin verstoßen hatte. Bei jener Mahlzeit im Hause Froschauer war es anders. Niemand gab sich Mühe, den „Fehltritt" zu verbergen. Das „Wurstessen" am Fastensonntag 1522, vor 500 Jahren, sollte eine Demonstration sein. Und tatsächlich wurde es zum Fanal, mit dem die Reformation in der Schweiz an die Öffentlichkeit trat.

Anwesend waren mehrere Mitglieder der städtischen Oberschicht, auch zwei Geistliche, der „Leutpriester" am Großmünster von Zürich, Huldrych Zwingli, und sein Kollege Leo Jud aus Einsiedeln. Es war nicht der erste Fall dieser Art. Bereits am Aschermittwoch zuvor hatte der Bäcker Heini Aberli im Zunfthaus „Zum Weggen" öffentlich einen Braten verspeist und damit eine Maßregelung herausgefordert.

Der Rat musste befürchten, die Stadt könnte überregional als ein Zentrum von Aufrührern bekannt werden, und ordnete eine Untersuchung an. Es war unübersehbar, dass Zwingli auf ähnliche Lehren hinauswollte, wie sie auch der Wittenberger Mönch Martin Luther vertrat - Luther, den Papst Leo X. im Januar 1521, also gut ein Jahr zuvor, exkommuniziert hatte. Dessen Position, in theologischen Fragen sei einzig und allein der Wortlaut der Bibel entscheidend und nicht die kirchliche Tradition, stellte die Autorität von Papst, Bischöfen und Konzilien in Frage.

Vielleicht waren die „Fastenbrecher" in Zürich von ihrer eigenen Provokation im Nachhinein erschreckt, jedenfalls waren sie in ihren Stellungnahmen um Mäßigung bemüht. Froschauer versuchte, sich darauf hinauszureden, zur Frankfurter Buchmesse hätte er in den Tagen zuvor hart arbeiten müssen, ein Buch des berühmten Gelehrten Erasmus von Rotterdam habe zur Buchmesse geliefert werden müssen. Da wären er und seine Mitarbeiter bloß vom „Mus" nicht satt geworden. Fisch, die erlaubte Alternative zum verbotenen Fleisch, sei auf dem Zürcher Markt leider nicht erhältlich gewesen.

Zwingli, der als Initiator der Aktion verdächtigt wurde, beteuerte, er sei bei dem „Wurstessen" zwar zugegen gewesen, habe selbst jedoch gar nicht mitgegessen. Damit hätte die Sache ihr Bewenden haben können. Aber am 7. April 1522 traf in Konstanz eine Delegation des Bischofs von Konstanz ein, dem die Stadt kirchlich unterstellt war, und verlangte, dass die Fastenbrecher bestraft würden. Der Große Rat sah sich unter Druck gesetzt: durch den Bischof einerseits, durch jene Teile des gehobenen Bürgertums, die mit der „neuen" Lehre sympathisierten, andererseits.

Aber statt die Fastenbrecher unverzüglich zur Rechenschaft zu ziehen, setzte er Verhandlungen an: Zwingli erhielt Gelegenheit, den Bruch mit der „alten" Theologie zu begründen. Und dieser Bruch machte Schule. Kurz darauf, noch während der Fastenzeit, veranstalteten Anhänger der Reformation in Basel, um einiges aufwendiger als in Zürich, ein Spanferkelessen. Am 16. April 1522 verlas Zwingli von der Kanzel des Großmünsters herab eine Predigt: „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen". Das Fleischverbot sei nicht in der Bibel begründet, sondern eine Erfindung der Kirchenoberen. „Willst du gerne fasten, dann tue es! Willst du auf Fleisch verzichten, dann iss auch kein Fleisch! Lass aber dabei dem Christen die freie Wahl!" Die Kirchenoberen hätten keine Vollmacht, solche Vorschriften zu erlassen. Nach Konstanz sandte Zwingli ein Schreiben, in dem er erklärte, er sei „mit Gott fest entschlossen, das Evangelium ohne Unterlass zu predigen". Den Bischof bat er darum, das Zölibat der Priester aufzuheben: Auch diese Verpflichtung sei nicht aus der Bibel abzuleiten.

Bereits zum folgenden Gründonnerstag brachte Froschauer die Predigt im Druck heraus. In Zürich kam es zu Straßentumulten. Anhänger und Gegner des Fastenbrauchs lieferten einander Prügeleien. Im Januar 1523 veranstaltete der Große Rat eine Disputation - mit sich selbst als Schiedsrichter; die Reformation war in dieser Phase ein Stück weit auch darauf hinaus, dass Befugnisse der Kirche auf die weltlichen Behörden übertragen wurden. Die Abgesandten des Bischofs führten die Autorität des Papstes und der Konzilien an, Zwingli setzte die alleinige Autorität der Bibel dagegen. Am Ende erkannte der Rat ihm den Sieg zu. Alle Fastengebote wurden aufgehoben. In den folgenden Monaten wurden die Zürcher Kirchen von den katholischen Bildern „gereinigt", die Klöster aufgelöst, die Kirchenverfassung und die Liturgie „reformiert".

Aber am Anfang der Reformation in der Schweiz stand das „Wurstessen". Anders als beim Thesenanschlag in Wittenberg ist sogar gesichert, dass es wirklich stattgefunden hat. Bis heute ist unter den Historikern umstritten, ob Martin Luther vor Allerheiligen des Jahres 1517 seine 95 Thesen über den Ablass nicht nur an Kollegen verschickt, sondern auch an das Portal der Schlosskirche angenagelt hat. Dass diese Tür als „Schwarzes Brett" der Universität genutzt wurde, ist erst viel später belegt. Im frühen 16. Jahrhundert strömten vor Allerheiligen große Menschenmengen durch dieses Portal, um der berühmten Reliquiensammlung des sächsischen Kurfürsten in der Kirche nahe zu sein. Schwer vorstellbar, dass jemand im Eingang stehen bleiben konnte, um 95 Thesen in lateinischer Sprache zu studieren.

Es könnte durchaus sein, dass die Geschichte vom Thesenanschlag in Wittenberg erst als Reaktion auf das Zürcher Wurstessen entstand - als ein ebenso demonstrativer Akt, der mit seinen Hammerschlägen aber noch spektakulärer war. Die Jahre bis zu Zwinglis Tod 1531 waren nicht nur von Kämpfen zwischen der „alten" und der „neuen" Theologie geprägt, sondern ebenso von der Konkurrenz zwischen den beiden Reformatoren. Ein Gespräch zwischen Luther und Zwingli 1529 in Marburg endete in offenem Dissens. Der Legende zufolge zerschnitt Luther das Tischtuch mit einem Messer.

Wie auch immer - in dem Punkt, dass das Fasten keinerlei Heilsbedeutung habe und deshalb der Entscheidung jedes einzelnen zu überlassen sei, waren sich die Reformatoren einig. Und diese Position zog Konsequenzen über die Theologie hinaus nach sich, die weder Luther noch Zwingli beabsichtigt hatten: Die Grenzen zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre wurden neu gezogen, es wurde selbstverständlich, dass die Küche strikt „privat" ist, dem staatlichen Eingriff strikt entzogen.

 

 

 

 

 

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