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- MEDIZIN
Der Weg zum digitalisierten Menschen
Kapitalismus und die Enteignung der Gesundheit
My nano
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Das Folgende
bezieht sich auf die Lektüre vor allem dreier Texte. Zum einen des Buches "Die
Nemesis der Medizin" von Ivan Illich. Ich habe es Ende der Siebziger
und erneut letztes Jahr gelesen. Es
hieß ursprünglich (wesentlich treffender) "Die Enteignung der
Gesundheit" und ist unter dem neuen Titel wieder aufgelegt worden und
momentan immer noch erhältlich. Dann das Buch "Krisen, Kämpfe,
Kriege" von Detlef Hartmann, ein detailreiches Werk von 700 Seiten,
2015 erschienen. Schließlich ein vergleichsweise kurzer Artikel von Ariane
Bilheran "Chroniken des Totalitarismus - Wenn alles verrückt
wird..." , der hier auf scienzz nachzulesen ist. Diese drei Texte
zusammen gebracht lassen mich das, was seit eineinhalb Jahren geschieht,
einigermaßen verstehen.
1. Die
Vorgeschichte
Ausgangspunkt
ist ein Phänomen, das Kapitalismus genannt wird und für die globale Situation
momentan sicher verantwortlich ist. Kapitalismus ist eine gesellschaftliche
Kraft, die aus dem Bereich der Ökonomie stammte, aber schnell alle übrigen
Bereiche der Gesellschaft durchdrang und sich auch schnell global ausbreitete.
Ein wesentliches Element des Kapitalismus ist die Tatsache, dass das Kapital
auf etwas angewiesen ist, das sein Gegenteil und seine Ergänzung ist:
Arbeitskraft, über die es verfügen kann. Die muss erst einmal geschaffen
werden. Bauern müssen von ihrem Land vertrieben werden, damit sie keine andere
Möglichkeit mehr sehen, als in die Fabrik zu gehen. Handwerker, Landarbeiter
und andere Berufe müssen der Geldwirtschaft unterworfen werden, damit die
Fabrik ihnen als einzige Möglichkeit erscheint mit Hilfe eines Lohns in
Geldform zu überleben. Jegliche Subsistenzbasis muss zerstört werden. Die
komplette Zerstörung von "überkommenen", "vormodernen"
Lebensverhältnissen stand also am Anfang des Kapitalismus und gehört auch heute
noch zu seinen Spezialitäten.
Zu seinen Grundeigenschaften zählt weiterhin das Prinzip der Profitmaximierung.
Profitmaximierung ist etwas anderes als Profit: es geht nicht darum, Profit zu
machen, sondern mehr Profit zu machen als die Konkurrenz, die einem sonst
ruiniert oder auffrisst. Aus diesem Grund muss das Kapital sehr mobil sein,
immer dorthin gehen, wo maximale Gewinne möglich sind, oder sich die
Bedingungen dazu schaffen. So gehört es zu seinem Wesen, die Gesellschaft auf
Dauer vollständig zu durchdringen. Nichts ist vor ihm sicher. Aus diesem Grund
ist die kapitalistische Produktion immer auch Destruktion. Sie wird alle
äußerlichen Hindernisse zerstören, die ihr im Weg stehen. Sie wird auch alle
soziale Organisation, die ihr hinderlich ist, zerstören. Sie wird sogar ihre
eigene Form, wenn sie sie zu sehr einengt, ebenso zerstören.
Ein Beispiel: In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstand das, was
"Eisenbahnkapitalismus" genannt wurde. Die Eisenbahn stand im Zentrum
der Industrie, damit auch die Hüttenindustrie, der Maschinenbau usw. Die
Eisenbahn schuf eine Infrastruktur, die es vorher nicht gegeben hatte und die
für den Kapitalismus lebenswichtig war. Immense Werte wurden in diesen Bereich
investiert. Einige Jahrzehnte später war dies nicht mehr nötig. Andere
Industrien waren zu neuer Macht aufgestiegen (Elektro, Chemie, Fahrzeugbau).
Sie legten durch z.T. mafiöse Mittel den öffentlichen Schienenverkehr nun mehr
oder weniger still, nur einige strategisch wichtige Bereiche blieben noch
erhalten. Das Automobil war von nun an das neue universelle Verkehrsmittel. Im
Eisenbahnsektor und der dazugehörigen industriellen Infrastruktur gebundes
Kapital wurde vernichtet, Firmen gingen pleite, die Arbeiter mußten andere
Arbeitsplätze suchen, umschulen, umziehen oder sie wurden arbeitslos. Für die
USA ist dieser Vorgang z.B. sehr gut dokumentiert.*
Eine weitere Eigenschaft des Kapitalismus ist sein Zug zur Konzentration des
Kapitals. Es ballt sich in immer größeren Einheiten zusammen. Dadurch wird die
gesellschaftliche Sprengkraft, die es entwickelt, immens. Um die
Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert schrumpften in den USA Branchen
von über 4.000 Unternehmen auf etwas mehr als 200. Die Konzentration setzte
sich unvermindert fort. Heute beherrscht auf manchen Gebieten nur eine
einstellige Zahl von Konzernen den globalen Markt, d.h. die Produktion für
mehrere Milliarden Menschen. Bekannt geworden ist z.B. die weltumspannende
Macht von Saatgutkonzernen wie Monsanto (jetzt Bayer), die die Anbaustrategien
im hintersten Winkel der Erde bestimmen können.
