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- APOLOGETIK
Ein unserioeses Diskussionspapier
Zwei Wissenschaftler versuchen, Demonstranten als Verbreiter von Infektionen zu diffamieren
Jens Walter
 | | Demo am 18. September in Berlin
Bild: scienzz
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Martin Lange und Ole Monscheuer behaupten öffentlichkeitswirksam, eine Ausweitung der Infektionen durch Kritiker der Corona-Maßnahmen nachweisen zu können. Obwohl nur als
Diskussionspapier vorgestellt, wurde diese Arbeit durch
Pressemitteilungen verbreitet und von den Medien bereitwillig
aufgenommen. Der Inhalt ist allerdings äußerst fragwürdig.
Das Diskussionspapier, das federführend am Zentrum für Europäische
Wirtschafsforschung (ZEW) entstanden ist, wurde sowohl auf den Seiten
des ZEW und der Leibnitz-Gesellschaft durch Pressemitteilungen bekannt
gemacht und durch die Medien sehr schnell verbreitet -- selbst das ZDF
erwähnte es in den Nachrichten. Beschäftigt man sich jedoch näher mit
dem Artikel, so wird sehr schnell klar, dass diese mediale Resonanz nur
dem behaupteten Ergebnis geschuldet ist, das so ganz in das gegenwärtige
Narrativ passt. Handwerklich ist er schlecht gemacht und kann kaum als
wissenschaftliche Arbeit bezeichnet werden.
Obwohl nicht anzunehmen ist, dass der -- in keiner Zeitschrift
veröffentlichte oder gar geprüfte -- Artikel eine internationale
Relevanz hat, ist er in englischer Sprache verfasst. Das soll wohl eher
der Anschein einer Seriosität unterstreichen, die der Inhalt nicht
liefern kann.
Bereits der erste Satz widerspricht dem Anspruch einer objektiven und
neutralen Arbeit, werden doch die Skeptiker der Regierungsmaßnahmen als
"deniers" also "Leugner" bezeichnet. Diese zur Diffamierung
der Maßnahmen-Skeptiker eingesetzte Beleidigung hat in einer
wissenschaftlichen Arbeit nichts zu suchen. Dafür liefert dieser Satz
gleich zu Beginn einen deutlichen Hinweis auf die "Gesinnung" der
Autoren, die sich wie ein roter Faden durch die Arbeit zieht.
AfD-Wähler und Impfgegner
Um methodisch einen Einfluss der Skeptiker auf die Verbreitung des
Virus belegen zu können, stehen die beiden Autoren vor dem Problem,
diese überhaupt als Personengruppe identifizieren zu können. Ihr Ansatz
ist, sie anhand des politischen Spektrums zu beschreiben und auf diesem
Wege auch deren geografische Verteilung festlegen zu können.
Dazu verweisen sie auf die Studie des Basler Soziologen Oliver
Nachtwey und seines Teams, die die Proteste gegen die Maßnahmen
demografisch analysieren und erste Ergebnisse in einer gut gemachten
Grundauswertung am vorlegten. Aus dieser Arbeit geht das
folgende Wahlverhalten der Skeptiker bei der letzten Bundestagswahl
hervor.
- 23% Die Grünen
- 21% Sonstige
- 18% Die Linke
- 15% AfD
- 10% CDU/CSU
- 7% FDP
- 6% SPD
Diese Verteilung zu nehmen und daraus anhand des Ergebnisses der
EU-Wahl von 2019 eine regionale Verteilung der Skeptiker abzuleiten, ist
durchaus probat. Allerdings wäre hier zu diskutieren, welche
Unterschiede zwischen der EU-Wahl und der Bundestagswahl bestehen und ob
noch andere Einflussfaktoren wie eine Ost-West- oder
Nord-Süd-Verteilung vorliegen, die das Ergebnis verfälschen.
