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Wissenschaft

28.11.2021 - RELIGIONSGESCHICHTE Mission

Gehet hin und machet alle Voelker zu Juengern

Die christliche Mission im Zeitalter des Kolonialismus

von Josef Tutsch

 
 

Der hl. Franz Xavier bei der Taufe, Kirche S.
Veit in Český Krumlov, 1897
Bild: Wolfgang Sauber/Wikipedia

Wissen Sie noch, was ein „Nickneger“ war? Bis in die 1980er Jahren waren in vielen Kirchen, katholischen wie evangelischen, Menschenfiguren aufgestellt, die mit einer Spendenbüchse in der Hand für die Mission warben. Wenn der Besucher Geld einwarf, nickten sie zum Zeichen der Dankbarkeit.

Dunkel angemalt, sollten diese Figuren Bewohner Afrikas oder der Südsee darstellen. Der Vorwurf des „Alltagsrassismus“ liegt nahe. Aber es gab sie auch in Engelsgestalt. Im christlichen Europa war es Jahrhunderte lang selbstverständlich, dass die „Heiden“ so etwas wie religiöse Entwicklungshilfe nötig hätten. Alle „Indianer“ würden „in der Blindheit leben“ und müssten „verloren gehen, wenn sie den Heiland nicht kennen lernten“, zitiert der Tübinger Religionshistoriker Bernhard Maier den mährischen Missionar David Zeisberger, der 1772 in Ohio für die „Herrnhuter Brüdergemeine“ arbeitete.

Maier hat eine umfangreiche „Geschichte der christlichen Mission in der Neuzeit“ vorgelegt. Also in der Epoche, in der die europäischen Mächte ihre koloniale Herrschaft über die Welt ausbreiteten. Oft, sehr oft kamen die Missionare gemeinsam mit den Händlern und den Soldaten – für uns heute ein Anlass, mit einigem Unbehagen auf diese Entwicklung zurückzuschauen. Mehr noch: Die Mission selbst steht unter dem Verdacht, dass es in ihr um die Umgestaltung der Welt nach europäischen Vorstellungen ging.

Es kam häufig vor, berichtet Maier, dass Missionare im Sinne der christlichen Moral eine „menschenunwürdige Behandlung der indigenen Bevölkerung“ anprangerten. Aber kaum jemand stellte grundsätzlich in Frage, dass die Europäer ihren Herrschaftsanspruch über andere Kontinente zu Recht erhoben. Den Anfang der Kolonisierung wie der Mission in Übersee setzten im späten 15. Jahrhundert die Portugiesen, als sie die Westküste Afrikas erkundeten. 1491 nahm der amtierende König des Kongo-Reiches, Nzinga-a-Nkuwu, das Christentum an. Motiviert, schreibt Maier, „war dieser Glaubenswechsel nicht zuletzt durch den Wunsch des Herrschers, aufgrund der Anerkennung des portugiesischen Königshauses die eigene Position zu stärken“.

Nach seinem Tod kam es zum Machtkampf zwischen dem ebenfalls getauften Sohn Mwemba und dessen Halbbruder Mpanzu, der beim traditionellen „Heidentum“ geblieben war. Mwemba siegte – der Legende zufolge mit Hilfe bewaffneter Reiter, die vom Himmel herab kamen. In der Realität wohl eher mittels der Feuerwaffen, die ihm die Portugiesen zur Verfügung stellten. Die Portugiesen unterstützten den König auch bei der wirtschaftlichen Entwicklung seines Reiches, vor allem durch den Bau von Schulen. Im Gegenzug lieferten die Kongolesen Sklaven, die sie bei ihren militärisch schwächeren Nachbarn als Kriegsgefangene erbeutet hatten. Jahrhundertelang, schreibt Maier, konnten sich katholische wie protestantische Geistliche nur selten zu einer prinzipiellen Ablehnung der Sklaverei durchringen – die Frage, wie sich zum Beispiel die Zuckerplantagen profitabel bewirtschaften ließen, die in der Karibik bald nach der Entdeckung Amerikas angelegt wurden, war allzu beherrschend.

