- STADTKULTUR
Das Ende des Verkaufspalastes
Der Lockdown als Wegbereiter des Niedergangs urbanen Lebens
Klaus Oberzig
 | | Einkaufsmeile Berlin Alexanderplatz
Bild: scienzz
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„Auf IKEA.de sind wir auch weiterhin 24 Stunden am Tag für
dich da! Hier erfährst du auch, wann wir unsere Einrichtungshäuser wieder für
dich öffnen", ist auf den Webseiten der deutschen Ikea-Einrichtungshäuser zu
lesen. Alleine der Weihnachtsbaumverkauf finde weiterhin statt. Was
vordergründig wie eine Folge des Lockdowns ausschaut, entpuppt sich bei näherem
Hinsehen als von langer Hand vorbereitete Umstellung vom stationären Verkauf
hin zum Onlinegeschäft. Bei Ikea nennt sich das „Click & Collect Service".
Und der läuft natürlich trotz Schließung der Häuser weiter. „Bestell einfach
online und hole Deine Bestellung zu Deinem Wunschtermin bei uns ab", so die
freundliche Ansage. Der Wandel vom stationären Handel hin zum digitalen
Onlineshopping ist also auch hier in vollem Gange. Allerdings erklärt sich
keines der Unternehmen und legt seine Pläne offen.
Ähnlich sieht es bei Media Markt und Saturn aus. Auch hier herrscht
scheinheiliges Gefasel. Man wäge zwischen gesundheitlicher Notwendigkeit und
wirtschaftlichem Nutzen ab. Man habe in den letzen Monaten gelernt, mit solchen
Situationen umzugehen und könne alle Produkte sowie Service und Beratung „off-
wie online" anbieten. Damit wird aber auch eingestanden, dass die
Elektronikketten längst in der Lage sind, auf ihre Verkaufspaläste zu
verzichten und das Geschäft im Stil von Amazon zu betreiben. Eine Verlängerung
des Lockdowns, so klingt es zwischen den Zeilen, wäre ihnen nicht unlieb. Wenn
da nur nicht die Gewohnheiten des Publikums wären. Und von denen gehen viele
immer noch lieber shoppen und bummeln in der Stadt. Der Lockdown ist der
erzwungene Bruch mit dieser Kultur.
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Shopping bei Saturn oder Media Markt wird mangels Gelegenheiten aus der Mode kommen - Bild: scienzz
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DIW-Präsident Fratzscher, ein Wirtschaftsprofessor, gab vor zwei Wochen die
„wissenschaftliche" Begleitmusik. Ein „härterer Lockdown ist die bessere Option
für Gesundheit und Wirtschaft", meinte er. So streut einer, der genau weiß
wohin der Hase läuft, seinen verbalen Puderzucker über den Lockdown und dessen
Folgen für die Menschen. Alles paletti und die Regierung hat mit dem Lockdown
ein super Konzept, so seine Botschaft. Für eine kleine Anzahl von Unternehmen
dürfte das schon gelten, aber viele werden diese Radikalkur nicht überleben.
Für Hunderttausende Beschäftigte und deren Familien kündigt sich vielmehr ein
Desaster an. Das fällt wohl nicht ins Fach des Wirtschaftswissenschaftlers.
Es geht vor dem Hintergrund massiver Einsparungen durch die Digitalisierung
nicht nur um die massenhafte Freisetzung von Beschäftigten. Die genannten
Beispiele stehen für das Gesicht unserer Städte, ebenso wie die klassischen
Kaufhäuser, Supermärkte, Einzelhandelsgeschäfte, Boutiquen und Restaurants. Der Lockdown ist
der Beginn einer brachialen Strukturveränderung der Städte, der demnächst wie
im Zeitraffer ablaufen wird. Nicht mehr lange hin und diese Zentren des
städtischen Lebens werden leer bzw. dem Immobilienmarkt zur Verfügung stehen.
Ob eine durchdigitalisierte Gesellschaft überhaupt noch Städte braucht -
abgesehen von Konzernzentralen, Regierungspalästen und Schlafquartieren - wird
sich in den kommende Jahren herausstellen.
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