Stattdessen weisen die Autoren daraufhin, dass sich vor allem die AfD
im Widerstand stark gemacht hat und dass zwei Drittel der AfD-Anhänger
Corona-Skeptiker seien. Unter Berufung auf die Nachtwey-Studie würden
bei der nächsten Wahl der größte Teil der Skeptiker AfD wählen. Die
tatsächlichen Antworten bei Nachtwey auf die Frage "Welche Partei würden sie heute wählen?" war:
- 61% Andere
- 27% AfD
- 6% FDP
- 5% Die Linke
- 1% Die Grünen
- 1% CDU/CSU
- 0% SPD
Die Aussage der Autoren ist in diesem Falle also falsch und
vermutlich haben sie diese Studie nicht einmal gelesen, sondern sich vor
allem an den Meldungen der Leitmedien und den Aussagen der Politiker
zum Thema der Corona-Proteste orientiert. So kommen sie zu der
verblüffend einfachen Grundannahme, dass die Maßnahmen-Skeptiker den
AfD-Wählen gleichzusetzten sind. Die 73% der Skeptiker, die laut der
Nachtwey-Studie nicht die AfD wählen, sind ihnen dabei nicht einmal
einer Erwähnung, geschweige denn einer Diskussion wert.
In der gleichen Studie wird erwähnt, dass sich 83% der
Protestierenden nicht gegen Corona impfen lassen würden. Obwohl es sich
bei dieser Impfung um ein höchst strittiges Thema handelt, nehmen die
Autoren es zum Anlass, die Skeptiker den Impfgegnern gleichzusetzten.
Diese identifizieren sie anhand derjenigen Kinder, die mit 15 Monaten
nicht gegen Masern geimpft sind, und verwenden dies als einen
geografischen Indikator. Eine tiefergehende Diskussion dieser gewagten
These sucht man vergebens.
Mit diesen falschen oder nicht ausreichend diskutierten Grundannahmen
stellen die Autoren in wenigen Worten eine Gleichung vor, mit der sich
rekursiv der Einfluss der AfD-Wähler und der
mit-15-Monaten-nicht-gegen-Masern-geimpften-Kindern auf die Inzidenz
bestimmen lasse. Diese Darlegung ist wiederum so knapp gehalten ist,
dass es mir nicht möglich war, diese Methode nachzuvollziehen.
Aus den Ergebnissen dieser fragwürdigen Berechnung ziehen die Autoren
die Schlussfolgerung, dass es eine "starke Korrelation" gibt zwischen
der regionalen Unterstützung der AfD und den "Infektionen":
"A one percentage point increase in the AfD vote share corresponds to an increase of the seven-day-incidence rate of approximately 15 at the end of 2020." [1]
Mit Honk 4 Hope zu den Demos
In einer Art zweitem Teil findet sich ein "empirischer Ansatz", der
die Demonstrationen am 7. 11. in Leipzig und am 18.11. in Berlin betraf.
Auch hier standen die Autoren vor dem Problem, die Demonstranten
geografisch zu verorten und auch hier haben sie eine interessante
Methode gefunden: die Honk-for-hope-Busse (H4H). Mit einer merkwürdigen
Argumentation kommen die Autoren zu dem Schluss, dass dort wo viele
Angebot für H4H bestehen (verglichen mit Flix-Bus), auch eine hohe
Nachfrage besteht. In diesen -- meist kleineren -- Ortschaften finde
sich also eine besonders hohe Dichte von Skeptikern.
Nach einer ebenfalls sehr kurz gehaltene Darstellung eines rekursiven
Ansatzes, präsentieren sie das Ergebnis, das die Infektionsraten
überall dort stärker gestiegen sind, wo H4H-Busse starteten.
Dabei scheint den Autoren völlig entgangen zu sein, dass zum einen
der Zug -- vor allem in größeren Städten -- ein interessantes
Transportmittel ist, und zum anderen auch das Auto ein in Deutschland
nicht zu vernachlässigendes Transportmittel ist. Es ist darüberhinaus
anzunehmen, dass von den Orten, an denen keine H4H-Haltestellen sind
mehr Menschen andere Transportmitteln verwendet haben. Doch die
Diskussion solcher Fehlereinflüsse wird von den Autoren genauso
vermieden, wie eine Bezugnahme auf die tatsächlichen Fallzahlen, die
dieses Ergebnis widerspiegeln müssten. Stattdessen beschreibt der
Artikel die Situation so, als habe sich die Entwicklung ohne größere
regionale Unterschiede und überall gleich vollzogen. Erst durch die
Demonstrationen wäre es zu erheblichen Anstiegen gekommen. Tatsächlich
gab es aber zu allen Zeitpunkten große regionale Unterschiede.
