Kontrovers
Wissenschaft
Politik
Wirtschaft
Kultur
Medien
Kontakt
archiv
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
magazin

18.02.2022 - GESCHICHTE

Jeder muss doch etwas bekommen

Vor 250 Jahren vereinbarten Russland und Preussen die Erste Teilung Polens

Josef Tutsch

 
 

Wappen der polnisch-litauischen Union
von 1569 - 1795


Wehe, wenn die Mächtigen dieser Welt zu scherzen belieben ... Im Winter 1770/71 weilte Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Friedrichs des Großen, zu Gesprächen am Zarenhof in St. Petersburg. Die Unterhaltung kam auf die „Zipser Städte" in der heutigen Slowakei, die Österreich 1769 annektiert hatte. Im 15. Jahrhundert waren sie als Pfand vom Königreich Ungarn an Polen abgetreten worden und später nicht ausgelöst worden. Nun hatte Österreich sie mit Gewalt zurückgeholt.

Da könnten sich doch auch andere etwas „wegnehmen", meinte Zarin Katharina. Zum Beispiel das Fürstbistum Ermland, eine polnische Enklave mitten in Ostpreußen: „Schließlich muss doch jeder etwas bekommen!" Jeder - außer solchen Staaten, die in der internationalen Politik nur noch als Spielobjekt anderer in Betracht kamen. 1764 hatte die Zarin es verstanden, durch Bestechung von Abgeordneten im Sejm und durch militärischen Druck ihren Günstling Stanislaw August Poniatowski zum polnischen König wählen zu lassen. Faktisch regierte sie über ihren Gesandten in der „Königlichen Republik der Polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen" mit.

Ein Jahr nach Heinrichs Besuch war es soweit. Am 17. Februar 1772, vor 250 Jahren, vereinbarten Russland und Preußen die „Erste Teilung Polens". Russland annektierte weite Grenzgebiete auf dem Territorium der heutigen Staaten Lettland, Weißrussland und Ukraine. Preußen eignete sich das Ermland und das sogenannte „Westpreußen" an, also die Landbrücke zwischen Pommern und dem ehemaligen Deutschordensstaat, allerdings noch ohne die Stadt Danzig. Österreich wurde zum Beitritt aufgefordert und erhielt, als der am 4. März erfolgte, Gebiete im Süden Polens und im Südwesten der Ukraine.

Es war der Beginn eines Prozesses, der in einem Vierteljahrhundert zur vollständigen Tilgung des polnischen Staates von der Landkarte führte. Im Januar 1793 vereinbarten Russland und Preußen, diesmal ohne Österreich, die Annexion weiterer Gebiete. Der Reststaat durfte noch zwei Jahre lang bestehen bleiben. Es kam zu einem bewaffneten Aufstand, den russische und preußische Truppen niederschlugen. Das brachte den erwünschten Vorwand, um auch diesem Rest sein Ende zu bereiten. 1795 verständigten sich Russland, Österreich und Preußen auf die „Dritte Teilung". Die altehrwürdige „Königliche Republik der Polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen" war ausgelöscht.

Die folgenden anderthalb Jahrhunderte wurden eine lange Folge von vorübergehenden, oft bloß scheinhaften Wiederauferstehungen des polnischen Staates und neuen Auslöschungen. 1807 formte Napoleon aus jenen Gebieten, die in der zweiten und dritten Teilung an Preußen und Österreich gefallen waren, ein „Herzogtum Warschau". Es stand in Personalunion mit dem Königreich Sachsen und wurde faktisch vom französischen Botschafter regiert. 1815 installierte der Wiener Kongress auf demselben Territorium ein „Königreich Polen". Formal war es mit Russland bloß in Personalunion verbunden, wurde jedoch de facto von Moskau aus regiert. Nach zwei großen Aufständen wurde Polen in den russischen Gesamtstaat eingegliedert.

Im Ersten Weltkrieg riefen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn ein „Regentschaftskönigreich Polen", das an ihrer Seite gegen Russland kämpfen sollte. 1918 wurde es durch eine tatsächlich unabhängige Republik Polen abgelöst. In einem Krieg gegen die Sowjetunion konnte sie weite Teile jener weißrussischen und ukrainischen Gebiete zurückgewinnen, die in den Teilungen an Russland verloren gegangen waren. Sie bestand aber nur zwei Jahrzehnte lang. 1939 teilten das Deutsche Reich und die Sowjetunion nicht nur Polen, sondern das ganze östliche Mitteleuropa untereinander auf - die „Vierte Polnische Teilung". Als die Republik Polen 1945, stark nach Westen „verschoben", wiederhergestellt wurde, war sie zunächst ein Satellitenstaat der Sowjetunion.

