- UMWELTZERSTOERUNG
Das Plastiktueten-Paradoxon
Allen Sonntagsreden zum Trotz nimmt die Plastikverwendung zu
Dr. Jens Walter
 | | Bild: EKM Sachsen auf Pixabay
| | |
Plastik ist ein praktisches Material. Es lässt sich in nahezu
beliebige Formen bringen und kann die unterschiedlichsten Eigenschaften
haben: transparent, gefärbt, flexibel oder hart. Viele Kunststoffe
lassen sich darüberhinaus gut recyceln. Irgendwie ist Plastik fast schon
ein magisches Material ...
Aber trotz dieser Vorzüge hat es seinen guten Ruf doch verloren. Wir
kennen die Bilder von den vermüllten Stränden und den Abfallbergen,
wissen von den Plastikinseln in den Ozeanen und vom Mikroplastik in den
Fischen. So manch ein ökologisch denkender Menschen ruft nach Verboten
und verzichtet auf Einwegplastik, manch ein gesundheitsbewusster Mensch
wirft seine alten und wegen der Weichmacher in Verruf geratenen
Tupperdosen und Gießkannen weg, um wieder zu Glas und Blech
zurückzukehren.
Doch was wäre, würden wir die Plastiktüten abschaffen?
Problematisch wäre es nicht: Einkaufen geht ja auch mit dem eigenen
Korb oder mit einem Pfandsystem. Händler und Kunden würden sich die
Kosten für die Tüten sparen und die Umwelt wäre deutlich entlastet.
Darüberhinaus würde Energie, Rohstoff und Arbeitskraft eingespart.
Soweit die physikalische Bilanz.
Wirtschaftlich betrachtet würde ein ganzer Industriezweig leiden. Die
beteiligten Firmen müssten Mitarbeiter entlassen und würden
möglicherweise sogar in die Insolvenz gehen. Und keiner der Beteiligten
würde sich wohl für diese Einsparungen an Energie, Rohstoff und
Arbeitskraft sonderlich begeistern können - weil keiner der Beteiligten
etwas davon hätte.
Ich nenne es das Plastiktüten-Paradoxon. Es lässt sich in der
gleichen Art auf alle möglichen Produkte unserer Zivilisation
übertragen. Sogar auf ärztliche Dienstleistungen: Stellen wir uns vor,
es würde gegen Krebs eine einfache pflanzliche Arznei gefunden, die
wirksam wäre und keine Nebenwirkungen hätte. Würde sich der Radiologe,
der gerade in eine neue Bestrahlungsanlage investiert hat, über diese
Nachricht freuen?
Wohl kaum, sie würde eher Existenzängste auslösen und diesen Arzt
damit auch in ein bewusstes oder unbewusstes moralisches Dilemma
stürzen.
Der Kern unserer am Darwinismus orientierten Wirtschaftsordnung liegt
eben darin, dass es immer Gewinner und Verlierer gibt. Dabei wäre es
wesentlich sinnvoller, die vielen hilfreichen und entlastenden,
technischen Errungenschaften zum Wohle aller einzusetzen. Wenn alle von
den offensichtlichen Einsparungen bei dem Verzicht auf Plastiktüten
profitieren würden, wären solche Vorhaben wesentlich einfacher
umzusetzten - und es wäre auch einfach gerechter.
Man könnte sich endlich darauf konzentrieren, immer das Beste,
Langlebigste und wirklich Benötigte zu produzieren, statt aus Rücksicht
auf den Umsatz immer kürzere Produktlebenszeiten anzustreben und mit
viel Werbung die Menschen dazu zu bringen, auch noch den absurdesten
Fließbandschrott unbedingt kaufen zu wollen.
Doch solange wir den Kern unserer Wirtschaftsordnung nicht ändern und
ihn den Belangen der Menschen und der Natur unterordnen, werden wir
wohl kaum die vielfältigen sozialen und ökologischen Probleme lösen
können, die mit immer größerer Wucht auf uns zukommen. Auch wenn die
Politik uns gerne erzählt, dass alles bleiben kann wie es ist, nur eben
etwas "grüner", und auch wenn viele das gerne glauben möchten: Wir
werden so das Plastiktütenparadoxon nicht lösen - und im Endeffekt den
Karren mit Vollgas gegen eine Wand fahren.
Quellen und Verweise:
|