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26.02.2022 - BRAUCHTUM

Tanz der Marktweiber, antiker Maskenzug, Verbrennung der Strohpuppen

Auch der Fasching in Muenchen und Bayern zieht ein Massenpublikum an

Josef Tutsch

 
 

Tanz der Marktweiber, Viktualienmarkt München 2018 - Bild: Wzwz in wikipedia


Am Vormittag des Fastnachtsdienstags, zwischen all den närrischen Veranstaltungen am Rhein und in Schwaben, richtet sich das Auge der Karnevalisten auch auf München. Bereits am frühen Morgen ist auf dem Viktualienmarkt im Schatten der Peters- und der Heilig-Geist-Kirche kein Stehplatz mehr frei - jedenfalls nicht in „normalen" Jahren, also wenn keine Coronamaßnahmen entgegenstehen. Vor den Obst-, Gemüse-, Brot- und Fleischständen wird getanzt, am liebsten in einer Aufmachung, die den angebotenen Waren nachgebildet ist, als „Brezen" oder „Radi" oder wie auch immer. Natürlich auch in der bayerischen Nationaltracht: die Frauen im Dirndl, die Männer in Lederhosen. Inzwischen mischt sich manches Kostüm darunter, das aus anderen Karnevalskulturen „importiert" ist.

Kurz nach 11 steigen zwölf der „Marktweiber" oder „Marktfrauen" auf die Bühne und führen dem Publikum in phantastischen Gewändern ihr Tanzprogramm vor. Da mitzumachen ist für jeden Oberbürgermeister der Stadt eine der wichtigsten Aufgaben des ganzen Jahres, neben dem Fassanstich auf dem Oktoberfest. Von diesem Tanz der Marktweiber abgesehen, kann der Fasching in München mit den gleichzeitigen Straßenveranstaltung am Rhein oder in Schwaben allerdings schwer mithalten. Nicht dass München tot wäre, wenn anderswo die „tollen Tage" gefeiert werden. Einige Straßen im Stadtzentrum verwandeln sich für die letzten Tage vor Aschermittwoch sogar in eine riesige Festmeile.

Aber in der Hauptsache sind es Maskenbälle in Hotels und Kulturinstitutionen, die den Münchner Fasching prägen. Manche dieser Bälle gehen wie die Veranstaltungen des Rheinischen Karnevals oder der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht bis auf das 19. Jahrhundert zurück. Damals bemühten sich dort die Traditionspfleger, das Brauchtum wiederzubeleben, das im späten Mittelalter an den letzten Tagen vor der Fastenzeit begangen wurde. Ein der Intention nach frommes Brauchtum, das im Ergebnis jedoch eine Art Stippvisite bei der sündigen Welt war - bevor mit dem Aschermittwoch mit dem Fasten die Vorbereitung auf Ostern, das Fest der Erlösung, begann. „Die Kirche", erklärte im späten 15. Jahrhundert der Franziskanermönch Geiler von Kaysersberg in einer Predigt, „erlaubt eine ehrliche Wolllustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seien, das heilige Fasten zu halten."

In den protestantischen Gebieten wurden das Fasten und die Fastnacht durch die Reformation gänzlich beseitigt, auch in katholischen Regionen kamen im Laufe der frühen Neuzeit viele der volkstümlichen Bräuche zum Erliegen. Bis die Romantiker um 1800 den Charme der alten Volkskultur wiederentdeckten. In den 1820er Jahren reorganisierten die Kölner Narren ihren Karneval mit dem großen „Zoch". Einige Jahrzehnte später entstanden in vielen schwäbischen Städten Vereine, die an die alte Fasnachtskultur anknüpften und seitdem Jahr für Jahr in den Tagen vor Aschermittwoch ihren Ort in ein großes Narrenhaus verwandeln.

Am südlichen Bayern ging dieses „Revival" des Straßenkarnevals jedoch weitgehend vorbei. Man darf vermuten, gerade deshalb, weil in dieser Region ohnehin altes Brauchtum lebendiger geblieben war als anderswo. Oft ist im Nachhinein gar nicht mehr zu klären, inwieweit es sich um Fastnachts- oder vielmehr um Frühlingsbräuche handelt, die symbolisch den Winter austreiben sollten und mit dem Kirchenjahr ursprünglich vielleicht gar nichts zu tun hatten, nur eben mit dem Beginn der Fastenzeit zusammenfielen. In Mittenwald laufen schaurig maskierte Gestalten durch die Straßen - wahrscheinlich um die bösen Geister mit ihren eigenen Mitteln zu erschrecken. Am Karwendelgebirge machen zum selben Zweck die „Schellenrührer" mit Kuhglocken einen ohrenbetäubenden Lärm. An vielen Orten in ganz Süddeutschland werden „Strohbären" verbrannt. Beim „Hemadlenzug" in Dorfen unweit von Erding wird eine Strohpuppe unter viel Getöse an einem Galgen aufgehängt. Die Teilnehmer der Zeremonie tragen weiße Unterwäsche und Nachthemden.