Fazit
Die Ergebnisse dieses Diskussionspapiers sind aufgrund der sehr
dünnen und teilweise falschen Grundannahmen selbst dann kaum belastbar,
wenn die Berechnungen stimmen würden. Aber das ist aufgrund des
unseriösen Gesamtbildes dieser Arbeit sehr zu bezweifeln, werden doch
fast klischeehaft die Kritiker der Corona-Maßnahmen gleichsetzt mit
AfD-Wählern, die Impfungen verweigern und sich vorwiegend mit H4H-Bussen
fortbewegen.
Der Aufsatz ist an keinem Punkt selbstkritisch und zeigt weder die
Grenzen der Grundannahmen auf, noch legt er die verwendeten Modelle
präzise dar. Stattdessen wird die "Haltung" der Autoren präsentiert,
eingebettet in eine dazu passende Sprache und garniert mit einem dazu
passenden Ergebnis. Die Kritiker der Maßnahmen werden offen abgelehnt,
was sich insbesondere auch in den letzten beiden Abschnitten zeigt, die
kaum auf die Ergebnisse der Arbeit eingehen: Sie lesen sich sich wie
eine persönliche Abrechnung mit einem Feind.
Zu den Autoren der Studie
Martin Lange ist Volkswirt und arbeitet am ZEW. Sein
Forschungsbereich ist "Arbeitsmärkte und Personalmanagement" und er hat
sich vor allem mit den Auswirkungen von Migration und Flüchtlingen
beschäftigt. Zur Finanzierung des ZEW findet sich in der Wikipedia der
folgende Passus:
"Die Finanzierung des ZEW erfolgt zum größten Teil aus Mitteln des
Landes Baden-Württemberg sowie seit dem Jahr 2005 aus der
Bund-Länder-Finanzierung; diese institutionelle Förderung betrug im Jahr
2019 ca. 61 Prozent. Drittmittel (inklusive „sonstiger Erträge")
machten 36 Prozent aus. Die restlichen 3 Prozent sind Rücklagen. Die
Drittmittel des Instituts stammen zu 45 % von Bund und ausländischen
Ministerien, 18 % von den Bundesländern, ebenfalls 18 % von Stiftungen,
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und wissenschaftlichen
Einrichtungen, 12 % von Unternehmen und Verbänden und zu 7 % von
Europäischen Institutionen." [4]
Sein Mitautor ist von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der
Humbold-Universität. Auch er hat sich laut seiner Literaturliste
vorwiegend mit Immigration beschäftigt.
Betrachtet man diese unseriöse Arbeit vor dem Hintergrund der von
"Welt am Sonntag" veröffentlichten "engen Kooperation" von Politik und
Wissenschaft [7,8], so ist man durchaus geneigt, auch hier eine Art
"Auftragswerk" zu sehen. Umgesetzt an einem Institut, das zu einem
großen Teil staatlich finanziert ist und enge Kontakte zur Politik
pflegt, geschrieben von fachfremden Autoren, die auch bisher an
politisch brisanten Themen gearbeitet haben.
Wie bei dem "Haltungsjournalismus" gibt es eine Art
"Haltungswissenschaft", die dem Aufzeigen der eigenen Überzeugung den
Vorrang vor Objektivität und Wahrheitssuche gibt. Wissenschaftlich
unbrauchbar, aber ein willkommenes Futter für politisch abhängige
Leitmedien und fragwürdige Faktenchecker.
Quellen und Verweise: [1] Spreading the Disease: Protest in Times of Pandemics http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/dp/dp21009.pdf [2] Reitschuster - „Studie" zu Corona-Protesten [3] Studie von Nachtwey e.a. https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f/ [4] Wikipedie: ZEW [5] Ole Monscheuer http://olemonscheuer.com/#section-teaching [6] Martin Lang [7] Welt: Innenministerium spannt Wissenschaftlcer ein [8]
Welt: Wie das Innenministerium Wissenschaftler einspannte
(Bezahlschranke)
https://www.welt.de/politik/deutschland/plus225868061/Corona-Politik-Wie-das-Innenministerium-Wissenschaftler-einspannte.html
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