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11.02.2022 - PHILOSOPHIE

Die vollstaendige Infragestellung aller Lehren

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt hat eine Voltaire-Biographie vorgelegt

Josef Tutsch

 
 

Voltaire, Portait von Nicolas de Largiliere im Musée
Carnavalet, Wikipedia


Vielleicht sollte man den 9. März zum öffentlichen Gedenktag erklären. An diesem Tag des Jahres 1765 kassierte das königliche Berufungsgericht in Frankreich ein Urteil des Parlaments, also des Gerichtshofs, von Toulouse und rehabilitierte den Kaufmann Jean Calas. Drei Jahre zuvor war Calas hingerichtet worden. Im Prozess war ihm unter der Folter das Geständnis abgepresst worden, er habe einen seiner Söhne ermordet. Calas war Protestant. Das Parlament unterstellte ihm, er habe verhindern wollen, dass sein Sohn, der eine Karriere im Justizdienst anstrebte, zum Katholizismus übertrat.

Als der Schriftsteller und Philosoph Voltaire drei Tage nach der Hinrichtung von dem Fall erfuhr, zweifelte er zunächst nicht an Calas' Schuld. Zwar stand er zur katholischen Kirche in Distanz, doch die Calvinisten waren nach seinem Eindruck noch viel fanatischer. Mit ihnen hatte er als Theaterautor leidvolle Erfahrungen gemacht: „Die Hugenotten wettern gegen die Komödie", vermerkte er in einem Brief. Doch dann wurde er skeptisch, unter anderem, weil der Dominikanermönch, den man dem Delinquenten zur Seite gestellt hatte, tief erschüttert beteuerte, Calas sei wie ein Heiliger gestorben. Eine nähere Prüfung ergab, dass das Gericht einen anderen Tatablauf, etwa einen Suizid, gar nicht erst in Erwägung gezogen hatte.

Also ein Justizmord aus religiösem Fanatismus. Voltaire, berichtet der Historiker Volker Reinhardt von der Universität Fribourg in seiner neuen Biographie des Schriftstellers und Philosophen, entfaltete „eine Pressekampagne, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte". Er beriet sich mit Medizin- und Rechtsgelehrten, mobilisierte rastlos einflussreiche Persönlichkeiten im In- und Ausland, mit denen er in den vergangenen Jahrzehnten bekannt geworden war.

Und er hatte Erfolg. Voltaire, resümiert Reinhardt nicht ohne Pathos, „siegte auf ganzer Linie - und mit ihm zum ersten Mal die vierte Gewalt, die öffentliche Meinung im Geiste der Aufklärung". Ob man sich auf den Erfolg dieses „Geistes" allerdings verlassen kann - vor dieser Kampagne hatte die „öffentliche Meinung" noch ganz anders ausgesehen, sie folgte dem, was Voltaire als „Fanatismus" brandmarkte. Der Historiker hat das lange Leben des François-Marie Arouet, der sich von 1718 an „de Voltaire" nannte, auf fast 600 Seiten nachgezeichnet, einschließlich Kommentaren zu vielen seiner über 700 philosophischen, historischen und literarischen Schriften.

Vor allem mit seinem Einsatz für die Familie Colas wurde Voltaire zur Heldenfigur. In unserer Gegenwart freilich hat es Versuche gegeben, diese Heldenhaftigkeit zu demontieren. Erstens wegen der Art und Weise, wie sich Voltaire die materielle Grundlage für sein Leben „auf großem Fuß" und damit auch für seine „heldenhaften" Aktivitäten geschaffen hatte. Nachdem er durch eine raffinierte, aber völlig legale Manipulation der französischen Staatslotterie zu Geld gekommen war, legte er es unter anderem in Aktien für den Überseehandel an. In dieser Branche war die Versklavung von Menschen aus Afrika das einträglichste Geschäft.

Und zweitens, weil Voltaire in seinen öffentlichen Stellungnahmen von all dem, was wir heute „political correctness" nennen, völlig frei war. Die Idee, so etwas wie Zensur oder Selbstzensur könnte moralisch geboten sein, war Voltaire völlig fremd. Damit ist dieser Aufklärer, zeigt Reinhardts Biographie, heute so aktuell wie damals. 1741 kam die Tragödie „Der Fanatismus oder Mahomet der Prophet" auf die Bühne. Der Titelheld behauptet, von Gott den Auftrag zur Eroberung der Welt erhalten zu haben, um sie im wahren Glauben zu vereinen. Ein „großer Geist", sagt Mahomet, „hat das Recht, über den groben Sinn des menschlichen Pöbels zu gebieten". Das Volk will doch getäuscht werden, zu seinem eigenen Besten.

