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05.02.2022 - LITERATUR

Sehnsucht nach der Heimat oder nach einem Anderswo

Nostalgie seit Homer und Vergil

Josef Tutsch

 
 

Johann Wolfgang von Goethe Iphigenia auf Tauris:
H. Romberg (scanned by Derzsi Elekes Andor),
Public domain, via Wikimedia Commons


Es war im Jahre 1688. Der 19-jährige Medizinstudent Jean Hofer in Basel, Sohn eines elsässischen Pfarrers aus Mühlhausen, suchte nach einem Thema für seine Dissertation. Da fielen ihm zwei Krankheitsfälle aus seiner Umgebung ins Auge. Ein Kommilitone, der aus Bern stammte, siechte dahin. Die Ärzte waren ratlos. Sie schickten ihn nach Hause, doch bereits auf dem Heimweg gesundete der Student, ohne dass man ihn weiter behandelt hätte. Der zweite Fall war eine Bauersfrau aus dem Umland von Basel, die im Krankenhaus Nahrung und Arzneien verweigerte. Sie jammerte nur immerzu „ich will heim, ich will heim". Nachdem die Ärzte sie bereits aufgegeben hatten und man ihr den Willen tat, genas sie plötzlich.

„NOSTALGIA oder Heimweh" setzte Hofer auf das Titelblatt seiner Dissertation, das erste Wort in griechischen Großbuchstaben geschrieben. Der Student hatte es selbst geprägt, zusammengesetzt aus den Bestandteilen „nostos" für „Heimkehr" und „algeo", „Schmerz empfinden" oder „leiden". Dass Heimweh ein medizinisches Problem sein kann, war zehn Jahre zuvor bereits Hofers Lehrer Jean-Jacques Harder aufgefallen. Schweizer Söldner waren damals bei allen europäischen Mächten hoch begehrt. Aber immer wieder war ihre Kampfkraft beeinträchtigt - Harder vermutete: weil sie an Heimweh litten. An „wahnsinniger Liebe zur Heimat", wie er auch sagte.

Ohne die Wortprägung „Nostalgie" aufzugreifen, machte 1768 Jean-Jacques Rousseau das Phänomen auch in Kreisen bekannt, die weder mit Militär noch mit Medizin viel im Sinn hatten. Wenn Schweizer Söldner, schrieb er in seinem „Wörterbuch der Musik", irgendwo in der Welt das Lied vom „Kuhreigen" hörten, dann würden sie derart intensiv an ihre Almwiesen erinnert, dass sie „herzlich weinen", aus dem Dienst desertieren oder sogar sterben würden. „So sehr erregt dieses Lied in ihnen das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen."

Zweieinhalb Jahrhunderte nach Rousseau ist „Nostalgie" zum großen Modewort geworden. Und vielleicht ist das Phänomen, das mit diesem Wort bezeichnet wird, ja tatsächlich eine Grundstimmung unserer Zeit? Als, wie der „Duden" definiert, „vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert"? Je „moderner" die Moderne werde, desto mehr mache sich das Bedürfnis nach „Kompensation" bemerkbar, meinte bereits vor drei Jahrzehnten der Philosoph Odo Marquard.

Oder ist der „Heimkehr-Schmerz" gar kein Spezifikum der Gegenwart, sondern vielmehr ein Phänomen, das uns seit Jahrtausenden begleitet? Eine „nostalgische Dichtung par excellence", stellt die Philosophin Barbara Cassin vom Centre National de la Recherche Scientifique in Paris fest, sei die „Odyssee" des Homer, entstanden im 8. Jahrhundert v. Chr. Cassins Essay, der im französischen Original bereits 2013 erschienen ist, liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor.

Die „Odyssee" - die Geschichte einer Irrfahrt durch das Mittelmeer, einer verzögerten Heimkehr. Gleich im ersten Gesang klagt Athene vor der Versammlung der Götter, dass ihr Schützling Odysseus als einziger von all den Helden des Trojanischen Kriegs nicht nach Hause zurückkehren durfte,zu Weib und Kind - weil ihm nämlich der Gott Poseidon zürnt, den er durch die Tötung seines Sohnes  gekränkt hat.

Zugleich aber auch, weil ihn die schöne Nymphe Kalypso zurückhält, ihm zärtliche Worte ins Ohr flüstert, damit er seine Heimat Ithaka vergisst. Würde er bei ihr bleiben winkt ihm die Unsterblichkeit. Und tatsächlich bleibt er volle sieben Jahre, entscheidet sich dann aber doch für die Rückkehr „nach Hause" - im Wissen, dass ihm dort Alter und Tod bevorstehen, an der Seite seiner ebenfalls sterblichen und alternden Gattin Penelope.

Die Autorin verweist auf die komplexe Deutungsgeschichte der „Odyssee". Die spätantiken Neuplatoniker sahen in ihr „ein Bild für die Seele, die zu ihrem Ursprung zurückkehren will". Im Mittelalter interpretierte Dante den Helden als „einen Emigranten, der gar nicht heimkehren möchte". Als einen Frevler, der in die Hölle verdammt wird, weil er die Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, nicht respektieren will.

Aber es sind auch ganz andere Assoziationen möglich. Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas stellte Odysseus den biblischen Patriarchen Abraham gegenüber, der „für immer sein Vaterland verlässt, um nach einem noch unbekannten Land aufzubrechen". Es gibt „Nostalgie", schreibt Cassin, nicht nur als „Wunsch zurückzukehren, sondern auch als Sehnsucht nach dem ganz Anderen, Unbestimmten", das irgendwie als die eigentliche Heimat empfunden wird. Sieben Jahrhunderte nach Homer gestaltete wiederum ein Dichter eine Irrfahrt durch das Mittelmeer. Für Vergils Helden Aeneas gibt es keinerlei Hoffnung auf Rückkehr in das zerstörte Troja, er muss zu einem unbekannten Ort fahren, „einem radikalen Anderswo", nach Italien.

Eine Dichtung also nicht der Heimkehr, sondern des Exils, wenn man so will. Oder der Emigration, wie man terminologisch genauer sagen müsste, denn seine Heimat Troja ist für Aeneas auf immer verloren, es gibt keine Hoffnung, jemals zurückzukehren. Aber Vergil verstand es, auch die Neuansiedlung der Trojaner in Latium als eine Art Heimkehr zu inszenieren: „Ich bin auf der Suche nach Italien, dem Land meiner Väter", sagt Aeneas von sich selbst.

Das Phänomen einer fingierten Heimat ist in der Ideengeschichte auch aus anderen Zusammenhängen geläufig. „Bei dem Namen Griechenland", sagte Hegel, „ist es dem gebildeten Menschen in Europa, insbesondere uns Deutschen, heimatlich zumute." Cassin nennt eine sehr persönliche Erfahrung: Wenn sie, als gebürtige Pariserin, nach Korsika fahren, empfinde sie das Gefühl einer „Heimkehr" - und in Paris eine Art „Nostalgie".

Der Gedanke an eine „Heimat", aus der man selbst, als Individuum, gar nicht kommt, kann sogar politische Wirkung zeigen. 1950 beschloss die israelische Knesset ein „Rückkehrgesetz", um sicherzustellen, dass alle Juden nach Jahrhunderten der Diaspora ins Gelobte Land zurückkehren könnten. Historisch weniger weit greift der Anspruch der Palästinenser auf ihre Heimat zurück. 1974 bekräftigte die Generalversammlung der Vereinten Nationen „das unveräußerliche Recht der Palästinenser", „in ihre Häuser und ihr Eigentum zurückzukehren, aus denen sie vertrieben und entwurzelt wurden".

Auf die neuerdings viel diskutierte Frage, ob es neben dem Menschenrecht, aus seinem Land ausreisen zu dürfen, auch das weitere Recht gibt, in irgendein frei gewähltes Land als neue Heimat einzureisen, geht die Autorin nicht ein. Aber auf ein Opfer, das von Emigranten dabei oft gefordert wird. In Vergils Dichtung müssen die zugewanderten Trojanern ihre griechische Sprache zugunsten des Lateinischen aufgeben.

Jedenfalls insoweit es um Politik ging. Als Sprache der Kultur war Vergils Lesern das Griechische geläufig, sie lebten zweisprachig, also in einer Kultur des Übersetzens. Für jene deutschen Intellektuellen, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten, schreibt Cassin einem  kühnen Sprung über zwei Jahrtausende hinweg, ergab sich ebenfalls eine Situation der Mehrsprachigkeit. 1964 fragte Günter Gaus in einem Fernsehinterview die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt, ob ihr in den USA, wo sie seit 1941 lebte, nicht das „Europa der Vorhitlerzeit" fehle. Sie antwortete: „Ich habe keine Sehnsucht, das kann ich nicht sagen. Was ist geblieben? Geblieben ist die Sprache."

