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24.02.2022 - EMISSIONSGESCHICHTEN

Ein Loch ist im Eimer, Karl-Otto, Karl-Otto...

Norwegen will CO2 in eine ausgefoerderte Erdgas-Lagerstaette in der Nordsee verpressen

Christfried Lenz

 
 

An der Demo 2012 gegen CCS vor dem Roten Rathaus in Berlin beteiligten sich auch die Damen des Neptunbrunnens. Foto: Christfried Lenz


Ab 2024 will Norwegen große Mengen CO2 - insbesondere aus industriellen Quellen - 100 km vor der Küste und 3 km unter der Nordsee in eine ausgeförderte Erdgas-Lagerstätte verpressen, wie die taz am 16.01.22  unter dem Titel „Norwegens Endlager für Kohlendioxid - Der nächste Bodenschatz" meldete. Das Vorhaben eignet sich für wunderschöne Narrative: 50 Jahre lange hat Norwegen von der Gasförderung profitiert. Nun vervollständigt es seinen Service, indem es das unerwünschte Verbrennungsprodukt CO2 zurück nimmt und entsorgt. Scheinbar schließt sich ein Kreis.

Die technische Infrastruktur für Transport und „Injektion" des CO2 befindet sich - technisch hochwertig - im Aufbau. In den Bildern ausgeblendet wird allerdings die Frage der Dichtigkeit der „Speicher" genannten geologischen Strukturen. Die Befüllungstechnik ist ausgereift, aber ob die Gasflasche Löcher hat, interessiert nicht? - Klingt nach Schildbürgerstreich - und ist es auch! Denn die sogenannten geologischen Speicher haben definitiv Löcher: die Bohrungen, durch welche Erdgas hochgeholt wurde. So teilte das Kieler Leibniz-Institut GEOMAR am 14.05.2019 mit: In den letzten Jahrzehnten wurden ... mehr als 10.000 [Greenpeace: 15.000] Bohrungen in den Meeresboden der Nordsee niedergebracht, um Öl und Gas zu fördern. An vielen dieser Bohrlöcher tritt Methangas [...] aus, da die umgebenden Sedimente während des Bohrprozesses mechanisch gestört und geschwächt wurden. Kohlendioxid, das in der Nähe solcher Bohrlöcher gespeichert wird, könnte die Speicherformationen ebenfalls verlassen, ins Meerwasser entweichen und schließlich in die Atmosphäre zurückkehren."

Das ist der grundlegende Pferdefuß der ganzen geologischen CO2-Speicherung: die „Speicher" sind nicht dicht und können es auch gar nicht sein. In den 46 Paragraphen des deutschen CCS-Gesetzes kommen die Begriffe „Leckagen und erhebliche Unregelmäßigkeiten" mindestens 20 Mal vor. Der Referentenentwurf verdeutlichte: „Die Leckagedefinition erfüllt sowohl geringfügige ‚schleichende' Leckagen als auch plötzlich auftretende große Leckagen". Das Gesetz verlangt, diese unverzüglich zu beseitigen. Wie das technisch realisierbar sein soll, wird nicht gesagt.

Wie könnte es auch! Am 21. November 1990 wurde 200 km vor der Küste Schottlands versehentlich eine Methanblase angebohrt. Seit nunmehr 32 Jahren entweichen dort pro Sekunde 1.000 Liter Methan. Vermutlich wegen Aussichtslosigkeit hat man nicht einmal versucht, die Öffnung abzudichten oder zu verkleinern. Man beruhigt sich damit, dass das Methan aus dem Blowout nur einen Anteil von 1% des insgesamt unter der Nordsee aus undichten Bohrlöchern und natürlichen Wegsamkeiten entweichenden Methans ausmachen würde. - „Beste Voraussetzungen" für dauerhafte CO2-Speicherung, oder? - Siehe hierzu auch das International Journal of Greenhouse Gas Control vom September 2020.

Die CCS-Lobby selbst hebt das Thema „Leckagen" hervor: Nach der von ihr initiierten und am 14.01.2014 vom EU-Parlament verabschiedeten CCS-Resolution, soll der Betreiber im Fall von Leckagen keine CO2-Zertifikate zurückgeben müssen, da er durch seine „kostenintensiven Abhilfebemühungen" schon genug benachteiligt sei und andernfalls das Interesse an CCS-Projekten schwinden könnte. Um mit der Problematik möglichst nichts zu tun zu bekommen, soll die Haftung für gefüllte CO2-Speicher frühzeitig auf den Staat, der sie genehmigt hat, abgeschoben werden.

