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10.02.2022 - KLIMAPOLITIK

Klimafreundliches Erdgas: ein geplanter Fake

Gar nicht so neue Satellitendaten entlarven die schlimmsten Methanlecks der Welt

Klaus Oberzig

 
 

Bild: Tama66 auf Pixabay


In Brüssel versucht die EU-Kommission den Europäern das Narrativ zu verkaufen, Erdgas sei ein nachhaltiger Brennstoff. Auch die deutschen Grünen, nun Mitglied in der Ampelkoalition, verbreiten ungeniert die Lüge, Erdgas sei Teil einer akzeptablen Brückentechnologie, den man bis 2035 akzeptieren könne, ohne dass die Pariser Klimaziele in Gefahr geraten würden. Dass dies allem Möglichen entspricht, nur nicht der Wahrheit, belegen auch umfangreiche Satellitendaten des europäischen Erdbeobachtungs-satelliten Sentienel-5P.

In einer Studie hat der Klimaforscher Thomas Lauvaux von der Universität Paris-Saclay erstmals ein genaueres Bild vorgestellt, mit dem sich der Methanausstoß durch die Öl- und Gasindustrie genauer quantifizieren lässt. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 2019 bis 2020 und identifizieren weltweit 1.800 Methanquellen. Aus Ihnen treten nachgewiesenermaßen sehr große Mengen des Treibhausgases Methan aus.

Das Fake vom klimafreundlichen Erdgas beruht auf der Tatsache, dass bei seiner Verbrennung weniger Kohlendioxid freigesetzt wird, als bei Kohle und Öl. Ein Hauptbestandteil von Erdgas ist Methan (CH4), ein weitaus stärkeres, wenn auch vergleichsweise kurzlebigeres, Treibhausgas als CO2. Wie viel Methan aus Lecks in Förderanlagen und Pipelines oder beim Abfackeln weltweit entweicht und in die Atmosphäre gelangt, sei die große Unbekannte, die bei der Bewertung des Brennstoffs zu wenig berücksichtigt werde, warnen Forscherinnen und Klimaschützer seit langem.

Die aktuelle Studie von Lauvaux, veröffentlicht im Fachblatt "Science", lässt nun befürchten, dass das Problem noch größer ist als angenommen. Während etwa ein Drittel dieser Quellen auf große landwirtschaftliche Aktivitäten und Mülldeponien zurückgingen, stammte der Großteil - rund 1.200 "Ultra-Emittenten" - aus unmittelbarer Nähe der Infrastruktur der Öl- und Gasindustrie: Rund acht Millionen Tonnen Methan könnten aus Förderung und Transport der Brennstoffe jährlich in die Luft gelangen, schreibt das Forschungsteam. Sie müssen zu den Kohlendioxid-Emissionen hinzugerechnet werden und ergeben so eine viel negativere Bilanz.

Die wichtigsten Gaspipelines (blau) und die Verteilung der erfassten Methan-quellen
Illustration: Kayrros Inc./Esri/HERE/Garmin/FAO/NOAA/USGS/OpenStreetMap
contributors/GIS User Community


Die Mehrzahl dieser Emissionen kommt demnach aus Russland, Turkmenistan, den USA, dem Iran, Kasachstan und Algerien. Die Wissenschafterinnen betonen aber, dass das Bild noch keineswegs vollständig sei: In den Satellitenaufnahmen waren nur Lecks zu erkennen, aus denen mehr als 25 Tonnen Gas pro Stunde strömten - wie viele kleinere Quellen es geben könnte, sei also nicht berücksichtigt. "Es ist die Spitze des Eisbergs", schreiben Lauvaux und Kolleginnen. Was methodisch nicht wirklich abgebildet werden kann, sind die weltweit großen Rinderbestände, die Folge des immensen Verbrauchs von Fleisch und Milchprodukten sind.

Der Großteil des Methans dürfte aus Lecks und undichten Anlagen stammen, so eine der gängigen Erklärungen. Daraus entsteht das Narrativ, eine bessere Instandhaltung und Wartungsprotokolle könnten hier eine Behebung der Probleme herbeiführen. Alleine das stellt sich als Illusion heraus. Denn nicht nur bei der Suche und Bohrung nach Öl wird Gas freigesetzt, was meist aus Kostengründen nicht aufgefangen wird. Das Auftauen der Permafrostböden in den arktischen Regionen, das zu großen Schäden an Pipelines und Infrastruktureinrichtungen führt, lässt sich damit nicht bereinigen. Hier hat die Klimaveränderung selbst längst zugeschlagen. Es handelt sich um einen ersten dramatischen Kipppunkte.

Viel drastischer stellt sich aber ein politischer Fakt. Während in der Energiewende- und Klimaschutzbewegung davon ausgegangen wird, zwischen Herrschenden und dem Volk gäbe es einen Konsens darüber, den Temperaturanstieg auf 1,5 oder mindestens 2 °C begrenzen zu wollen, äußern sich Klimaforscher skeptisch. So erklärte der Brite Kevin Anderson am Rande der Glasgow Klimakonferenz, die Hauptverhinderer seien der Davos-Cluster um Personen wie Bill Gates und Klaus Schwab. Er spricht aus, was vor allem von den Oligarchen, die nicht nur hinter den Regierungen der westlichen Welt stehen, sondern offenbar schon längst deren Steuerung übernommen haben, längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand propagiert wird. Den Klimawandel wolle man nicht begrenzen. Es werde genug technische Möglichkeiten geben, womit die Menschheit sich gestiegene Temperaturen im Bereich von drei bis vier Grad Celsius werde anpassen können.

Der Knackpunkt bei dieser Kontroverse liegt darin, dass die Möglichkeiten einer Temperaturbegrenzung ganz direkt verflochten sind mit der Nutzung Erneuerbare Energien. Doch mit diesen, das wissen die Leute aus dem Davos-Cluster, lassen sich keine Geschäfte machen. Solar- oder Windenergie sind viel zu kleinteilig, um den immens gestiegenen Kapitalmassen der Superreichen eine profitable Kapitalanlage bieten zu könnten. Für Vermögensverwalter wie Blackrock oder Vanguard ist die Perspektive die Welt mit Erdgas und einer Vielzahl neuer, in industrielle Serienproduktion hergestellter, kleiner Kernkraftwerk überziehen zu können, viel reizvoller. Das dürfte denn auch der tatsächliche Hintergrund für die neue EU-Taxonomie sein. Dass man dies dem Volk nicht gleich auf die Nase binden möchte, ist verständlich. Zum Vernebeln hat man ja die vom Davos-Cluster ausgebildeten „young political leaders" vom Schlage einer Annalena Baerbock oder eines Justin Trudeau.


Mehr im Internet:
Satellitendaten enthüllen die größten Methanlecks der Welt, Der Standard 04.02.2022



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