Die Menschen sind wohl seit mehreren 100.000 Jahren auf der Erde. Nur maximal
fünfhundert davon sind vom Kapitalismus geprägt. Es gibt also kein
kapitalistisches Gen, keine biologisch verankerte Anpassung an diese
Lebensform. Sie muß deswegen immer wieder sozial hergestellt werden. Und zwar in
dauernd neuer Gestalt. In seinen diversen Phasen benötigt das Kapital eine
jeweils unterschiedliche menschliche Basis. Sobald der Kapitalismus sich selbst
wandelt, muß er die Lebensverhältnisse der vorherigen Stufe zerstören und neue
schaffen. Mal braucht er beispielsweise Heimarbeiter, mal Plantagenarbeiter,
mal Hungerproletariat, mal industrielle Facharbeiter, mal Kinderarbeit, mal gut
ausgebildete Kopfarbeiter, mal Großfamilie, mal Kleinfamilie, mal
Single-Haushalte usw. Die Übergänge gestalten sich fast immer als Krisen, dabei
herrscht eine "schöpferische Zerstörung", die der Bevölkerung als
"Fortschritt", "eine bessere Zukunft" oder
"Schicksal" verkauft wird. Die Umwandlungsprozesse sind aber immer
verbunden mit großer gesellschaftlicher Gewalt.
2. Der
Fordismus
Eine solche
große Umwälzung brachte Anfang des 20. Jahrhunderts den Fordismus hervor.
Vorreiter waren die USA, aber alle großen Ökonomien folgten. Delef Hartmann hat
dies umfangreich in seinem Buch "Krisen, Kämpfe, Kriege" geschildert.
Der Fordismus organisierte Arbeits- und Alltagsleben völlig neu.
Fließbandarbeit und "time-and-motion-studies" vervielfachten den
Druck auf die Arbeitenden und intensivierten ihre Leistung. Auch Verkehr,
Freizeit und Bildung wurden dementsprechend organisiert. Das "scientific
management" entstand mit dem Anspruch totaler Erfassung und Kontrolle der
Arbeits- (und bald auch Freizeit-) aktivitäten. Dies war nur mit unglaublicher
Gewalt herstellbar. Die alten Lebensformen mußten zerstört werden, damit sich
die Menschen in dieses Schicksal begaben. "Innovationsoffensive"
nennt sich dieser Vorgang, den der Kapitalismus regelmäßig in Gang setzt.
Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis alle Länder** in das fordistische
System gezwungen waren. Zwei Weltkriege brauchte es dazu, denn nichts bringt
den Effizienz-Wahn des Fordismus besser zur Entfaltung als die
Kriegswirtschaft. Hartmann zeigt, wie das fordistische System in den liberalen
USA ebenso wie im faschistischen Deutschland als auch in der stalinistischen
UdSSR die treibende gesellschaftliche Kraft wurde. In Deutschland wurden die
Systeme von Ford und Taylor begeistert aufgenommen, ebenso von den Bolschewiki
in der UdSSR. Die deutsche Organisation der Kriegswirtschaft wurde wiederum in
den beiden anderen Ländern bewundert und kopiert. Hartmann nennt diese
Situation "die feindlichen Brüder", die zwar in Konkurrenz
zueinander stehen oder sich sogar bekriegen, aber den gleichen systemischen
Zwängen unterliegen und ähnliche Apparate ausbilden, die sich auf bestimmten
Ebenen sogar einig sind und austauschen.
Die Gruppen, die diese Tendenzen aufnehmen und vorantreiben, werden zu
gesellschaftlichen Eliten, die eine unglaubliche Macht und Gewalt ausüben
können. Nicht nur können, sondern auch müssen. Terror muß herrschen, die Verhältnisse
müssen unsicher werden, damit Millionen Menschen als Manövriermasse für dieses
Experiment zur Verfügung stehen.
Das Gewaltpotential des Nationalsozialismus, des japanischen Imperialismus und
des Stalinismus sind augenfällig. Aber auch die USA stehen auf der gleichen
Stufe. Die Ausrottung der Ureinwohner befand sich in ihrer Abschlussphase, nach
dem Krieg gegen Spanien wurden Cuba und die Philippinen okkupiert, wobei auch
Vernichtungsfeldzüge durchgeführt wurden. Ein immenses Gewaltpotential war vorhanden.
Dazu kam noch der permanente Alltagskrieg gegen die schwarze Bevölkerung und
bestimmte migrantische Gruppen. Diese Faktoren hielten das Gewaltniveau auf
einem konstant hohen Niveau.