Etwa die Herrnhuter, die seit 1732 unter den Sklaven auf den Inseln der Karibik missionierten, unterhielten selbst Sklaven, um ihre Missionsstationen überhaupt betreiben zu können. Freilich – es gab Gegenbewegungen. Von 1609 an richtete der Jesuitenorden für das Volk der Guaraní in Südamerika „Reduktionen“ ein, in denen die Indigenen vor den Sklavenhändlern geschützt waren. Aber auch die Jesuiten, schreibt Maier, verfolgten das Ziel, „die indigenen Kulturen und Gesellschaften nach europäischem Vorbild zu transformieren“. Manchmal versuchten die Indigenen, sich gegen diese Transformation zur Wehr zu setzen. Posthum zur Legende wurde in der Karibik der Rebellenführer Hatuey, der Anfang des 16. Jahrhunderts einem Franziskanermönch erklärt haben soll, er wolle lieber in die Hölle kommen als zusammen mit den Spaniern in den Himmel.

In Indien traf es auf Unwillen, dass die christlichen Missionare weder die hergebrachten Geschlechterrollen noch das Kastenwesen respektieren wollten. Eine Aussage in Maiers Buch, die so harmlos klingt, den Leser jedoch grübeln lässt. Wahrscheinlich bedeutete dieser „mangelnde Respekt“ doch nicht zuletzt, dass für die Missionare die „Unberührbaren“ unterhalb des indischen Kastensystems nicht von vornherein unberührbar waren. Auch vielen Kritikern des Kolonialismus heute wird es schwer fallen, darin nicht einen historischen Fortschritt zu sehen.

Das Beispiel zeigt, dass die christliche Mission nicht nur mit den Interessen der europäischen Staaten, die sie finanziell und organisatorisch trugen, aufs engste verquickt war, sondern ebenso mit den kulturellen und moralischen Einstellungen, die in Europa als selbstverständlich vorausgesetzt werden konnten, es in Übersee aber keineswegs waren. Vielfach wird bereits der Umstand, dass die Europäer die Indigenen zu ihrer eigenen Religion bekehren wollten, Unverständnis ausgelöst haben. Bis etwa um die Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr., erläutert Maier, war das Bekenntnis zu einer Religion bei allen Völkern „untrennbar verbunden mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen und sozialen Ordnung“ – jedes Volk verehrte seine eigenen Götter. Erst dann kamen, zunächst in Indien, dann auch in der Mittelmeerwelt Religionen auf, die darauf beruhten, dass sich Menschen in einer „bewussten, individuellen Entscheidung“ zu ihnen bekannten.

„Gehet hin und macht alle Völker zu Jüngern und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“, trägt Christus im Matthäusevangelium seinen Jüngern auf. In der Praxis allerdings wurde die „individuelle Entscheidung“ dadurch eingeschränkt, dass sich die Missionare zunächst an die einflussreichsten Mitglieder einer Gesellschaft wandten – „Multiplikatoren“, wie man heute sagt. Das konnte eine Gemeinsamkeit der Interessen mit den regionalen Machthabern begründen. Maier nennt als Beispiel die Philippinen, wo sich die Anführer der Siedlungsverbände rasch mit der Kolonialmacht wie mit der christlichen Mission arrangierten und dafür ihre privilegierte Stellung behalten durften.

Im Islam traf das Christentum auf eine Religion, die sich ebenfalls die Missionierung der gesamten Menschheit zum Ziel gesetzt hatte. „Die Erfahrung der europäisch-amerikanischen Überlegenheit auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und Technik“, schreibt Maier, „mündete nicht selten in einem Gefühl der eigenen Ohnmacht, während gleichzeitig die Ideen der Aufklärung, säkulare Gesellschaftsentwürfe und politische Utopien mit den überkommenen religiösen Traditionen konkurrierten“. Blickt man auf die alles in allem recht bescheidenen Erfolge der christlichen Mission in Nordafrika und im Vorderen Orient, ist wohl zu sagen, dass dieses Ohnmachtsgefühl nicht einmal so ganz begründet war. Gerade der Islam erlitt durch die christliche Mission kaum Einbußen. Immerhin gelang es amerikanischen Missionaren, im Libanon ein modernes Hochschulsystem aufzubauen, mit Bildungsmöglichkeiten auch für Frauen.