Im Grunde tat Voltaire nichts anderes, als Macchiavellis „Buch vom Fürsten" zu dramatisieren. Dass der Protagonist des Stückes „Mahomet" hieß, war bloße „Tünche". Voltaire, so Reinhardt, „ging es nicht um den historischen Mohammed oder den Islam, sondern um den Typus des Fanatikers, dessen Aktualität er weiterhin als bedrohlich einstufte". Er „wollte zeigen, dass Glaubenslehren von Machtmenschen erfunden werden, um damit eine Herrschaft zu errichten, die durch Gewissensterror unerschütterlich wird".

Nach der Aufführung 1742 in der Pariser Comédie-Française taten sich die ansonsten verfeindeten religiösen Parteien der Jesuiten und der Jansenisten zusammen und erzwangen, dass das Stück abgesetzt wurde - wie um zu beweisen, dass „Mekka" in Wirklichkeit Paris war. Oder kann es unter Umständen doch um den Islam gehen? Zaghafte Versuche in jüngerer Zeit, das Stück wiederaufzuführen, haben in den letzten Jahrzehnten den heftigen Protest islamistischer Gruppen hervorgerufen.

Reinhardt unterstellt sogar, dass Voltaire über das Thema „Religionskritik" hinaus den Macchiavellismus ganz allgemein treffen wollte. 1736 war der Philosoph vom preußischen Kronprinzen von Preußen nach Brandenburg eingeladen worden. Voltaire hatte Friedrich ein Exemplar seines „Versuchs über die Metaphysik" zugesandt, der in Wirklichkeit eher ein Versuch „gegen" die Metaphysik war. Von den herkömmlichen Glaubenslehren blieb unter seinem kritischen Blick nicht viel mehr übrig, als dass die Welt eine staunenswerte Komplexität aufwies. Das machte es nach Voltaires Meinung wahrscheinlich, dass ein überlegen planender Schöpfergott dahinter stand.

Aber ob dieser Schöpfer auch ein gütiger Gott war ... Vom Elend des Menschen her betrachtet, „haben wir reichlich Grund, der Gottheit unser ganzes Leben lang Vorwürfe zu machen", schrieb Voltaire. Im jungen Friedrich glaubte er, einen Geistesverwandten gefunden zu haben. Reinhardt: „Endlich winkte ihm die Stellung, die ihm der französische Hof verweigerte. Er würde als ‚homme de lettres' im Interesse von Vernunft und Fortschritt auf die Politik einwirken können."

Voltaire und Friedrich der Große ... Da leistet Reinhardts Biographie eine Entmythologisierung. Von der Realität Preußens muss Voltaire höchst irritiert gewesen sein. Die „männerbündlerische" Atmosphäre des Berliner Hofes war ihm zuwider. Und als sich der vermeintliche „Philosophen- und Musenkönig" kurz nach seiner Thronbesteigung in einen Krieg stürzte, war er entsetzt. In Voltaires Roman „Candide oder der Optimismus" von 1759 tritt Friedrich unter der Maske des „Bulgarenkönigs" auf, der „einen genialen Geist" besitzt". Die Realität besteht darin, dass er seine Soldaten mit brutalem Drill für den Einsatz in der Schlacht fit machen lässt.

Aber eines sprach eben doch für Friedrich: Anders als sonst in Europa üblich, hatte der Klerus an seinem Hof keine Macht. Und es war die Macht der Religion über Staat und Gesellschaft, die Voltaires Denken am intensivsten beschäftigte. Er hielt der Religion sogar zugute, dass sie aus dem Streben der Menschen nach Frieden und Eintracht entstanden sei. Aber in aller Regel würde die „Priesterherrschaft" eher verderblich wirken. Dabei beruhte diese Macht auf einem durch und durch illusorischen Anspruch: die Wahrheit über Dinge zu kennen, von denen allenfalls Wahrscheinliches auszusagen war. 1710 hatte der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner „Theodizee" die These vertreten, unsere Welt sei die „beste aller möglichen Welten"; ohne die Übel wäre auch das Gute in ihr unmöglich. Voltaire gab diese metaphysische Spekulation Anlass zu beißendem Spott. „Dennoch leben wir in der besten aller Welten", sagt der Philosoph Pangloss im „Candide" nach jeder Katastrophe wie einen „running gag".