Dies klingt vielleicht alles etwas schematisch und konstruiert, es ist aber
unmöglich, den Inhalt eines 700-Seiten-Buches in wenigen Zeilen wiederzugeben.
Deswegen sei dessen Lektüre allen dringend empfohlen, die die jetzige Situation
verstehen wollen.
3. Die neue
Ordnung
1945 war ein
Großteil der Welt fordistisch strukturiert oder zumindest ins fordistische
System integriert. Heute hat der Fordismus seinen Zenit überschritten und wird,
wie die früheren Formen des Kapitalismus, untergehen. Eine neue Form wird
erscheinen, eingeleitet von einer weiteren Innovationsoffensive, die die
Tendenzen des Kapitalismus, den Zugriff auf die Individuen und die Natur zu
intensivieren und andererseits zu immer größerer Kapitalkonzentration zu
führen, auf neuer Stufe fortführt.
Überflüssiges Kapital muß vernichtet oder radikal umgestaltet werden (vor allem
in den zentralen fordistischen Bereichen), ebenso ein Großteil der
fordistischen Infrastruktur und schließlich auch die fordistisch verfasste
Arbeitskraft. Das muß sehr schnell gehen, schockartig, da das Kapital ja genau
jetzt vor seinen gewaltigen Widersprüchen und Krisen steht und keinen Aufschub
und keinerlei Stillstand gebrauchen kann. Es darf seinen Gegnern auch keine
Zeit zur Formierung eines Widerstandes geben.
Der Fordismus hatte den Massenproduzenten und den Massenkonsumenten eingeführt
bzw. durchgesetzt. Es ist wahrscheinlich, dass diese Funktionen verschwinden
werden. Welche neuen Formen entstehen, können und wollen sich die
wenigsten Kritiker des Kapitalismus vorstellen. Es ist aber klar, dass
Massenproduzenten und Massenkonsumenten nur historische Formen waren, und
nichts wäre weniger "historisch-materialistisch" als
anzunehmen, dass diese Formen ewig bestehen bleiben.
Die neue Zugriffsintensität zeichnet sich schon ab: digitale Kontroll-, Steuer-
und Eingriffsmöglichkeiten, das gleiche auf den Gebieten der Biochemie,
Neurologie und Genetik. Der Fordismus hatte seine Insassen als Mangelwesen
bezüglich des Konsums definiert. Sein Nachfolger definiert sie als Mangelwesen
hinsichtlich der genannten Bereiche. Man kann nur mit Entsetzen erahnen, was
das bedeutet.
Wie bei der Etablierung des Fordismus ist auch die heutige Umgestaltung mit
einer unglaublichen gesellschaftlichen Gewalt verbunden. Erneut tauchen
gesellschaftliche Gruppen auf, die sich dieses Programm zu eigen machen und
sich dabei in einen Rausch hineinsteigern, ,
wie Ariane Bilheran ihn beschreibt. Wie sie sagt und wie sich historisch
gezeigt hat, schlägt dieser Wahn um in perverse Handlungen: Mord, Missbrauch,
pausenlose Gängelung, Überwachung, Verfolgung und Vernichtung. Das ergibt sich
daraus, dass diese Gruppen für diesen kurzen historischen Moment das Gefühl
totaler Macht und unbegrenzter Machbarkeit verspüren. Das alte System wankt,
sie sind die Boten des Neuen, Träger einer historischen Mission, haben die
ganze Kraft und Aggressivität des "neuen" Kapitals hinter sich und
können auf seinen Schock-Tsunamis reiten. Dieses "irrationale"
Verhalten steht durchaus in Einklang mit der "rationalen" Entwicklung
des kapitalistischen Systems. Die (ökonomischen) Ziele des Gesamtprozesses sind
in sich logisch, die Akteure können trotzdem paranoide Gruppen bilden.
Es ist natürlich kein Zufall, dass die Institutionen, die zum globalen
Gesundheitsmanagement geschaffen wurden, nun zum globalen Management überhaupt
umfunktioniert werden. Geht es doch den Menschen nicht nur mehr an die
Arbeitskraft, sondern an ihre biologische Basis überhaupt. An ihre Zellen, ihre
Organe, ihr Genom, alle Daten hierzu und all ihre Äußerungen als lebendige
Wesen. Dem sehen wir uns jetzt gegenüber.
Mehr im Internet: ARTE-Doku " (französischer
Originaltitel: "L'homme a mangé la terre") ab Minute 27:00.
Die ganze Doku, die die Zerstörungskraft des Kapitalismus mit verschiedenen
Beispielen dokumentiert, ist absolut sehenswert. Sogar ein Muss.
** Nicht alle Länder waren und sind fordistisch, aber alle sind an dieses
System angekoppelt. Es gibt ein tolles Buch "Der Pilz am Ende der
Welt", das zeigt, welch abstrusen Systeme existieren, die die Dinge
produzieren, die dann in die Lieferkette kommen; sie kommen schließlich alle in
die Lieferkette.
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