Zurück zur „Ersten Teilung" von 1772. Ein Landraub ohne vorhergehenden Krieg - die Frage nach einer Rechtfertigung stellten sich die drei Großmächte erst gar nicht. Lediglich in Wien gab es Diskussionen zwischen Kaiserin Maria Theresia, die den Vorgang für ungerecht erklärte, und ihrem realpolitisch denkenden Sohn und Mitregenten Joseph. „Sie weint, aber sie nimmt", kommentierte Friedrich II. von Preußen kühl, nachdem Maria Theresia ihre Bedenken beiseite gelegt hatte. Für ihn selbst war der Erwerb Westpreußens ganz einfach „eine wichtige Sache", wie er es einmal formulierte, eine Arrondierung, die seinem Königreich die Zukunft sicherte.

Zarin Katharina schwang sich sogar zu großem Pathos auf: Die Teilung, schrieb sie in einem Brief an Joseph II. sei „die wahrhaft nobelste und imposanteste Tat, die Europa mit einem solchen Unternehmen überhaupt geschenkt werden konnte". Sollte heißen: Die gemeinsame Aneignung polnischer Territorien durch Russland, Österreich und Preußen befriedigte das Ausdehnungsbedürfnis aller drei Mächte, ohne dass sie sich miteinander und mit anderen Staaten wie dem Osmanischen Reich in einen großen Krieg verstrickt hätten. Auch dem Opfer selbst, nämlich Polen, sei mit der Teilung ein Gefallen getan: „Die drei Höfe wollten Ordnung und Ruhe in ein Land bringen, das oft genug Wirren, ja der Anarchie ausgesetzt war."

Eine „Pazifizierung" Polens, wie es der „Petersburger Vertrag" formulierte, mit dem die Teilung am 5. August 1772 festgeschrieben wurde. Tatsächlich herrschte in Polen Bürgerkrieg - der allerdings von Russland nach Kräften gefördert wurde. Katharinas Hoffnung, Stanislaw August würde sich auf dem polnischen Thron mit der Rolle eines Statthalters begnügen, war enttäuscht worden. Seit seiner Thronbesteigung arbeitete der König an einem Reformprogramm, um seinen Staat innen- und außenpolitisch wieder handlungsfähig zu machen.

Auch unter den großen und kleinen Adligen war prinzipiell durchaus Bereitschaft zu einer Neuorganisation des polnischen Staates vorhanden. Im Zentrum der Diskussion stand eine Verfassungsklausel, die der polnischen Adelsrepublik eine einzigartige Stellung unter allen Staaten Europas sicherte, sie aber auch weitgehend handlungsunfähig machte, das sogenannte „Liberum veto". Mehrheitsentscheidungen waren im Sejm nicht vorgesehen. Jedes einzelne Mitglied konnte durch seinen Einspruch einen Beschluss zu Nichte machen.

Die übrigen europäischen Staaten nutzten diese Klausel, um durch Bestechung einzelner Abgeordneter das polnische Staatswesen lahm zu legen. So konnte zwischen 1736 und 1764 im Reichstag kein einziger Beschluss gefasst werden. Selbst die Wahl von Stanislaw August wurde nur möglich, weil der Sejm sich unter russischem Druck bereitfand, das „Liberum veto" auszusetzen und vorübergehend Mehrheitsentscheidungen zuzulassen. Bald nach seiner Thronbesteigung verstrickte sich der König jedoch in Kämpfe zwischen den verschiedenen Adelsfraktionen. Die russische Armee hielt ihn zwar im Amt, unterband aber rigoros alle Versuche, das Einstimmigkeitsprinzips abzuschaffen. Aus Sicht der Regierung in St. Petersburg war die „polnische Anarchie" die beste Garantie für die russische Vorherrschaft in Osteuropa.

Während die Adelsopposition gegen den König und gegen die russischen Truppen im Land Krieg führte, wurde die polnische Verfassung sogar zum Diskussionsthema unter den Intellektuellen Europas. Am Hof Katharinas war Poniatowski mit den Aufklärern im Umkreis der französischen „Encyclopédie" in Kontakt gekommen. Auch die Opposition warb in Westeuropa für ihre Sache. Im Sommer 1770 kam Graf Michal Wielhorski nach Paris und bat prominente Kritiker des Ancien régime wie zum Beispiel Jean-Jacques Rousseau um Ideen.

