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28.01.2022 - KLIMAKRISE

Ahrtal wird Solartal

Aber unklar bleibt, ob die Regierung mit im Boot ist

Christfried Lenz

 
 

Nach der Katastropfe muss die Energieversorgung auf Erneuerbare umgestellt
werden - Bild: Runder Tisch Erneuerbare Energien (RT EE)


Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal stellt die bisher gewaltigste Manifestation des Klimawandels in Deutschland dar. Damit ist sie der ultimative Anstoß, alle Kräfte unverzüglich auf ein völlig neues Tempo der Energiewende auszurichten.

Der „Runde Tisch Erneuerbare Energien", an dem sich etwa 20 Energiewende-Organisationen zu gemeinsamen Aktivitäten zusammenfinden, verbreitete denn auch die Botschaft „Wiederaufbau ja - und zwar erneuerbar" https://energiewende-2030.de/flutkatastrophe-wiederaufbau-erneuerbare-energien/: Es kann nicht sein, dass die fossile Energieversorgung, die ursächlich für die Katastrophe ist, für die Zukunft wieder hergerichtet wird. Stattdessen muss das Ahrtal zu einem Leuchtturm der Energiewende, zur Modellregion für 100%ige Versorgung mit Erneuerbaren Energien aufgebaut werden. Der in der Region ansässige Solarverein „Goldene Meile" brachte es mit dem Motto „Ahrtal wird Solartal" auf den Punkt. Sein Vorsitzender Klaus Karpstein vertiefte: „Man muss im Ahrtal ein kohlenstoffbasiertes System als anachronistisch empfinden; erst dann ist das Projekt geistig bewältigt." Eine Gruppe von Wissenschaftlern konkretisierte das Vorhaben in einem „Impulskonzept", wonach das Ziel bis 2030, bilanziell bereits bis 2027 erreicht werden kann. Der Landkreis beschloss dessen Umsetzung. (ausführlicherer Bericht von H.-J. Fell hier: https://www.pv-magazine.de/2021/10/08/aus-ahrtal-wird-solahrtal/ )

In der Region hat man also verstanden, was die Stunde schlägt. Steigt man auf der Leiter eine Sprosse höher, gelangt man allerdings in eine andere Welt: Auf die Initiative der Kreisverwaltung Ahrweiler reagiert die Landesregierung bislang ablehnend. Sie erkennt weder den vom Kreis- und Umweltausschuss final beschlossenen Projekt-Status an, noch stellt sie die beschlossenen Haushaltsmittel i.H.v. 10 Mio. Euro aus Mitteln der Wiederaufbauhilfe bereit. Von Christoph Schmitt (SPD), kürzlich Kandidat in der Landratswahl, ließ sich seine Parteigenossin Ministerpräsidentin Malu Dreyer das „Impulskonzept" überreichen und dabei fotografieren  https://www.blick-aktuell.de/Politik/Einmalige-Chancefuer-SolAHRtal-nutzen-497155.html. Das war aber auch alles. Die von der SPD-geführten Bundesregierung gibt ebenfalls keine positiven Signale.

Ist da vielleicht die alte, aber gewichtige „Kohle-Tradition" der SPD noch am Wirken? Das ist der innere Widerspruch dieser Partei: einerseits besagte Tradition, andererseits war sie das politische Haus dessen, den man „Vater der Energiewende" nennen möchte: Hermann Scheer.

Vielleicht schauen Malu Dreyer und ihre GenossInnen in der Bundesregierung mal in die „Sonnen-Strategie" und lesen , was dort bereits 1994 geschrieben wurde: „Ein Friedensvertrag der Menschheit mit der Natur ist ohne eine globale Sonnenenergiewirtschaft nicht möglich. Wir stehen so sehr unter Zeitdruck, und wir haben andererseits die Chancen einer Sonnenstrategie so greifbar vor uns, dass wir die menschenverachtenden Verschleppungsmethoden derjenigen, >>die nicht tun, was sie wissen<< (Robert Jungk), nicht mehr hinnehmen werden." (S. 294)

Im Ahrkreis gibt es die „unabhängige Initiative aus der Gesellschaft", die Scheer an anderer Stelle postuliert. Wenn das Klimaschutz-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes und die von der Ampel-Koalition angekündigten Vorhaben in irgendeiner Weise ernst genommen werden sollen, müssen sie dazu führen, dass diese Initiative unterstützt wird!

Oder sehen wir hier bereits den gezielten Rückzug des Staates aus der Verantwortung, die Bevölkerung vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen? (Siehe hierzu „Vor den Auswirkungen des Klimawandels wird der Staat kapitulieren".  https://www.pv-magazine.de/2021/08/12/vor-auswirkungen-des-klimawandels-wird-der-staat-kapitulieren/)

In Sachsen-Anhalt etwa ist das längst offiziell. Laut Landesrechnungshof müssen die Bürger in Zukunft durch entsprechende Versicherungen selbst eine Vorsorge für Schäden durch Wetterextreme treffen. Die im Land verbreitete Zeitung "Volksstimme" hält das in ihrer Ausgabe vom  09.12.2021 auch für recht und billig: "Es kann ... nicht sein, dass die Allgemeinheit immer wieder zur Kasse gebeten wird. Zumal aufgrund des Klimawandels weiter mit Katastrophen - ob Dürre, Brände oder Überschwemmungen - zu rechnen ist."

Wird es also auf das hinauslaufen, was der renommierte britische Klimawissenschaftler Kevin Anderson kommen sieht? Im Interview mit David Goeßmann sagt er:
„Wenn also die Menschen beginnen würden, die Macht, die sie tatsächlich haben, zu mobilisieren, ... könnten wir - statt der elitären Top-Down-Form - eine andere Machtstruktur schaffen, die offener ist und Veränderung von unten ermöglicht. Das soll nicht heißen, dass Führungskräfte nicht wichtig sind. Das sind sie. Es geht vielmehr um das Verhältnis von Bottom-Up und Top-Down. Im Moment werden die Entscheidungen von oben getroffen. Doch die Eliten versagen, sie sind ungeeignet, auf die Klimakrise zu reagieren. Sie sind einer Denkweise und einem Modell verhaftet, die das Problem verursacht haben und einer Lösung im Weg stehen. Wir brauchen also eine Mobilisierung von unten, die uns aus dieser Sackgasse, in der wir stecken, herausführen kann." https://energiewende-2030.de/kevin-anderson-die-realitaet-hinter-den-klimazielen-das-davos-cluster-und-die-wende-von-unten/

Rainer Doemen, führender und verbindender Kopf am „Runden Tisch Erneuerbare Energie" und in der Solartal-Initiative hofft: „In der Stunde der Not war die Bevölkerung auf sich allein gestellt. Selbsthilfe und Solidarität untereinander verbreiteten sich rasend schnell und halten an. Auf diesem Fundament sollte es Regierungen erheblich leichter fallen, den Landkreis Ahrweiler auf seinem politisch beschlossenen Weg zu einer EE-Modellregion bestmöglich zu unterstützen. Die Hoffnung, den kommunalpolitischen Beschluss umzusetzen und damit auch die Bereitschaft zu zeigen, Versäumnisse wieder gut machen zu wollen, stirbt bekanntlich zuletzt."


Mehr im Internet:
Flutkatastrophe: Wiederaufbau ja - und zwar erneuerbar!
Impulskonzept für den Wiederaufbau: "Aus Ahrtal wird SolAHRtal"
Präsentation "Aus Ahrtal wird SolAHRtal", Februar 2022, RT EE

 

 

 

 

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