Auch in den übrigen asiatischen „Hochkulturen“ blieben die Erfolge der Mission begrenzt. In Japan kam es von 1587 an zu einer blutigen Verfolgung. Den Anlass, meint Maier, gab vermutlich der Eindruck, die christliche Mission sei bloß ein Vorbote der spanischen Weltmacht. In China hatte der Jesuitenorden mit seinem Versuch, Anschluss an die intellektuellen Eliten des Landes zu gewinnen, zunächst einigen Erfolg. Die naturwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften Europas beeindruckten, der christliche Glaube dagegen fand viel weniger Interesse. Mit der Zeit rang sich der Orden auch dazu durch, die chinesischen Riten, vor allem bei der Verehrung der Ahnen und des Konfuzius, als mit dem Christentum vereinbar zu akzeptieren. Das führte zu heftigen Diskussionen in Rom, bis der Papst 1715 solche Akkomodationen verbot. Es war das Ende der Jesuitenmission in China, da der Kaiser von der christlichen Predigt nun eine Untergrabung der kulturellen, sozialen und politischen Strukturen befürchtete.

Während China im Europa eher bewundert wurde, fiel das Urteil zu Indien oft weniger positiv aus. Noch viele englische Prediger, die im frühen 19. Jahrhundert in großer Zahl dort arbeiteten, nahmen zur indischen Kultur, schreibt Maier, „eine durchweg ablehnende und nicht selten verächtliche Haltung ein“. Der katholische Priester Jean Antoine Dubois, der sich in Südindien in der Pockenimpfung engagierte, äußerte sich über sein Gastland durchaus respektvoll, kam jedoch, was die Aussichten der Mission unter den Hindus anging, zu einer skeptischen Einschätzung. Eine Skepsis, die wohl begründet war. In einer Antwort auf die christliche Mission entwickelten indische Gelehrte im späten 19. Jahrhundert „eine Neuinterpretation des Hinduismus“. Erstmals in ihrer Geschichte trat die indische Volksreligion nun „mit universalem Missionsanspruch“ auf. Heute ist der Hinduismus, schreibt Maier, nicht unbedingt mehr eine Religion, in die man hineingeboren wird, man kann „aus freien Stücken“ eintreten – auch als Europäer mit christlicher Tradition.

Es gehört zum Gesamtbild der christlichen Mission in Übersee, dass sich die Richtung seit der Aufklärung partiell auch umkehren konnte. Nicht dass Angehörige „fremder“ Religionen nun in Europa missioniert hätten – aber viele Intellektuelle zeigten sich fasziniert vom Islam, von Buddhismus und Hinduismus, von Konfuzianismus und Taoismus. Und auch durch die schriftlosen Kulturen, die oft als Urbilder edler Wildheit erschienen. Im späten 19. Jahrhundert wurde es geradezu Mode, aus den Riten und Glaubensvorstellungen verschiedenster Weltgegenden einen Ursprung des Phänomens „Religion“ ganz allgemein rekonstruieren zu wollen.

Dahinter stand, wie Maier erläutert, in der Regel weniger eine Abkehr vom Christentum als gerade umgekehrt die Auffassung, alle „fremden“ Religionen seien so etwas wie eine „Vorbereitung auf das Christentum“. Maier zitiert den deutsch-britischen Indologen Friedrich Max Müller, der 1873 erklärte, er wünsche, „die alten Religionen durch den Kontakt mit dem Christentum reformiert, reanimiert und neu belebt“ zu sehen. Etwas naiv setzte Müller voraus, „der Grad der Ähnlichkeit mit dem Christentum entscheide zugleich über die Entwicklungshöhe, den Wert und die Zukunftsfähigkeit einer Religion“.

Erst die Weltkriege, meint Maier, erschütterten sowohl „die Überzeugung von einer Sonderstellung des Christentums“ als auch den „europäischen Fortschrittsglauben“. Vielleicht auch unseren Glauben, die Ideen von Demokratie und Menschenrechten, wie sie in Europa und Nordamerika seit der Aufklärung formuliert wurden, könnten sich universal Geltung verschaffen? Da hat die politische Kultur des Westens, bei aller Säkularisierung, wohl auch heute noch etwas von einer Fortsetzung der christlichen Mission. Der Tübinger Religionswissenschaftler hat darauf verzichtet, diesen Komplex weiter auszuführen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Bernhard Maier: Die Bekehrung der Welt. Eine Geschichte der christlichen Mission in der Neuzeit, Verlag C. H. Beck, München 2021, 448 S. mit 25 Abb., ISBN 978-3-406-77443-0, 32,00 €


Mehr im Internet:
Bernhard Maier: Die Bekehrung der Welt, Verlag C. H. Beck
Mission - Wikipedia
scienzz artikel Christentum in der Neuzeit

 

 

 

 

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