Für Rousseau lag darin eine besondere Herausforderung. In seinem Buch „Vom Gesellschaftsvertrag" war er noch wie selbstverständlich davon ausgegangen, seine Idee von einer „volonté générale" sei nur in kleinen Republiken zu verwirklichen. Der Gedanke an repräsentative Organe, die im Namen des Volkes beschließen könnten, war ihm fremd. Nun musste er sich der Frage stellen, wie Demokratie in einem großen Flächenstaat wie Polen verwirklicht werden könnte. Einerseits faszinierte ihn der Gedanke der Einstimmigkeit, der sich im „Liberum veto" ausdrückte. Dadurch, hoffte er, würden die Gesetze „so unabänderlich, wie es nur möglich ist". Andererseits konnte er nicht übersehen, dass Polen dadurch in die Regierungsunfähigkeit gestürzt wurde.

Vielleicht, überlegte Rousseau, lag eine Lösung ja darin, dass solche großen Staaten in Föderationen kleinerer, demokratisch organisierter Gemeinwesen umgewandelt würden? Mitten hinein in seine Arbeit am Schreibtisch platzte die Nachricht, dass Polens Nachbarn Fakten geschaffen hatten. Ein Viertel des Staatsgebiets mit mehr als einem Drittel der Bevölkerung wurde abgetrennt, darunter der wirtschaftlich wichtige Zugang des Landes zur Ostsee.

Mit dieser Erwerbung hatte Preußen zweifellos den größten Nutzen aus der Teilung. Auf lange Sicht trug ihm der Landgewinn aber auch einen Konflikt ein. Nachdem die nationale Idee auch im östlichen Mitteleuropa beherrschend geworden war, sollte die polnische Bevölkerung in Westpreußen zwangsweise „germanisiert" werden. Die Auseinandersetzungen zwischen den Nationalitäten prägten die Region bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, bis zur „Westverschiebung" Polens 1945. Probleme, mit denen das Zarenreich nicht zu kämpfen hatte. Dass die annektierten Gebiete großenteils von „Belarussen" besiedelt waren, gab der russischen Geschichtsschreibung später die Möglichkeit, die Teilung als „Sammlung russischer Erde" zu interpretieren. Österreich konnte sich mit dem neuen „Königreich Galizien und Lodomerien" über den Verlust von Schlesien an Preußen eine Generation zuvor hinwegtrösten. Vor allem jedoch war es gelungen, die russische Expansion weg vom Balkan nach Norden zu drängen. Damit erübrigte sich die Frage, ob Österreich an der Seite des Osmanischen Reiches in den Krieg gegen Russland eintreten wollte.

Als Instrument ihrer Aufsicht über Polen ließ Katharina die Große 1775 einen „Ständigen Rat" installieren, der in der Bevölkerung bald als „Großer Verrat" verspottet wurde. Ein Spott, der Stanislaw August allerdings doch Unrecht tat. Soweit seine Abhängigkeit von Russland zuließ, war der König bemüht, seinem Staat durch Reformen Stärke und Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Im Mai 1791, noch vor dem revolutionären Frankreich, wurde Polen zu einer konstitutionellen Monarchie umgewandelt und erhielt eine Verfassung, in der Volkssouveränität, Gewaltenteilung, bürgerliche Rechte und Freiheit der Religionsausübung festgeschrieben waren. Auch Schutzklauseln für die Bauern standen darin, wenngleich die Leibeigenschaft formell bestehen blieb. Nur mit diesem Zugeständnis waren die Magnaten von ihrem Widerstand abzubringen.

Zarin Katharina tobte, das sei viel schlimmer als alles, was man sich in Frankreich ausdenken könne; die russische Vorherrschaft sei in Gefahr. Mehr noch: War nicht zu befürchten, solche „fortschrittlichen" Ideen könnten von Polen aus in das Zarenreich eindringen? Und damit wurde ausgerechnet diese modernste Verfassung im damaligen Europa zum Anlass des Todesurteils über den polnischen Staat. Vier Jahre später ließen Russland, Preußen und Österreich Polen von der Landkarte verschwinden.

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie nach Fachgebieten aufgeschlüsselt eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.
Beispiel: Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr


Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr


Dossiersammlung
Religion
> mehr


Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr


Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr


Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr


Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr


Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet