- SOZIALE FRAGE
Statt sozialer Almosen kindlichem Egoismus entwachsen
Klimakrise und Zerstoerung der Lebensgrundlagen lassen sich nur mit einer reifenden Menschheit abwenden
Christfried Lenz
 | | Bild: planet fox auf pixabay
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Die Grünen treten als einzige Partei für eine Erhöhung der
Spritpreise um 16 Cent bis 2025 ein. Die anderen Parteien entdecken im
Wahlkampf ihr soziales Herz und sind dagegen. Auch die Grünen können da nicht
zurückstehen und machen Hoffnung auf Entlastungen für Minderbemittelte. An der
Tankstelle bezahlen sollen aber erst mal alle. Hinterher können die „sozial
Schwachen" in den Genuss von Ausgleichsmaßnahmen kommen, sofern sie einen
Formular- und Beantragungskrieg erfolgreich absolviert haben. Ob jede/r
potenziell Berechtigte Zeit, Nerven und Geschick hierfür aufbringen kann,
dürfte fraglich sein.
Immer geht es halt „auf die Kleinen".
Die „Großen" brauchen sich nicht mit Formularen rumzuärgern. Wer in der
Fahrzeugklasse von - sagen wir mal - 100.000 Euro an aufwärts unterwegs ist,
interessiert sich doch nicht für den Spritpreis!
Entsprechend verhält es sich natürlich bei jeglicher Marktlenkung durch Steuern
und Abgaben. Das Verhalten derjenigen, deren Einkünfte das Vielfache dessen
betragen, was sie überhaupt verbrauchen können, wird dadurch nicht beeinflusst.
Ordnungsrechtlich gäbe es Möglichkeiten. Man könnte zum Beispiel das Benutzen
von Autos verbieten, die mehr als 7 Liter pro 100 km verbrauchen. Welcher
Politiker würde sich aber mit den Führungskräften der Wirtschaft anlegen? Da
greift er doch lieber zu dem wohlfeilen Argument: Die Superreichen sind ja so
wenige. Wenn wir denen die Luxuskarossen wegnehmen, wirkt sich das auf den
Flottenverbrauch überhaupt nicht aus. Warum sollten wir sie also verärgern?
Die Atom- und Kohlekraftwerke mit ihren immensen Auswirkungen hat man ihnen
„weggenommen", doch auch dies auf eine Art, die die Eigentümer nicht
verärgerte. Mit den Entschädigungssummen fahren sie besser, als wenn sie die
meist altgedienten Anlagen selber verschrotten müssten.
Da kommt sie wieder in Erinnerung, die alte Geschichte: der Hase kann rennen,
wie er will, im Ziel sitzt immer schon der Igel.
SPD und LINKE nutzen die 16-Cent-Aussage Baerbocks als Steilvorlage für die
Selbstprofilierung als Hüter des „sozialen Gedankens". - Und ja, obwohl es sich
- insbesondere bei der SPD - um reine Wahlkampftaktik handelt, weht darin noch
ein fernes Echo der Arbeiterbewegung herüber, welcher beide Parteien
entstammen. Echo einer Zeit, in der sehr viel klarer war als heute, dass in der
parlamentarischen „Demokratie" nicht das Volk herrscht, sondern die Führer der
kapitalistisch strukturierten Wirtschaft die Macher und folglich Machthaber
sind.
Diese Situation ist heute ebenso überaltert wie die Kohlemeiler. Die Aufgabe
des Kapitalismus bestand in der weitgehenden Unabhängigmachung des Menschen von
den Gefahren und Misshelligkeiten, die die Natur eben auch besitzt. Dieses Ziel
ist erreicht. Weiteres Zurückdrängen der Natur schlägt um in Destruktion
unserer eigenen Lebensgrundlagen.
Das quantitative Wachstum „mehr, schneller, besser" hat sein Ende erreicht und
ist heute durch das Wachsen einer neuen Qualität abzulösen: der nachhaltigen
Subsistenzbewirtschaftung des Planeten.
Hierbei kommt das Interesse am Profit zum Erliegen und damit zum Beispiel auch
das Interesse an Superluxus-Autos. Es gibt so viele und verschiedenartige
Talente, die zum Funktionieren der Gesellschaft alle unverzichtbar sind. Wieso
soll jemand, dessen Talent im Umgang mit Geld liegt, gegenüber einem Ingenieur,
einem Handwerker, einem Künstler oder einem Lehrer derart bevorzugt werden? -
Warum sollte nicht auch ihm ein 7-Liter-Auto genügen - bzw. ein Elektroauto,
wenn auch kein SUV mit zwei Motoren?
Zu besagtem qualitativen Wachstum gehört, bewusstseinsmäßig den Kinderschuhen
zu entwachsen: „Ich bin aber besser als du, mein Auto ist aber schneller als
deins" und so weiter. Die nötige Transformation der Energieerzeugung und der
ganzen Wirtschaftstätigkeit ist nur gemeinsam mit einem Wachstum des
Bewusstseins möglich.
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