Meinen die Strohpuppen den Winter, der langsam zu Ende geht - oder vielmehr, wie der Freiburger Ethnologe Werner Mezger meint, die sündige Welt, von der wir mit dem Aschermittwoch Abschied nehmen sollen? In Kipfenberg im Altmühltal schnalzt der „Fasenickl", eine Figur im Fleckenkostüm, an diesen Tagen immer wieder mit seiner Peitsche. Die Figur ist seit der Barockzeit belegt. Auch bei dem Fleckengewand könnte es sich, so der Münchner Brauchtumsforscher Dietz-Rüdiger Moser, um eine Verbildlichung der Sünde handeln - da wir mit unseren Verfehlungen ja unsere Seele „beflecken".

Der „Schäfflertanz" in München, eine Veranstaltung der Schäffler- oder Fassherstellerzunft, kam spätestens 1702 auf. Oder lebte hier sogar, von der „Hochkultur" kaum beachtet und deshalb auch nur spärlich dokumentiert,  ein volkstümlicher Brauch aus dem Mittelalter fort? Damals organisierten die Zünfte den Karneval. Der älteste literarische Beleg für Karnevalsfeiern stammt übrigens nicht etwa vom Rhein oder aus Schwaben, sondern aus dem Grenzgebiet zwischen Altbayern und Franken. 1206 erzählte Wolfram von Eschenbach in seinem „Parzifal" von Spielen und Tänzen, die bei der Burg der Grafen von Hirschberg-Dollnstein im Altmühltal abgehalten wurden, am Donnerstag vor Aschermittwoch, heute als „Weiberfastnacht" oder als „Schmotziger Donnerstag" bekannt.

Sechs Jahrhunderte später fand in München der Straßenkarneval, den Brauchtumspfleger wiederbeleben wollten, offenbar recht wenig Interesse. 1910 warben die Veranstalter eines Faschingsumzugs mit folgendem Aushang: „An die verehrlichen Zuschauer! Es ist gestattet zu lachen. Der Zug darf mit frohen Zurufen begrüßt werden. Es ist nicht nötig, eine Leichenbittermiene zu machen." Etwa zur selben Zeit scheint auch der Tanz auf dem Viktualienmarkt aufgekommen zu sein. In organisierter Form wird er erst seit den 1950er Jahren abgehalten.

Ansonsten findet der Fasching in München vor allem in Ballsälen statt, oft mit der Pflicht für die Besucher, in Kostüm und Maske zu erscheinen. Zum Beispiel der Ball im „Deutschen Theater" in der Schwanthalerstraße seit 1897. Legendär waren um 1900 auch die Feste im Künstlerhaus am Lenbachplatz. Es war die sogenannte „Prinzregentenzeit", als die Residenzstadt der Wittelsbacher, von jener der Hohenzollern politisch auf den zweiten Rang verwiesen, eifrig bestrebt war, noch vor Berlin zur Kulturmetropole Deutschlands zu werden. „München leuchtete", brachte Thomas Mann 1902 in seiner Novelle „Gladius Dei" den Geist der Epoche ironisch auf den Punkt: „Der Himmel ist von blauer Seide, die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt, kurz: München leuchtete."

Und zu diesem „Leuchten" gehörten eben auch rauschende Kostümfeste, in Adel und Bürgertum wie in der Künstlerszene, die sich damals in Schwabing ansiedelte. Im Februar 1903, so erzählte es einige Jahre später die Schriftstellerin Franziska von Reventlow nur leicht verschlüsselt in ihrem Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen", fand in der Wohnung des Dichters Karl Wolfskehl in der Leopoldstraße ein „antiker" Maskenzug statt. Wolfskehl selbst trat als Gott Dionysos auf, mit Weinlaubkranz und goldenem Stab, sein Dichterfreund Stefan George als Caesar, andere Teilnehmer waren als Persephone oder als Hermes oder als römische Matrone kostümiert.

Eine Mischung von Kritik der Gegenwartskultur und überschäumender Lebensfreude, Traditionspflege und Irrationalismus. Gerüchte wollten wissen, auf diesen Bällen könne die Verkleidung auch schon mal zur Entkleidung werden - eine Sitte, die sich heute, ohne viel intellektuelle Ambitionen, im berühmten „Schabernackt" fortsetzt. Auf diesem Ball ist fast jedes Kostüm erlaubt, nur die primären Geschlechtsmerkmale müssen bedeckt sein, irgendwie.