Die „Muttersprache" blieb, kommentiert Cassin, aber sie wurde „denaturalisiert", nämlich abgelöst von ihren geographischen und ethnographischen Wurzeln, vom „Vaterland". Ein Problem, mit dem sich bereits die alten Griechen schwertaten. „Grieche ist man nicht durch Geburt und Aussehen, sondern durch Vernunft und Bildung", erklärte im 4. Jahrhundert v. Chr. der Redner Isokrates - in Abgrenzung zu Argumentationen, die das „Griechischsein" als „Teil der Natur, nicht der Kultur" sehen wollten.

Auf die Gegenwart übertragen: „Man wird nicht als Deutscher geboren, sondern wird dazu." Ob bereits das französische Original beispielhaft von „Deutschen" spricht, bleibt in der Übersetzung von Christine Pries leider offen. Für Arendt stellte sich die Frage allerdings noch ein Stück komplizierter. Im Rückblick auf ihre Kindheit erklärte sie einmal, sie habe zunächst gar nicht bewusst, dass sie Jüdin war, das sei ihr erst „durch antisemitische Bemerkungen von Kindern auf der Straße" bewusst geworden. Cassin: „Aus persönlicher Erfahrung glaube ich, dass es sich mit dem Jüdischsein so verhält wie mit dem Frausein: Es muss einem zumindest auch gesagt werden, jemand muss es einen spüren lassen."

Der jüdische Religionshistoriker Gershom Scholem hielt Arendt 1963 mangelnde „Liebe" zum jüdischen Volk vor. „Sie haben völlig Recht", antwortete Arendt kühl, „ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt." Wer weiß, vielleicht dachte sie an ihren ehemaligen Lehrer Martin Heidegger, der 1947 in seinem „Brief über den Humanismus", 1947, von einer „Heimatlosigkeit des neuzeitlichen Menschen" gesprochen hatte. Und noch prinzipieller: Heimweh sei die „Grundstimmung des Philosophierens" - weil nämlich „wir, die philosophieren, überall nicht zu Hause sind".

Man kann fragen, ob Heideggers Sympathisieren mit dem Nationalsozialismus aus seinen Schwierigkeiten resultierte, diese intellektuelle „Heimatlosigkeit" auszuhalten. Hannah Arendt vermochte es, wenngleich für sie das Exil, das ihr durch den Nationalsozialismus aufgezwungen wurde, zweifellos schmerzvoller war, als es der Philosoph René Descartes, der 1648 in einem Brief an Königin Christina von Schweden schrieb: „Mit einem Fuß in einem und mit dem anderen in einem anderen Land zu stehen, ist ein großer Glücksfall für mich, denn so bin ich frei." Als Seneca im Jahr 41 n. Chr. von Kaiser Claudius auf das wilde Korsika verbannt wurde, tröstete er sich mit dem Gedanken, es sei der Geist, „der reich macht". „Er begleitet uns in die Verbannung und in die rauhesten Einöden."

Aber ob Seneca in der Verbannung nicht dennoch von „Heimweh" nach dem gewohnten Leben in der Metropole Rom geplagt wurde? Am Ende von Cassins Essay bleibt die Frage offen, wie realistisch - realistisch für eine große Zahl von Exulanten oder Emigranten - ihr hoffnungsvolles Fazit eigentlich ist: Die Nostalgie, vom Wortsinn her doch eine Krankheit, könne „uns an die Schwelle eines großzügigeren, offeneren Denkens und einer Weltsicht führen, die frei von allen Zugehörigkeiten ist".

Nostalgie im doppelten Sinn: die nach einer „wirklichen" Heimat, im Sinne biographischer Fakten, einerseits, die nach einer noch unbekannten, „wahren" Heimat andererseits. Aber „frei von allen Zugehörigkeiten"? Das vernachlässigt vielleicht doch den Wunsch, sich bei allem Kosmopolitismus irgendwo auf der Welt wirklich zu Hause fühlen zu dürfen. Oscar Wilde sagte einmal, bei keiner Aufgabe sei mehr Umsicht angebracht als bei der Auswahl seiner Eltern. Oder, um es abstrakter zu formulieren, bei der „Wahl" der Tradition, in die man sich stellt, zu der man sich eher zugehörig fühlt als zu irgendwelchen anderen Traditionen. „Zukunft braucht Herkunft", hat Marquard es lapidar formuliert: Ohne Traditionen ist menschliches Leben nicht möglich.


Neu auf dem Büchermarkt:
Barbara Cassin: Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause?, aus dem Französischen von Christine Pries, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 143 S., ISBN 978-3-518-58770-6, 22,00 €

 

 

 

 

 

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