Wer diese Region beherrscht, beherrscht die Welt,
so Zbigniew Brzezinski - Grafik: Vardion, Simon,
BlankMap-World gray.svg in Wikipedia


Weil mit Leckagen sicher zu rechnen ist, wurde die CO2-Speicherung an Land abgeblasen. Hier wäre nämlich die Wahrheit im wahrsten Sinn des Wortes herausgekommen: Die Bevölkerung hätte nicht nur mitbekommen, dass Grundwasser kontaminiert wird, sondern auch, dass das unsichtbare und geruchlose CO2, schon bei Konzentrationen im Prozentbereich, schwerer als Luft sich in Senken sammelt und zum Ersticken führen kann. Indem man aufs Meer ausweicht, schafft man sich diese Probleme vom Hals. Denn welche Bürgerinitiative könnte herausfinden, wo aus dem Meeresgrund CO2 hervorblubbert, geschweige denn Demonstrationen auf See organisieren?

Das Motiv, das den norwegischen Staat treibt und veranlasst, das CCS-Projekt zu 80% zu finanzieren, dürfte an erster Stelle denn auch nicht Klimaschutz, sondern pekuniärer Art sein: zurückgehende Gewinne aus dem Gasgeschäft sollen durch Einnahmen aus der CO2-Verpressung kompensiert werden. Hierfür ist es natürlich bedeutungslos, ob das CO2 dauerhaft im Untergrund verbleibt, oder die Verpressung nur einen Umweg in die Atmosphäre darstellt. Auch peilt man in Norwegen schon die Möglichkeit an, die CO2-Verpressung als Feigenblatt für eine längerfristige Fortsetzung der Öl- und Gasförderung zu benutzen.

Auch in dänischen Gewässern wird ein CO2-Verpressungsprojekt geplant. Angestoßen von der „Bürgerinitiative gegen CO2-Endlager e.V." hat die Landesregierung Schleswig-Holstein den Nachbarstaat darauf hingewiesen, dass es hierfür einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) bedarf, an der Schleswig-Holstein zu beteiligen sei. Dem will Dänemark nachkommen. Man kann nur hoffen, dass hierbei der Tatsache, dass sich das mit hohem Druck verpresste CO2 über viele Kilometer in alle Richtungen ausbreitet und mit hoher Wahrscheinlichkeit genügend Wegsamkeiten nach oben findet, Rechnung getragen wird.

Wie CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden kann

Die Wiederherstellung eines gesunden Klimas auf der Erde erfordert nicht nur den Stopp der Treibhausgas-Emissionen, sondern auch eine Minderung des bereits viel zu hohen CO2-Gehaltes der Luft. Technische Rückholmaßnahmen sind mit ungeheurem Aufwand an Energie und Material verbunden und bieten als Endstation für das CO2 meist besagte „geologische Speicherung" an. Dabei könnte man die Arbeit der natürlichen Photosynthese mit ihren vielfältigen positiven Begleiterscheinungen überlassen. Man sucht nach Möglichkeiten, CO2 für die Herstellung sinnvoller Materialien zu nutzen.

Das sinnvollste Material, das in Verbindung mit CO2 hergestellt werden kann - und das auch noch ohne menschliche Arbeit -  dürfte das Holz sein!  Wie seine Einsatzmöglichkeiten als Baumaterial in den letzten Jahren erweitert wurden, führt das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in dem Artikel „Gebäude können zu einer globalen CO2-Senke werden mit dem Baustoff Holz statt Zement und Stahl" aus. 

Am Ende der Holznutzung muss darauf geachtet werden, dass der in ihm eingelagerte Kohlenstoff durch Verbrennung oder Verrottung nicht wieder als CO2 in die Atmosphäre gelangt. Wie Prof. Fritz Scholz (Universität Greifswald) bereits 2008 aufgezeigt hat, ist dies   dadurch vermeidbar, dass das ausgediente Holz dauerhaft unter Luftabschluss, also unterirdisch, gelagert wird. Hierfür bieten sich beispielsweise stillgelegte Tagebaue und Bergwerke an.  In langen Zeiträumen verwandelt sich dort das Holz in Kohle. Gewissermaßen geben wir der Erde zurück, was wir ihr entnommen haben - besser als an der „Strategischen Ellipse" Krieg um noch mehr fossile Brennstoffe und noch mehr Treibhausgas zu führen - oder?

 

 

 

 

 

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