„Es lag viel heidnischer Glanz und Schimmer über dieser Nacht", heißt es in Reventlows Schlüsselroman zu jenem Künstlerfest im Hause Wolfskehl, „bei einigen war es vielleicht nur allgemeine frohe Feststimmung, bei anderen wohl auch eine tiefe Entrücktheit aus der heutigen Welt." Das Wort „heidnisch" war nicht bloß eine Floskel. Im 16. Jahrhundert hatten protestantische Theologen, da sie ja den religiösen Wert des Fastens in Abrede stellten, die Fastnachtsbräuche als Relikte alten Heidentums gebrandmarkt - wie ja die Vorstellung, mit Karneval und Fastnacht würden Sitten aus vorchristlicher Zeit fröhliche Urstände feiern, bis heute ihre Anhänger findet.

Daran orientierten sich auch jene Schwabinger Künstler und Intellektuellen, als sie in ihren Faschingsfesten altes Heidentum wiederzubeleben versuchten. Ende 1903 zerbrach der Kreis um Wolfskehl über der Frage, wie es eigentlich zum Ende der mit so viel Nostalgie betrachteten antiken, vorchristlichen Kultur gekommen sei. Der Philosoph Ludwig Klages, bis heute als Pionier der Graphologie bekannt, und der „Visionär" Alfred Schuler kamen zu dem Schluss: durch den verderblichen Einfluss der Juden. Von Stefan George, der als eine Art Übervater des Kreises verehrt wurde, forderten sie ultimativ, sich von Wolfskehl und anderen Juden in seiner Umgebung zu trennen. George verweigerte sich diesem Ansinnen.

Aber es waren nicht nur Teile der Faschingskultur damals, die sich in die Vorgeschichte dessen einreihten, was man zwei Jahrzehnte später „Faschismus" nannte. In Thomas Manns „Gladius Dei" tritt ein religiöser Fanatiker auf, der den Unernst dieser Münchner Kulturszene mit Feuer und Schwert bekämpfen will, „irr und ekstatisch", wie es in der Novelle heißt. Der „Jüngling" Hieronymus ist schon vom Namen her als Wiedergeburt des Dominikanermönchs Girolamo Savonarola zu erkennen, der 1497 in Florenz in einem großen „Fegefeuer der Eitelkeiten" die allzu weltliche Kultur der Frührenaissance in Flammen aufgehen ließ.

Im München der Prinzregentenzeit erregt sich Hieronymus über ein Madonnenbild, das ihm nicht fromm, sondern vielmehr frivol vorkommt: „Dieses Gebilde ist aus Sinnenlust entstanden und wird in Sinnenlust genossen." Es sei „das Laster selbst, das ein Mensch dort gemalt hat ... die entblößte Wolllust!" Fünf Jahre nach „Gladius Dei" brachte Mann in seinem Drama „Fiorenza" statt seiner Wahlheimat München das imaginäre Vorbild, das Florenz des 15. Jahrhunderts, auf die Bühne. Vielleicht kannte er aus Reproduktionen sogar das Gemälde von Pieter Bruegel d. Ä., entstanden um 1559, das im Wiener Kunsthistorischen Museum hängt und den „Kampf zwischen Fasching und Fasten" darstellt.

Der Sieger in diesem Kampf steht von vornherein fest: Auf den Fasching folgen unweigerlich der Aschermittwoch und die Fastenzeit, jedenfalls in der Logik des Kirchenjahrs. In Thomas Manns Drama versucht Lorenzo de' Medici, der Machthaber von Florenz, aus dieser Logik auszubrechen: „Der Karneval!", begeistert er sich noch im Todeskampf, „das ewige Fest!" „Wenn die Lust sich reißend ergoss und die Schranken des Alltags überschäumte, wenn der Wein in den Gassen schwamm und das Volk auf den Plätzen beim Tanz die Lieder jauchzte, die ich gedichtet ..."

Doch am Ende triumphiert sein Gegenspieler, der Bußprediger Savonarola: „Ich liebe das Feuer." Das Feuer - ein uraltes Symbol nicht nur der Zerstörung, sondern auch der Reinigung. Auf Bruegels Bild ist ein brennender Reisighaufen dargestellt. Wenn der Kampf entschieden ist, darf der Betrachter sich denken, wird die Fastnachtswelt darauf in Flammen aufgehen. Wie an so vielen Orten in Süddeutschland bis heute zum Karneval Strohpuppen verbrannt werden.

 

 

 

 

 

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