- KLIMAKRISE
Beunruhigende Warnzeichen aus dem Eis
Niklas Boers & Martin Rypdal
 | | Bild: Dassel auf pixabay
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„Wir haben Belege dafür gefunden, dass sich der zentral-westliche Teil des
Grönland-Eisschildes destabilisiert hat", erklärt der Erstautor Dr. Niklas
Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und der Freien Universität
Berlin. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es in der Zukunft zu
einem deutlich verstärkten Abschmelzen kommen wird - was sehr besorgniserregend
ist."
Ein Schlüsselmechanismus, der die Gesamtstabilität des grönländischen
Eisschildes bestimmt, ist ein Rückkopplungsmechanismus namens melt-elevation feedback: Im Wesentlichen
führt ein Temperaturanstieg zum Schmelzen, wodurch sich die Höhe des
Eisschildes verringert. Auf einem Berg ist es oben kalt und unten weniger kalt.
Wenn also die Oberfläche des Eisschildes schmilzt, sinkt es in die tiefere,
wärmere Umgebungsluft - was wiederum zu beschleunigtem Schmelzen und
zusätzlichem Höhenverlust führt. Ein Teufelskreis.
„Dieser Mechanismus ist seit Langem bekannt, und er ist einer der
Hauptverdächtigen für die festgestellte Destabilisierung der zentral-westlichen
Teile des grönländischen Eisschildes. Aber wir können nicht ausschließen, dass
auch andere Rückkopplungen eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel im
Zusammenhang mit der Albedo des Eisschildes", erklärt Niklas Boers.
Beunruhigende Warnzeichen
Für ihre Analyse zogen Niklas Boers und sein Co-Autor Martin Rypdal von der
Arctic University of Norway Meeresspiegeltemperaturen von Wetterstationen,
Schmelzintensitäten aus Eisbohrkernen in Zentralwestgrönland sowie
entsprechende Computermodell-Simulationen heran - und fanden in den
Schwankungen der Eisschildhöhen beunruhigende Frühwarnzeichen, die darauf
hindeuten, dass ein Kippen dieses Teils des Eisschildes bevorstehen könnte.
„Die Warnzeichen werden durch charakteristische Veränderungen in der Dynamik
des grönländischen Eisschildes verursacht, die widerspiegeln, wie gut sich der
Eisschild gegen Störungen wehren und sich von ihnen erholen kann", so Rypdal.
Nach bisherigen Modellergebnissen ist das Abschmelzen des Grönlandeisschildes
ab einer kritischen Schwelle der globalen Mitteltemperatur von 0,8 bis 3,2 Grad
Celsius über dem vorindustriellen Niveau unvermeidlich. Sobald diese Schwelle
überschritten wird, könnte der gesamte Eisschild über hunderte oder tausende
von Jahren vollständig abschmelzen, was zu einem globalen Meeresspiegelanstieg
von mehr als 7 Metern und einem Zusammenbruch der atlantischen meridionalen
Umwälzzirkulation (AMOC) führen könnte, die für die relative Wärme in Europa
und Nordamerika verantwortlich ist.
Doch neben mehreren positiven Rückkopplungen, die das Schmelzen beschleunigen,
gibt es auch negative Rückkopplungen, die den grönländischen Eisschild auf
mittleren Höhen stabilisieren könnten, vor allem durch zunehmende Akkumulation.
„Wir müssen dringend das Zusammenspiel der verschiedenen positiven und
negativen Rückkopplungsmechanismen besser verstehen, die die aktuelle
Stabilität und die zukünftige Entwicklung des Eisschildes bestimmen", sagt
Niklas Boers.
Die Zukunft des Eisschildes ist ungewiss
Die Studie legt nahe, dass sich zumindest der zentral-westliche Teil des
grönländischen Eisschildes einer kritischen Temperaturschwelle nähert. Doch wie
sich dies auf den Eisschild als Ganzes auswirkt, bleibt unklar: „Angesichts der
Anzeichen, die wir in Eiskernen aus dem zentral-westlichen Teil entdecken, müssen
wir mehr Beobachtungen sammeln und unser Verständnis der entsprechenden
Mechanismen verbessern, damit wir verlässlichere Schätzungen über die
zukünftige Entwicklung des Grönland-Eisschildes machen können", sagt Rypdal.
„Das größte Problem ist die sogenannte Hysterese", erläutert Boers weiter:
„Unabhängig vom genauen Zusammenspiel der verschiedenen Rückkopplungen müssten
wir die Temperaturen deutlich unter das vorindustrielle Niveau absenken, um
wieder die Eisschildhöhe der letzten Jahrhunderte zu erreichen. Praktisch wird
also der gegenwärtige und in naher Zukunft zu erwartende Massenverlust des
Eises weitgehend irreversibel sein. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir die
Treibhausgasemissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe schnell und deutlich
reduzieren und das Eisschild und unser Klima wieder stabilisieren."
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