Bereits unmittelbar nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 hatte Voltaire ein Lehrgedicht zum Thema „Überprüfung des Axioms: Alles ist gut" verfasst. Einer der schwärzesten Texte der gesamten Weltliteratur. „Ein schöner Trost, in der besten aller Welt zugrunde zu gehen", resümiert Reinhardt. Gerade in Deutschland wurde dem Aufklärer gern entgegen gehalten, seine Philosophie sei rein negativ, er habe kein „System". In der Tat, schreibt der Historiker, Voltaire bot „keine Lehre, sondern die vollständige Infragestellung aller Lehren".

Befriedigt war auch Voltaire selbst davon freilich nicht. In einer zweiten Fassung des Lehrgedichts „fügte er eine Aufhellung hinzu, das Gedicht endete jetzt mit dem Wort ‚Hoffnung'". Wenigstens die Schrecken, die Menschen einander antun, könnten wir vielleicht überwinden - wenn wir unsere „gute Anlage" zum Mitgefühl von einem „aufgeklärten Verstand" anführen lassen. Vielleicht auch manche Schrecken, die von der Natur drohen. Unmittelbar nach dem Erscheinen des Buches wurde Reinhardt von der „Neuen Zürcher" gefragt, ob Voltaire sich heute wohl gegen Covid-19 impfen lassen würde. Seine Antwort: „Da bin ich fast sicher, ja. In der Situation, in der wir sind, würde er die Impfung für die beste Lösung halten."

„Die Vernunft gegen die Angst aufzurechnen - und dann die beste Lösung zu suchen. Im Wissen darum, dass es für kein Problem eine ideale Lösung gibt." Voltaire vertraute auf den Fortschritt von Technik und Medizin - und auf die Kraft der offenen, auch im Ergebnis offenen Diskussion. Die Kontroverse mit Jean-Jacques Rousseau drehte sich nicht zuletzt um das Thema „Meinungsfreiheit". Rousseau plädierte dafür, im Kampf um die „Zivilgesellschaft" notfalls auch die Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen. Voltaire erhob Einspruch: „Die Gesellschaft hat das Recht, einem Menschen seine Freiheit wegzunehmen, wenn er eine verrückte Tat begangen hat, doch nicht, weil er abwegige Ideen entwickelt hat."

Rousseau gegen Voltaire, Voltaire gegen Rousseau: ein Kampf, der mit seinen gegenseitigen Verunglimpfungen sicherlich eines der unerfreulichsten Kapitel der Aufklärung bildet. Gegenstand der Kontroverse war die Frage nach dem Wert des zivilisatorischen Fortschritts. Rousseau vertrat die Position, die Menschheit habe solche Katastrophen wie die in Lissabon selbst verursacht. Reinhardt: „Hätten sich die Portugiesen 1755 wie ihre Vorfahren in grauer Vorzeit damit begnügt, in einfachen selbstgebauten Hütten aus Lehm und Stroh zu leben, so wäre das Erdbeben ohne schädliche Folgen geblieben."

Eine Argumentation, über die Voltaire nur den Kopf schütteln konnte. „Man bekommt ordentlich Lust, auf allen Vieren zu gehen", hatte er bereits einige Monate zuvor Rousseaus Abhandlung „Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen" kommentiert. In Voltaires Sicht, fasst Reinhardt zusammen, war nicht die „Zivilisation" das Grundübel der Gegenwart, „sondern der Stillstand oder schlimmer noch: die Rückwärtsbewegung von Machtverhältnissen und Institutionen". Am französischen Staat seiner Gegenwart diagnostizierte Voltaire einen „Reformstau": „Wenn die Eliten einen Totalumsturz verhindern wollten, dann müssten sie im eigenen Interesse schnell zu grundlegenden Veränderungen schreiten", empfahl er 1761 - fast drei Jahrzehnte vor der großen Revolution.

35 Jahre zuvor war er in England gewesen und hatte dort einen anderen Weg in die Moderne kennen gelernt. In den „Philosophischen Briefen" appellierte er an seine Landsleute, davon zu lernen. Sogar vom „Kult des Geldes" in England, den die französische Aristokratie degoutant finden musste. Aber er verhinderte, so jedenfalls Voltaires Einschätzung, dass sich die Gesellschaft im unfruchtbaren Kampf um religiöse Dogmen zerfleischte.


Neu auf dem Büchermarkt:
Volker Reinhardt: Voltaire. Die Abenteuer der Freiheit. Eine Biographie, Verlag C. H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-78133-9, 607 S. mit 52 Abb., 1 farb. Frontispiz und 2 Karten, 32,00 €

 

 

 

 

 

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